Roller-Revolution : Der E-Scooter-Hype erfasst das Land – Was rollt da auf uns zu?

Bald mit 20 km/h auf Straßen und Radwegen unterwegs: Tretroller mit Elektromotor
Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Bald mit 20 km/h auf Straßen und Radwegen unterwegs: Tretroller mit Elektromotor Foto: Julian Stratenschulte/dpa

An diesem Freitag will der Bundesrat grünes Licht für E-Scooter geben. Ein Dutzend Firmen steht in den Startlöchern, um Deutschlands Städte mit den motorisierten Tretrollern zu überfluten. Die Verheißung: Die praktischen Spaß-Flitzer drängen das Auto zurück und sorgen für sauberere Luft. Es könnte auch ganz anders kommen.

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16. Mai 2019, 15:40 Uhr

Berlin | Der Weg wird freigemacht: Derzeit sind E-Scooter noch von den Straßen verbannt. Wenn der Bundesrat am Freitag wie erwartet zustimmt, werden schon in wenigen Wochen die ersten Gefährte unterwegs sein - sobald die Zulassungsverordnung vorliegt.

Zwar bleiben Gehwege und Fußgängerzonen Roller-frei, weil die Länder Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) an der Stelle ausbremsten. Aber auf Radwegen oder - wenn keine vorhanden sind - auf den Straßen dürfen die Elektro-Kleinstfahrzeuge dann mit maximal 20 Stundenkilometern dahin brausen. Das Mindestalter für Piloten liegt bei zwölf Jahren. Für Roller, die 12 km/h und schneller fahren, muss man 14 Jahre alt sein.

Kenntnisse der Straßenverkehrsordnung sind nicht erforderlich. Auch eine Helm-Pflicht gibt es nicht. Allerdings braucht es eine Haftpflichtversicherung. Die Aufkleber dafür können online erworben werden. Die Versicherungen sind bereit. Die Roller werden als Kraftfahrzeuge betrachtet. Wer betrunken fährt, riskiert seinen Führerschein.

Die Roller-Flut: Die Wirtschaft wittert ein Milliardengeschäft. Laut einer Umfrage des Verbraucherportals Verivox plant rund jeder Vierte die Anschaffung eines E-Scooters. Laut Forsa können sich 43 Prozent vorstellen, die Elektro-Flitzer im Alltag zu nutzen.

Mindestens acht Sharing-Anbieter drängen auf den deutschen Markt. Das Unternehmen Tier Mobility aus Berlin startete im Oktober mit 250 Rollern in Wien. Bis heute folgten 18 weitere Städte in Europa. US-Startups wie Lime und Bird sind global aufgestellt. Daimler ist auf den Zug aufgesprungen - durch eine Beteiligung an Hive, das unter anderem in Paris Roller verleiht. Hochwertige E-Scooter von BMW sind in Elektro- und Baumärkten zu kaufen.

Nicht nur Metropolen gelten als Markt. Das Berliner Startup Flash beginnt seinen geplanten Eroberungsfeldzug mit 50 Rollern in Herne. Auch die Stadt Osnabrück ist längst mit E-Scooter-Anbietern im Gespräch und sucht schon nach geeigneten Parkplätzen.

Der Spaß-Faktor: Scheuer lässt unserer Redaktion seinen BMW X2City (Neupreis: 2.399 Euro) im Hof des Ministeriums testen, und so sah das aus:


Schwung muss man selbst geben, dann mit der Hacke das silberne Pedal treten - und recht zügig erreicht der Roller dank 250 Watt-Motor in vier Stufen seine Spitzengeschwindigkeit von 20 km/h. Die Beschleunigung raubt einem nicht gerade den Atem. Gewöhnungsbedürftig ist das Pedal, das immer wieder getreten werden muss, um den Motor zu aktivieren.

Der X2City legt sich ruhig in die Kurven, auch bei scharfen Slalom-Fahrten lässt er sich durch Gewichtsverlagerung lässig "surfen". Das macht Spaß. Aber wer zu hektisch die Vorderbremse zieht, riskiert einen harten Sturz, bei dem der 21 Kilo schwere Scooter heftig zur Seite ausschlagen oder nach vorne kippen kann. Genau so problematisch: Beim einhändigen Steuern - etwa um mit dem Arm zu "blinken" - wird es ganz schnell ganz wackelig.

Der BMW ist ein Luxus-Roller mit eine Reichweite von maximal 25 Kilometern, das Aufladen dauert 2,5 Stunden. Die billigsten Scooter gibt es ab 200 Euro. Sie sind zwar viel leichter - und damit tragbar. Haben aber auch viel kleinere und schmalere Räder, was etwa beim Queren von Straßenbahn-Schienen böse enden kann.


Der Unfall-Faktor: "Wir haben an der Klinik für Unfallchirurgie in Göttingen allein in den letzten vier Wochen zwei schwer verletzte E-Rollerfahrer behandelt", berichtet Christopher Spering, Oberarzt und Leiter der Sektion Prävention der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie. "Beide hatten nicht nur ein Schädel-Hirn-Trauma, sondern Verrenkungsbrüche im Bereich der Sprunggelenke. Die Trittbretter der Roller sind tief, sodass sich bei Stürzen der Fuß schnell darunter verfängt."

Der Fachmann hält Roller im Stadtverkehr für "hoch gefährlich", auch weil sich andere Verkehrsteilnehmer nur extrem schwer darauf einstellen könnten. Das Anzeigen von Richtungswechseln etwa sei fast unmöglich. Seine Prognose: Es wird reihenweise zu Crashs von Scootern mit anderen Scootern oder Fahrrädern kommen. Auf Instagram kann man sich ein paar Horror-Unfälle ansehen:



In Madrid wurde kürzlich eine 90-Jährige von einem Roller gerammt - und dabei tödlich verletzt. In Tel Aviv - einer der E-Scooter-Pionierstädte - wurde nach massenhaften Unfällen inzwischen eine Helm- und Warnwestenpflicht eingeführt. Von beidem ist in Deutschland keine Rede.

Der Umwelt-Faktor: Selbst die Grünen setzen große Hoffnung in den E-Scooter: Die Hälfte aller Autofahrten finden im Kurzstreckenbereich von bis zu fünf Kilometern statt", sagt deren verkehrspolitischer Sprecher Matthias Gastel. "Jeder, der vom häufig tonnenschweren Auto auf den elektrischen Tretroller umsteigt, leistet durch die Vermeidung von Lärm und Luftschadstoffen einen Beitrag zum Gesundheitsschutz und entlastet die Umwelt." Gastel erwartet, "dass nicht wenige Menschen vom Auto auf die neue Alternative umsteigen werden".

Studien in den USA haben indes gezeigt, dass Elektro-Tretroller weniger als Auto-Ersatz dienen, sondern um nicht zu Fuß gehen oder Rad fahren zu müssen. Auch an Anstiegen kommt man schließlich nicht ins Schwitzen. Und rechnet man ein, dass Leih-Roller abends eingesammelt und mit schweren Transportern kreuz und quer durch die Städte gefahren werden, ist die CO2-Bilanz nicht ganz so toll. Ganz zu schweigen davon, dass zum Aufladen nach wie vor viel Kohlestrom aus der Steckdose kommt.

Nespresso-Kapseln der Straße

Für die - in China produzierten - Akkus wird jede Menge Lithium verbraucht. Weil Leih-Roller oft schon nach wenigen Wochen schrottreif sind, verteufeln Kritiker die Scooter als Nespresso-Kapseln der Straße. "Es besteht nicht nur die Gefahr, dass Innenstädte mit abgewrackten E-Scooter zumüllen. Es würden auch problematische Rohstoffe wie Lithium und Aluminium verschwendet", trübt Verkehrsexperte Jens Hilgenberg vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) die Roller-Euphorie.

Fluch oder Segen: Die Politik ist voll im Scooter-Fieber: "Die Zukunft der Mobilität soll und darf Spaß machen, dafür ist der E-Scooter ein schönes Beispiel", schwärmt Anke Rehlinger (SPD), Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz. Niemand will als Spaß-Bremse oder Verbots-Partei am Pranger landen.

Aber es gibt viele Skeptiker: Deutschlands Radwege seien schon für den vorhanden Radverkehr ungeeignet, heißt es beim Radfahrverband ADFC. Wenn nun noch "eine Welle von E-Scootern durch die Innenstädte holpert, werden wir sehr unschöne Szenen und viele Unfälle erleben", so ADFC-Geschäftsführer Burkhard Stork. Und BUND-Fachmann Hilgenberg sagt: "Wir laufen Gefahr, dass auch auf Radwegen der motorisierte den nichtmotorisierten Verkehr verdrängt."

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