1995 Fälle ungeklärt : Tag der vermissten Kinder: "Die Ungewissheit ist das Schlimmste"

1980 ungeklärte Fälle vermisster Kinder sind beim Bundeskriminalamt erfasst.
1980 ungeklärte Fälle vermisster Kinder sind beim Bundeskriminalamt erfasst.

Eine Initiative kämpft für ein umstrittenes Akut-Alarmsystem bei Vermisstenfällen – in anderen Ländern hat es Erfolg.

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25. Mai 2019, 08:04 Uhr

Hamburg | Am 2. Mai 2015 verschwindet die fünfjährige Inga Gehricke. Das Mädchen ist zu Besuch bei einer Feier in Wilhelmshof, einem Ortsteil von Stendal in Sachsen-Anhalt. Da am Abend ein Lagerfeuer gemacht werden soll, läuft sie in den Wald, um Holz zu suchen. Von dort kommt sie nie wieder zurück.

Noch am selben Abend machen sich mehr als 1000 Einsatzkräfte der Polizei, der Feuerwehr, von DRK und THW sowie von anderen Organisationen auf die Suche nach dem blonden Mädchen. Sie durchkämmen das etwa 3500 Hektar große Waldgebiet, auch Rettungshunde und Polizeihubschrauber sind im Einsatz.

Mehr als 1000 Einsatzkräfte machten sich auf die Suche nach der vermissten Inga. Foto: dpa
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Mehr als 1000 Einsatzkräfte machten sich auf die Suche nach der vermissten Inga. Foto: dpa

Der Fall sorgt bundesweit für Schlagzeilen. Es wird eine Befragung in der Bevölkerung durchgeführt, bald geht die Polizei von einer Entführung aus. Es werden Fotos und Beschreibungen veröffentlicht, zudem 25.000 Euro für Hinweise zum Auffinden der Vermissten ausgelobt. Es wird eine Homepage eingerichtet, der Fall wird in den Sozialen Medien geteilt, 2016 wird er in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" aufgegriffen. Doch die Suche bleibt vergeblich – bis heute.

Seit dem 2. Mai 2015 wird Inga Gehricke vermisst. Foto: dpa
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Seit dem 2. Mai 2015 wird Inga Gehricke vermisst. Foto: dpa

Jedes Jahr werden in Deutschland mehr als 100.000 Kinder und Jugendliche als vermisst gemeldet. Der größte Teil davon betrifft mit bis zu 98 Prozent sogenannte Ausreißer, die oftmals nach wenigen Stunden wohlbehalten wieder auftauchen. "Die 12.762 Fälle der im Jahresverlauf 2018 als vermisst registrierten Kinder konnten zu 97,5 Prozent (12.440 Fälle) geklärt werden", heißt es beim Bundeskriminalamt (BKA). Ein Teil aber bleibt verschwunden. Nach BKA-Angaben waren am 5. April dieses Jahres 1995 ungeklärte Fälle vermisster Kinder (bis 13 Jahre) erfasst.

88 Prozent werden innerhalb der ersten 24 Stunden getötet

Wird ein Kind entführt, kommt es auf jede Minute an. Laut einer Studie des US-Bundesstaats Washington, bei der 600 Fälle von Kindesentführung mit tödlichem Ausgang untersucht wurden, sind vor allem die ersten drei Stunden nach der Entführung ausschlaggebend. 76 Prozent der Kinder überlebten diese Zeit nicht, 88 Prozent würden innerhalb der ersten 24 Stunden getötet. "Daher ist es wichtig, einen großen Teil der Bevölkerung in möglichst kurzer Zeit zu informieren", sagt Lars Bruhns, Vorstand des 1997 entstandenen und ehrenamtlich arbeitenden Hamburger Vereins Initiative Vermisste Kinder.

Lars Bruhns ist Vorstand des Vereins 'Initiative Vermisste Kinder'. Foto: dpa
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Lars Bruhns ist Vorstand des Vereins "Initiative Vermisste Kinder". Foto: dpa

Viele Länder – etwa die USA, Polen, Großbritannien und die Niederlande – haben deswegen Akut-Alarmsysteme etabliert, die die Bevölkerung innerhalb kurzer Zeit etwa per Nachricht auf das Smartphone benachrichtigen. "In den Niederlanden können 12 Millionen der 17 Millionen Einwohner dadurch innerhalb von 15 Minuten erreicht werden", sagt Bruhns.

"Initiative Vermisste Kinder" fordert Alarmsystem in Deutschland

Bereits seit Jahren drängt er auch in Deutschland auf ein solches Alarmsystem – dem im Weg stehen allerdings vor allem zwei Hürden: Föderalismus und Datenschutz. Polizei ist in Deutschland Ländersache und "derartige Systeme sind hierzulande nicht durch die Gesetzeslage gedeckelt", bestätigt auch ein Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP). "Außerdem ist das auch in den Ländern umstritten", sagt er. Die Arbeit solle zunächst allein der Polizei überlassen werden, die zuerst alle Maßnahmen ausschöpft, bevor die Bevölkerung informiert wird. "Ansonsten können auch Spuren verwischt oder vernichtet werden."

Bei vermissten Minderjährigen muss grundsätzlich von einer Gefahr für Leib oder Leben ausgegangen werden. Foto: dpa
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Bei vermissten Minderjährigen muss grundsätzlich von einer Gefahr für Leib oder Leben ausgegangen werden. Foto: dpa

Wird in Deutschland ein Kind als vermisst gemeldet, würden sofort Suchmaßnahmen eingeleitet. Bei Minderjährigen muss grundsätzlich von einer Gefahr für Leib oder Leben ausgegangen werden, sobald sie ihren gewohnten Lebenskreis verlassen haben. Zuständig ist dann in der Regel die Polizeidienststelle, in deren Bereich das Kind lebt oder zuletzt gesehen wurde. Danach wird eine Fahndung ausgeschrieben. Die Daten, die dann von allen Vermisstenstellen der Polizeien der Länder und des Bundes genutzt werden können, laufen beim BKA in Wiesbaden zusammen.

BKA: Vermisstenbearbeitung ist eingespielt und effizient

Auch dort ist man mit dem aktuellen System zufrieden. "Die derzeitige Art der Vermisstenbearbeitung in Deutschland ist eingespielt und effizient und hat sich aus polizeilicher Sicht sehr bewährt, so dass eine Veränderung derzeit nicht geplant ist", sagt BKA-Sprecherin Marie Müller.

Was es für Eltern bedeutet, wenn das eigene Kind spurlos verschwindet, ist nur schwer nachzuempfinden. "Die Ungewissheit ist das Schlimmste", weiß Lars Bruhns aus Gesprächen mit Angehörigen. Keinen Ort zu haben, an dem man trauern könne, aber auch die Vorstellung, dass das wehrlose Kind vielleicht noch am Leben sei, gefangen gehalten werde und womöglich auch Qualen erleiden müsse, ließe viele "ein Leben lang nicht mehr los". Zahlreiche Familien zerbrächen daran.

Tag der vermissten Kinder: Der Tag der vermissten Kinder wird seit 1983 immer am 25. Mai begangen. Er erinnert an den damals sechs Jahre alten Etan Patz, der in New York auf dem Weg zur Schule verschwand und nie gefunden wurde. Der Fall gilt als einer der spektakulärsten in der US-Kriminalgeschichte.

(mit dpa)

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