Ergebnis der Weltnaturschutzkonferenz : "Die Natur befindet sich global in einem desaströsen Zustand"

Agrarsubventionen würden in Deutschland nicht dazu verwendet, Blühstreifen anzulegen, Hecken zu erhalten oder auf Pestizide zu verzichten klagt Konstantin Kreiser vom Nabu.
Agrarsubventionen würden in Deutschland nicht dazu verwendet, Blühstreifen anzulegen, Hecken zu erhalten oder auf Pestizide zu verzichten klagt Konstantin Kreiser vom Nabu.

Umweltverbände schlagen Alarm: Die zwanzig großen Naturschutzziele für das Jahr 2020 sind nicht mehr zu erreichen.

svz.de von
30. November 2018, 17:21 Uhr

Scharm el Scheich | Die zwanzig großen Naturschutzziele für das Jahr 2020, auf die sich die Vertragsstaaten der Uno-Konvention über Biologische Vielfalt 2010 im japanischen Nagoya geeinigt haben, sind nicht mehr zu erreichen. Das ist das ernüchternde Ergebnis der Weltnaturschutzkonferenz (CBD) im ägyptischen Scharm el Scheich. Strafen hat dennoch anscheinend niemand zu fürchten.

Es habe zwar in einzelnen Bereichen Erfolge gegeben, etwa beim Ziel, bis 2020 rund 17 Prozent der Landfläche und Binnengewässer als Schutzgebiete auszuweisen, sagte Christiane Paulus, Unterabteilungsleiterin im Bundesumweltministerium, die als deutsche Verhandlungsführerin in Scharm al-Scheich dabei war, gegenüber "Spiegel Online". Dennoch sei die Entwicklung bei anderen Zielen nicht ausreichend – beispielsweise beim Abbau umweltschädlicher Subventionen. Oder es gebe sogar Rückschritte, wie bei der Umweltverschmutzung mit Nitraten aus der Landwirtschaft. "Das Plenum der Weltnaturschutzkonferenz hat festgestellt, dass sich die Natur global in einem desaströsen Zustand befindet und dringend zusätzliche Anstrengungen nötig sind", so Paulus.

WWF: Merkel muss selbst an den Verhandlungstisch

Auch die Umweltorganisation WWF zieht ein vernichtendes Fazit. "Mangelnder politischer Wille" mache es unmöglich, den Verlust biologischer Vielfalt bis 2020 zu stoppen. WWF fordert deswegen, die Konferenz 2020 zur Chefsache zu machen – Bundeskanzlerin Angela Merkel müsse persönlich daran teilzunehmen. "Um uns herrscht der dauerhafte ökologische Ausnahmezustand, bloße Lippenbekenntnisse bringen nichts. Die Chefs gehören persönlich an den Verhandlungstisch, um die Biodiversitätskrise zu bewältigen", so Günter Mitlacher vom WWF. Auch Paulus betont, das Thema müsse "endlich mal in der Weltpolitik ernst genommen und nicht mehr als Nischenthema behandelt werden." Nur so könne es beim globalen Naturschutz auch Fortschritte geben.

Insbesondere Deutschland stehe nach dem Gipfel in der Kritik. Konstantin Kreiser, der für den Naturschutzbund (Nabu) an der Konferenz in Ägypten teilnahm, sagte bei "Spiegel Online", dass die Bundesrepublik beispielsweise bei den umweltschädlichen Subventionen zu den Sündern gehöre. Die Uno-Ziele besagten zwar eindeutig, dass Agrarsubventionen dem Naturschutz dienen müssten. Trotzdem weigere sich Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) die Agrarsubventionen der EU so umzugestalten, dass Bauern stärker dafür belohnt werden, Blühstreifen anzulegen, Hecken zu erhalten oder auf Pestizide zu verzichten.

Politik und Wirtschaft brauchen "einen Tritt in den Allerwertesten"

Problematisch sei auch, dass immer mehr Staaten den Multilateralismus kritisch sehen. Pläne für große internationale Meeresschutzgebiete stießen vermehrt auf Widerstand, weil sich Staaten wie China, Russland, Mexiko und Brasilien sich nicht in ihre staatliche Hoheitsgewalt hineinreden lassen wollten. Zumindest aber in Teilen der Ostsee, im Schwarzen und im Kaspischen Meer seien Gebiete als bedeutsam für die biologische Vielfalt deklariert worden. Das könne eine Vorstufe zu neuen Meeresschutzgebieten sein und somit als Erfolg gewertet werden, so Paulus.

Dennoch gehe es nicht schnell genug. "Wenn es um den Schutz der biologischen Vielfalt geht, brauchen Politik und Wirtschaft einen Tritt in den Allerwertesten. Eine starke, globale Bürgerbewegung für die Vielfalt des Lebens auf dieser Erde kann den entscheidenden Unterschied machen. Wir müssen jetzt über Grenzen hinweg unsere zivilgesellschaftlichen Kräfte bündeln, um das Blatt zu wenden", sagt Günter Mitlacher vom WWF.

Unklar ist noch, wie es mit dem globalen Naturschutz weitergeht, wenn 2020 die von den Staaten selbst gesteckte Frist für die großen Ziele ausläuft. Darüber soll die nächste Weltnaturschutzkonferenz entscheiden, die 2020 in Peking tagt. Dann geht es um die 10-Jahresstrategie für Biodiversität und Natur bis 2030.

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