Geschichte der Reisefotografie : „Manchmal brauchte es ein Huhn“

Francis Frith, Der Kiosk des Trajan auf der Nilinsel Philae, 1857; Albuminpapier auf Karton.
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Francis Frith, Der Kiosk des Trajan auf der Nilinsel Philae, 1857; Albuminpapier auf Karton.

Die Reisefotografie hat unser Bild fremder Länder mehr geprägt, als es viele Berichte je getan haben. Zugleich ermöglicht sie jenen das Reisen, die es sich sonst eigentlich nicht leisten könnten.

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18. Mai 2019, 16:00 Uhr

Smartphone raus und schon ist das Urlaubsfoto gemacht. Aber wie war das vor 150 Jahren? Kristina Lemke (Foto), Fotowissenschaftlerin am Frankfurter Städel Museum, weiß es.

Kristina Lemke
Kristina Lemke
 

Wann hat sich die Reisefotografie entwickelt?
Mit dem Fortschritt der technischen Entwicklungen – lichtstärkere Objektive, kürzere Belichtungszeiten, höhere Detailschärfe und die Erfindung des sogenannten Nasskollodiumverfahrens – wurde die Reisefotografie in den 1850er Jahren zu einem fest etabliertem Industriezweig. Thomas Cook bot parallel erstmals organisierte Reisen an mit festen Routen inklusive Zwischenstopp in den Fotografenateliers oder anderen Souvenirläden, wo Fotografien gekauft werden konnten. Das war der Vorläufer des Pauschalurlaubs.

Welches waren die beliebtesten Länder und Routen und warum?
Maßgeblich waren die Reiseziele der „Grand Tour“, die Adlige und das gehobene Bürgertum oftmals über mehrere Monate oder gar Jahre unternahmen. Meist waren die heute noch klassischen Länder um Mitteleuropa, also Frankreich, Spanien und als Höhepunkt Italien ein Muss. Das Heilige Land rund um Israel, Syrien, Jordanien oder Ägypten gehörte ebenfalls zu der Standartroute. Wie heute war die Wahl der Orte von Trends bestimmt. Vor allem Literaten und Dichter hatten einen großen Einfluss auf die Reiseziele. Nach Goethes Werk „Italienische Reise“ pilgerte ein regelrechter Touristenstrom zu den Schauplätzen des Romans.

Mit welchen Schwierigkeiten hatten Reisefotografen zu kämpfen?
Die Verbreitung des Mediums führte zu einer ständigen Konkurrenz zwischen Malern und Zeichnern. Das war sicher die größte Hürde, die es zu bewältigen galt. Die Fotochemikalien waren nicht ungefährlich, zahlreiche Fotografen haben sich selbst in die Luft gejagt. Es gab mehr Kriegsgebiete, die reisende Fotografen zu passieren hatten. In den teils unbekannten Ländern hatten sie mit Kriminalität und Infektionen durch mangelnde Hygiene zu kämpfen. Aber auch unerschlossenes Gelände – und dabei im Schlepptau die bis zu 50 Kilo schwere Kameraausrüstung – gehörten zum Berufsalltag.

Die Fotografen sollen oft Hühner bei sich gehabt haben. Ist das wahr oder eine Legende?
Das Albumin-Verfahren setzte sich in der frühen Fotografie durch. Dafür wurde eine Glasplatte zunächst mit Albumin überzogen – das ist nichts geringeres als Hühnereiweiß, das zu Schaum geschlagen und nach anschließender Verflüssigung auf den Träger gestrichen wurde. Das Eiweiß war die perfekte Grundlage für lichtempfindliche Stoffe. Und wenn ein Fotograf eine Expedition in zivilisationsferne Gegenden unternahm, musste er also Hühner für frische Eier mitnehmen. Die Platten mussten schließlich noch vor Ort entwickelt werden.

Fotos aus fremden Landen erschienen auch in deutschen Zeitungen. Welche Erwartungen hatten die Menschen damals an Reisefotografie?
Sie wollten sich eine Vorstellung von der Fremde machen, und die Fotografie galt als authentisches Beweismittel. Kaum einer konnte es sich leisten zu reisen, also wurden solche Fotografien als Bildungsmaterial ein regelrechter Ersatz. Das zeigen auch die Alben und Kassetten, die im Format und Aussehen Bücher imitieren. Die Ansichten regten aber auch die Fantasie an und manifestierten Sehnsüchte. Und wer Tourist war, der wollte das Gesehene festhalten und anderen zeigen können.

Giorgio Sommer, Neapel: Entlausung, ca. 1870; Albuminpapier auf Karton.
Städel Museum
Giorgio Sommer, Neapel: Entlausung, ca. 1870; Albuminpapier auf Karton.
 

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts löste die Fotografie zu einem erheblichen Teil die romantische Landschaftsmalerei ab. Es gab Heerscharen von Malern und Grafikern, die von Gemälden als Souvenire lebten. Wurden die arbeitslos oder Fotografen?
Tatsächlich wechselten zahlreiche Maler und Grafiker zum Fotografenberuf. Allerdings trauten viele Bürger dem neuen Medium nicht. Und wer es sich leisten konnte, investierte weiterhin in Gemälde, die als beständiger galten.

Wie stark hat die Reisefotografie zur Entwicklung des Tourismus beigetragen?
Fotografen formten den „touristischen Blick“, indem sie mit ihren Motiven vorgaben, was zu den Sehenswürdigkeiten eines Landes zählte. Insofern hat die Reisefotografie stark die Entwicklung der Tourismusbranche beeinflusst. Um sich vom Gros der Kollegen mit immer gleichen Ansichten abzusetzen, waren Fotografen auf der Suche nach neuen Motiven. Das hat dazu geführt, dass unerschlossene Gegenden touristisch zugänglich wurden. Damit wurde erheblich zur Verbreitung bis dato unbekannter Kunstdenkmäler beigetragen.

Der in Frankfurt am Main geborene Georg „Giorgio“ Sommer nahm in Neapel und Umgebung das „einfache Leben der einfachen Bevölkerung“ auf. Oft waren die Bilder gestellt. Warum waren die Fotos so beliebt?
Sommers Bilder sind irgendwo zwischen Volks- oder Kostümstudie anzusiedeln, bei der die soziale Wirklichkeit vollkommen ausgeblendet wird. Bilder tanzender oder Spaghetti essender Italiener ließen sich besser verkaufen und beschworen das Klischee der armen, aber immer fröhlichen Bevölkerung. Die von Lärm, Hektik und Schnelligkeit geplagte industrialisierte Gesellschaft sehnte sich nach einer solch archaisch-konservierten Lebensform.

Dann hat die frühe Reisefotografie also dazu beigetragen, bestimmte Vorstellungen von Ländern zu verbreiten, die noch immer nachwirken?
Zwar sind wir heute über die Medien informierter, was die aktuelle politische oder gesamtgesellschaftliche Lage unseres Urlaubsziels betrifft, aber die meist stereotypen Vorstellungen sind die gleichen. Wer nach Italien fährt, erwartet etwas vom „dolce far niente“ zu erleben, in Frankreich ist es das „Savoir vivre“ und in Dänemark eine „hyggelig atmosfære“. Was genau das sein soll, haben Sommer und viele andere Fotografen in gestellten und vor langer Zeit geplanten Bildern geprägt. Vor Ort kommt es oftmals zur Ernüchterung, wenn beispielsweise die im Reiseführer als romantische und einsam bezeichnete Bucht in Wirklichkeit völlig vermüllt und von Moskitos besiedelt ist. Das zeigt, wie sehr unsere Vorstellungen von Bildern beeinflusst, aber auch getäuscht werden können.

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