Umsatz, Kostüme und Political Correctness : "Freizeit vom Alltag": Das müssen Sie zum Karneval wissen

Karnevals-Erwachen in Düsseldorf.
Karnevals-Erwachen in Düsseldorf.

Der Karneval ist ein Milliarden-Geschäft. Allerdings gibt es auch verstärkt Kritik an rassistischen Kostümen.

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27. Februar 2019, 16:51 Uhr

Köln/Düsseldorf | Der Kostüm-Hersteller Deiters aus Frechen bei Köln ist ein Beispiel dafür, wie wichtig Karneval inzwischen geworden ist – als Wirtschaftsfaktor im Rheinland. Laut Eigenwerbung besitzt Deiters mit 2000 verschiedenen Kostümen das "größte Karnevalskaufhaus der Welt". Das Geschäft ist profitabel, es geht seit Jahren bergauf mit der Firma. Zwei Drittel des Umsatzes macht Deiters mit Kostümen und Zubehör, die zum Karneval getragen werden.

"Köln ist die Karnevalshauptstadt, aber das Geschäft läuft auch anderswo gut", sagt Geschäftsführer Herbert Geiss gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Bisher hat die Firma 26 eigene Filialen in Deutschland, auch in die Karnevals-Peripherie wie Berlin, Stuttgart oder Frankfurt am Main hat man sich getraut.

Deiters-Geschäftsführer Herbert Geiss.
dpa/Rolf Vennenbernd
Deiters-Geschäftsführer Herbert Geiss.

Auf 30 Millionen Euro Jahresumsatz kam das 1921 gegründete Familienunternehmen zuletzt, also im Geschäftsjahr 2017/18 (bis 31. März) – das war ein Plus von rund vier Millionen Euro. Fünf Jahre zuvor (2012/13) lag der Umsatz noch bei 13 Millionen Euro.

Deiters hat rund 300 Mitarbeiter als Stammpersonal, hinzu kommen noch etwa 400 Saisonkräfte. Zu den direkten Konkurrenten gehört die Firma Karnevalswierts aus Würselen bei Aachen. Das Unternehmen mit rund 40 Mitarbeitern (2017) möchte zwar keine Presseanfragen beantworten, es ist aber ebenfalls auf Expansionskurs: Unlängst wurde im Kölner Zentrum ein neuer Shop aufgemacht, insgesamt gibt es neun Verkaufsstellen.

Hält der Boom-Trend an?

Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln misst der Karnevalsbranche inklusive Kostümhändlern gute Perspektiven bei. "Karneval ist ein boomendes Geschäft im Trend der Zeit", sagt der Professor. In einer ernsten Welt voller Unwägbarkeiten sei Karneval "Freizeit vom Alltag". Die Nachfrage nach Kostümen dürfte weiter steigen, sagt Hüther und begründet das mit dem Internetzeitalter. "In der digitalen Welt ist alles transparent, man kann sich nicht verstecken – im Karneval ist das im Kostüm etwas anderes, da bleibt man unerkannt und unbelangbar – und kann diese Freiheit genießen."

Der Wirtschaftswissenschaftler schätzt, dass der Karnevalsumsatz in Köln und Düsseldorf bei rund einer Milliarde Euro liegt. Der Großteil entfalle auf die Gastronomie. Auch in Düsseldorf spielt Karneval wirtschaftlich eine große Rolle: Roman von der Wiesche von der Düsseldorf Marketing GmbH verweist auf die Bedeutung von Karnevalstouristen, ob als Tagesbesucher oder mit Hotelübernachtung – auch sie teils in bunten Kostümen. Zudem seien die Rosenmontagszüge wichtig für die Bekanntheit der Stadt.

Karnevalsauftakt am 11.11. in Köln.
imago/Chai von der Laage
Karnevalsauftakt am 11.11. in Köln.

Nach einer am Montag vorgestellten Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) stiegen die Karnevalsumsätze allein in Köln binnen zehn Jahren um 29 Prozent auf knapp 600 Millionen Euro. Fast die Hälfte des Anstiegs geht auf die Inflation zurück. Einen überproportionalen Anstieg verbuchte das Segment Textilien – also Kostüme – mit plus 41 Prozent auf 110 Millionen Euro.

Rund 6500 Arbeitsplätze sind den Angaben zufolge vom Karneval abhängig. Christoph Kuckelkorn, Präsident des Festkomitees Kölner Karneval, sagt: "Gastronomie, Hotelgewerbe und Einzelhandel profitieren vom stetigen Zulauf karnevalsbegeisterter Feiernder aus Köln, dem Umland und ganz Deutschland." Gründe für das Umsatzplus sind der Studie zufolge unter anderem eine höhere Anzahl an Veranstaltungen sowie generell mehr Besucher.

Der dickste Batzen im jecken Geschäft entfällt laut Studie auf die Gastronomie mit 257 Millionen Euro. Das war ein Plus von 34 Prozent im Vergleich zur vorangegangenen Studie. Auch Hotels profitieren, weil mehr Jecken in die Domstadt reisen als früher. Zudem wurden Tickets für Karnevalssitzungen teurer – das bezeichnen die Autoren als "Herausforderung", die angegangen werden sollte.

Sind rassistische Verkleidungen ein Problem?

Die Kölner Afrikanistik-Professorin Marianne Bechhaus-Gerst hat dazu eine klare Meinung: Natürlich gebe es rassistische Kostüme. "Gerade hier in Köln gibt es noch eine ganze Reihe von Karnevalsvereinen, die Blackfacing vornehmen. Das heißt, sie verkleiden sich als Fantasie-Afrikaner mit Baströckchen und Knochenkette, mit denen sie dann alte, stereotype Bilder bedienen", sagt sie. "Man ist damit nicht unbedingt Rassist. Aber es ist eine rassistische Verkleidung."

Es treffe Menschen, die sich reduziert fühlten. Und der Bastrock sei nur ein Beispiel. "Ich würde mir wünschen, dass es auch eine Diskussion über das Indianerkostüm gibt und was daran problematisch sein könnte. Dass es sich dabei um eine europäische Fantasie über eine Menschengruppe handelt, die nichts mit der Realität zu tun hat."

Lesen Sie dazu: Rassismus-Vorwürfe gegen Deiters: "Über das Ziel hinaus geschossen"

In eine ähnliche Kerbe schlug 2017 die Plakatkampagne "Ich bin kein Kostüm!". Die Beteiligten – darunter der Antidiskriminierungsverband Deutschland – kritisierten, dass die "Zeit des Kolonialismus und der sogenannten ,Entdeckungen', die mit Massenmorden und anderen Gräueltaten einhergingen", bislang nicht ausreichend aufgearbeitet worden sei. "Das sog. ,Indianerkostüm' und andere diskriminierende und teils romantisierende Bilder bestimmter Gruppen geben die Älteren so immer wieder an die nächste Generation weiter."

Ähnliches weiß Günter Cöllen zu berichten, allerdings mit komplett umgekehrten Vorzeichen. Er ist zweiter Vorsitzender des Karnevalsvereins "Wilde Frechener", der bis zum vergangenen Jahr noch anders hieß: "Frechener Negerköpp". Auf alten Fotos sieht man die Mitglieder mit schwarz angemalten Gesichtern und Fellwesten.

2018 benannten sich die "Negerköpp" um – und die Kostüme wurden eingemottet. Cöllen berichtet, dass die Anfeindungen überhand genommen hätten. "Das Extremste war die Drohung, dass unser Wagen auf dem Karnevalszug mit Steinen beworfen werden sollte." Der Fall erinnert an den Karnevalisten "Neger vom Südend", der im hessischen Fulda zu einem ähnlichen Politikum wurde.

Wie ist es mit Sexismus?

Für Kontroversen sorgen nicht nur vermeintlich rassistische Karnevals-Kostüme, auch Sexismus ist ein Thema. Die Hamburger Protestplattform "Pinkstinks" gegen Sexismus kritisiert eine "absurde Sexualisierung". Nils Pickert von "Pinkstinks" sagt: "Es spricht überhaupt nichts dagegen, sich zum Karneval sexy zu kostümieren. Das gilt sowohl für Frauen als auch für Männer. Pinkstinks kritisiert nicht Sexiness sondern Sexismus, also Diskriminierung aufgrund von Geschlecht". Sexismus-Kritik sollte dabei nicht mit Sexfeindlichkeit verwechselt werden. Jeder Frau sollte zugestanden werden, "Spaß an sexy Outfits zu haben". Dies sei etwas gänzlich anderes, "als sich darüber zu wundern, warum jedes noch so absurde Kostüm für Frauen sexualisiert wird und dies auch nicht vor Mädchen halt macht".

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Wie lange dauert die Karnevalszeit?

Die Karnevalszeit dauert von Weiberfastnacht bis Aschermittwoch – zumindest in Köln. Das hat jetzt das Arbeitsgericht der Frohsinnsmetropole festgestellt. Nach Angaben des Gerichts vom Montag geht die Entscheidung auf die Klage einer Kellnerin zurück. Diese hatte am Freitag und am Samstag nach Weiberfastnacht gearbeitet. In ihrem Zeugnis wollte sie vermerkt haben, dass sie auch "in der Karnevalszeit" gekellnert hatte. Der Arbeitgeber vertrat jedoch die Ansicht, der Freitag und der Samstag gehörten nicht zur Karnevalszeit.

In den kommenden Tagen geht der Karneval im Rheinland wieder seinem alljährlichen Finale entgegen, inklusive Rosenmontags-Zug mit unzähligen Feiernden am Straßenrand. Aschermittwoch ist dieses Jahr der 6. März – dann ist das jecke Treiben vorerst vorbei.

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