Hochzeit auf den ersten Blick 2018 : Das sagt Dr. Köhldorfer zur Kritik an ihrer Sat.1-Ehe-Show

Sandra Köhldorfer sucht in der Sat.1-Show „Hochzeit auf den ersten Blick“ seit fünf Jahren perfekte Paare.
Sandra Köhldorfer sucht in der Sat.1-Show „Hochzeit auf den ersten Blick“ seit fünf Jahren perfekte Paare.

Bei „Hochzeit auf den ersten Blick“ (Sat.1) stiftet Sandra Köhldorfer Ehen. Im Interview stellt sie sich der Kritik am Format.

svz.de von
01. November 2018, 11:58 Uhr

Berlin | Zum fünften Mal stiftet die Sat.1-Kuppelshow „Hochzeit auf den ersten Blick“ rechtsgültige Ehen unter Unbekannten. Eine der Expertinnen, die das Blind Date auf dem Standesamt mit wissenschaftlichen Tests vorbereiten, ist die Psychoanalytikerin Dr. Sandra Köhldorfer. Im Interview bewertet sie ihre Erfolgsquote von knapp 18 Prozent, erwägt Fachpublikationen zum TV-Experiment und verrät, welches Tier sie wählen würde, wenn sie ihre eigene Traumbeziehung mit Spielzeug-Tieren symbolisieren sollte. Sat.1 zeigt die fünfte Staffel von „Hochzeit auf den ersten Blick“ ab dem 4. November 2018 immer sonntags um 17.30 Uhr.

Frau Dr. Köhldorfer, eine direkte Frage zum Einstieg: Sind oder waren Sie je bei Tinder? Privat? Oder vielleicht, um sich zu informieren?

Köhldorfer: Was wäre ich für eine Beziehungsexpertin, wenn ich nicht alles kennen würde, was es am Markt gibt?

Tatsächlich denkt man bei der wissenschaftlichen Kartierung von Persönlichkeiten vor allem an künstliche Intelligenz und die Algorithmen der Big-Data-Konzerne. Warum spielt das bei „Hochzeit auf den ersten Blick“ keine Rolle?

Algorithmen und Systematik spielen bei „Hochzeit auf den ersten Blick“ sehr wohl eine Rolle, unter anderem bei der Auswertung von körperlichen Reaktionen im Zuge des Biofeedbacks. Künstliche Intelligenzen in der Paarwissenschaft sind noch nicht wirklich ausgereift. Es existieren auch noch zu wenig Forschungsdaten über Paardynamiken – was zwischen zwei Menschen passiert – und Daten alleine haben große Schwachstellen. Diese können unbewusste Anziehungs- und Beziehungsmuster nicht erheben, also ob die unbewusste „Chemie“ stimmt. Warum es gerade bei dieser oder jener Person funkt – und bei anderen sehr gut passenden Partnern nicht. Das Unbewusste einzufangen, und das in recht kurzer Zeit, ist ohnehin schwer. Menschen sind auch nicht stets konstant, sondern veränderbar – von Situation zu Situation. Wie in jedem Experiment gibt es auch bei uns einen vorgegebenen Rahmen, in dem wir uns bewegen können. Im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten versuchen wir als Team gemeinsam das Bestmögliche umzusetzen.

Ihre Kernbotschaft bei Sat.1 lautet: „Liebe ist nichts Mystisches mehr, sondern wir können sie wissenschaftlich erklären.“ Was also ist die Formel für die Liebe?

Romantische Liebe wird immer magisch sein. Aber das „Mystische“, die Annahme, dass Liebe unerklärlich oder einfach nur Glücksache oder Schicksal ist und man nichts dafür tun kann, sollte der Vergangenheit angehören. Die Wissenschaft der Liebe ist ein sehr komplexes Feld mit unzähligen Faktoren aus biologischen, soziologischen und psychologischen Bereichen. Sie bietet uns viele Erklärungen, wie zum Beispiel psychologische Prädikatoren, aus denen man Fähigkeiten für lange, gesunde Partnerschaften ableiten kann. Dazu zählen unter anderem hohe Verträglichkeit, niedriger Neurotizismus, niedriger Narzissmus und so weiter. Die Wissenschaft der Liebe zeigt eindeutig, wie wichtig und heilsam es ist, eine emotional sichere Beziehung zu einem Partner zu führen. In einer Zeit, in der Gründe wie soziale Arrangements wegfallen, und man nicht zwangsläufig zusammenbleiben muss, werden individuelle psychologische Faktoren immer entscheidender. Daher können – und sollten – wir wissenschaftliche Erkenntnisse heranziehen und anwenden, um unsere Bindungs- und Liebesfähigkeit zu verbessern und der Liebe im Leben mehr Priorität und Raum zu geben.

14 der 17 Paare, in denen Sie bei „Hochzeit auf den ersten Blick“ ein „perfect match“ erkannt haben, haben sich scheiden lassen. Was macht eine Trefferquote von 17,6 Prozent zum Erfolg?

Realistisch gesehen sind 17,6 Prozent erstaunlich gut, wenn man bedenkt, dass es sich um ein Experiment mit unglaublichen Herausforderungen handelt: eine Person zu heiraten, die man noch nie zuvor gesehen hat; hohe Erwartungen an den Partner – und Erwartungen des Partners an Sie selbst. Es sind große Veränderungen, die auch mit Stress einhergehen. Doch trotz der Herausforderungen ist Liebe entstanden. Wir arbeiten mit Hypothesen auf der Grundlage der Fakten und Ergebnisse, die uns vorliegen – und wenden die Wissenschaft an. Zu Beginn können wir beurteilen, ob zwei Personen „perfect partner“ wären – ob sie dann ein „perfect match“ bilden, das ist die Frage, die sie im Experiment herausfinden sollen.

Sie betonen den wissenschaftlichen, experimentellen Charakter von „Hochzeit auf den ersten Blick“. Haben Sie Ihre mehrjährige Versuchsreihe in einer Fachpublikation ausgewertet? Gibt es vergleichbare Experimente unter klinischen Bedingungen?

Wir haben öfter im Team diskutiert, ob wir quantitative oder qualitative Forschungsergebnisse publizieren sollen. Bislang haben wir entschieden davon abzusehen, vor allem, da es sich auch um sensible Daten handelt und um die Persönlichkeit der Teilnehmer zu schützen. Außer „Married at first sight“ in anderen Ländern sind mir keine vergleichbaren Experimente bekannt.

Wie wirkt Ihre Mitwirkung in mehreren Sat.1-Formaten sich auf Ihre therapeutische Praxis aus? Müssen Sie Ihre Arbeit zugunsten der Drehs zurückstellen? Haben Sie mehr zu tun, weil die TV-Präsenz neue Patienten anzieht?

Meine TV-Präsenz hat Auswirkungen auf die Praxis, aber keine, die extrem ins Gewicht fallen. Es zieht nicht mehr und nicht weniger Patienten an, aber als Expertin für Beziehungen erhalte ich sehr viele Anfragen für Single- und Paar-Beratungen. Diese Nachfrage hat mich auch dazu gebracht, demnächst einen Online-Kurs anzubieten, in dem ich meine wissenschaftlichen Erkenntnisse und Erfahrungen in Sachen Partnerwahl und Beziehungsmuster einfließen lasse.

Wie reagiert Ihr akademisches Umfeld auf Ihr TV-Experiment?

Auffällig still, aber wenn, sehr interessiert und wohlwollend. Witzigerweise waren es damals eher die konservativsten Psychoanalytiker, die mir dazu rieten, es zu machen. Es ist ohnehin bedauerlich, dass sich professionelle Psychotherapeuten, Psychoanalytiker und Wissenschaftler so wenig öffentlich mitteilen oder zeigen. Viel zu häufig überlassen sie das Feld anderen, zum Beispiel Motivationsspeakern, spirituellen und esoterischen Coaches. Ich hoffe, das ändert sich.

Sat.1 zählt auch Vanessa und Peter zu den Erfolgsgeschichten. Tatsächlich haben die beiden sich erst nach der Ausstrahlung kennengelernt. Für ihr Glück mussten sie sich erst von den Partnern trennen, die Ihr Expertenteam ihnen zugeordnet hatte. Wieso haben Sie dieses perfekte Paar übersehen?

Wir hatten es nicht übersehen. Wir berücksichtigen und gewichten die Wünsche der Kandidaten sehr stark. Wenn wir mehrfach fragen, ob eine Umzugsbereitschaft vorliegt und die Antwort lautet nein, dann müssen wir das – im diesem Fall leider – als „hard fact“ und absolutes No Go werten. Trotzdem haben sie sich über „Hochzeit auf den ersten Blick“ kennengelernt. Und wenn Liebe entsteht – und auch noch eine süße Tochter –, dann ist das ein Erfolg, über den wir uns gemeinsam mit ihnen sehr freuen.

Mehrere Kandidatinnen berichten, dass „Hochzeit auf den ersten Blick“ sie schwer belastet, sogar traumatisiert hat. Mal war schon die Ehe von Streit und Vorwürfen geprägt, mal kam es mit der Ausstrahlung zu Hasskommentaren und Gewaltandrohungen. Von den Experten fühlten sich die Kandidaten allein gelassen. Welches Konzept verfolgen Sie und der Sender in solchen Fällen bei der Nachbetreuung?

Während der gesamten Zeit sind wir Experten und auch das Produktionsteam für die Kandidaten da und versuchen, sie so gut wie möglich zu unterstützen und zu schützen. Wir stehen natürlich auch für Nachbetreuung zur Verfügung, aber wir können niemanden dazu verpflichten. Was Sie nicht sehen, sind jene Kandidaten, und diese sind wohl weit in der Überzahl, denen es sehr gut geht, die eine wahnsinnig tolle Selbsterfahrung und Persönlichkeitsentwicklung durch das Experiment und besonders durch unsere Begleitung erfahren haben. Ich bin sehr stolz erleben zu dürfen, wie wunderbar sich jene entwickelten, die unsere Hilfe in Anspruch genommen haben.

Bei „Hochzeit auf den ersten Blick“ treffen Sie als Therapeutin auf die Anforderungen eines Unterhaltungsformats. Dürfen Sat.1 oder die Produktionsfirma Redseven Ihre Expertise überstimmen und Paare gegen Ihren Rat zusammenbringen? Ist Ihnen womöglich schon reingeredet worden?

Wir Experten bestimmen, wer heiratet. Punkt. Natürlich findet auch ein enger Austausch mit der Produktion statt, da wir auf gegenseitige Informationen angewiesen sind. Umso mehr wir wissen, umso besser können wir entscheiden.

In Ihrer Praxis illustrieren die Kandidaten ihr Beziehungsbild, indem sie sich selbst und ihrem Traumpartner Schleich-Tiere zuordnen. Welche Tiere würden Sie in dieser Übung selbst wählen?

Warum nicht Ihrem Tipp folgen und zum Elefantenkind greifen?

(In der Schlussfrage greift Sandra Köhldorfer eine lesenswerte Schmähkritik der vergangenen Jahre auf. – Die Fragen wurden schriftlich beantwortet.)

Mehr über „Hochzeit auf den ersten Blick“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen