Stieg Larssons Millenium-Heldin : Claire Foy in „Verschwörung“: Noch eine Lisbeth Salander

Claire Foy ist die  dritte  Darstellerin, die  Stieg Larssons Lisbeth Salander ihr Gesicht leiht.
Claire Foy ist die dritte Darstellerin, die Stieg Larssons Lisbeth Salander ihr Gesicht leiht.

Lisbeth Salander ist zurück: In „Verschwörung“ verkörpert erstmals Claire Foy die Heldin der Stieg-Larsson-Krimis.

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20. November 2018, 16:27 Uhr

Berlin | Dass weibliche Action-Heldinnen so rar sind, erhöht den Beschäftigungsdruck der wenigen vorhandenen: In nur zehn Jahren verkörpert Claire Foy schon als dritte Schauspielerin Stieg Larssons Computergenie Lisbeth Salander. Die Hackerin auf dem schwarzen Motorrad wird so dringend gebraucht, dass ihre Geschichte auch nach dem Tod des Autors weitererzählt wird. Um zwei Romane hat David Lagercrantz die „Millenium“-Trilogie inzwischen ergänzt. „Verschwörung“ ist die Verfilmung des ersten davon.

Wovon handelt „Verschwörung“?

Im Zentrum steht diesmal eine Computerdatei, mit der sich die Sprengköpfe sämtlicher Atommächte fernsteuern lassen. Als das Teufelswerk gestohlen wird, sucht der Programmierer Hilfe bei Lisbeth Salander. Bald merkt sie, dass der Fall auch eine persönliche Seite hat: Ihre Gegner sind Kumpanen ihres toten Vergewaltiger-Vaters.

Fede Álvarez, bekannt durch ein „Evil Dead“-Remake, nimmt das Genre Nordic Noir so wörtlich, dass in seinem überzeichneten Thriller sogar Styropor-Verpackungen schwarz sind. Killerinnen schreiten in knallroten Mänteln durch Eislandschaften; Schnee weht bedeutungsschwer über Schachfiguren, und selbst Kindesmissbrauch ist hier nicht einfach nur hässlich und gemein, sondern die durchdesignte Spitzenleistung des Bösen.

Lisbeth Salander als stilisierter Racheengel

Auch die Hauptfigur wird mit einer stilisierten Szene eingeführt: Weißgeschminkt erscheint Lisbeth im Wohnzimmer eines Frauenschlägers; eine Skulptur ragt hinter ihr auf wie die Schwingen des Racheengels, und als sie den Täter an den Füßen aufhängt und und mit Stromschlägen traktiert, erreicht das dekorative Moment des Films einen Höhepunkt. Dass die Retterin misshandelter Frauen in Selbstjustiz foltert, nimmt die Regie als gegeben hin. Ästhetische Gewaltszenarien sind Álvarez wichtiger als ethische Dilemmata. (Wobei er nicht mal vor Duschen zurückschreckt, aus denen Gas strömt.)

Immer wieder stürzt „Verschwörung“ die Heldin in physische Zwangslagen, aus denen sie sich als wahres Fluchtgenie befreit. Wenn sie mit der Ducati über berstende Eisflächen rast, geht das noch als Metapher auf die Figur durch: Als Kind missbraucht, antwortet Lisbeth auf den einstigen Kontrollverlust mit einer absoluten Beherrschung der Umwelt. Die Geschichte bleibt allerdings auch dort unglaubhaft, wo nur die Handlung vorangetrieben wird. Eine Doppelagentin beispielsweise entlarvt sich mit der Preisgabe angeblich nur ihr bekannter Informationen – über die Lisbeth und all ihre Hackerfreunde allerdings auch verfügen. Zumindest die eigenen Voraussetzungen sollte das Drehbuch ernst nehmen.

Das Internet als Zauberstab

Überhaupt enttäuscht die Inszenierung des Digitalen, das im Salander-Kosmos eine so wichtige Rolle spielt. Das Spinnennetz des Originaltitels „The Girl in the Spider's Web“ steht ja nicht nur für einen Verbrecherring, sondern auch für die weltweite Vernetzung. Die technologische Durchdringung des Lebens, die undurchschaubare Komplexität des Big-Data-Zeitalters verlieren im Blick der Heldin allerdings ihre Bedrohlichkeit. Obwohl die Prämisse selbst den Atomkrieg für manipulierbar erklärt, behandelt „Verschwörung“ das Internet als Zauberstab, mit dem Lisbeth auf Knopfdruck Probleme löst.

In diesem Setting liefert Claire Foy allerdings eine tolle Version der Titelheldin ab. Noomi Rapace hatte in der schwedischen Verfilmung der Trilogie 2009 vor allem Lisbeths taffe Pose gespielt. Rooney Mara blickte in David Finchers „Verblendung“ (2011) hinter die Maske der Figur, stattete sie mit einer sichtbareren Verletzlichkeit aus und gab ihr zugleich etwas Überirdisches. Foy, die in jeder Szene vor Wut loszuheulen scheint, zeigt nun eine Frau, der das Ausüben und das Erleiden von Gewalt zwei Seiten einer Medaille geworden sind. Dass ihr Freund, der Enthüllungsjournalist Mikael Blomkvist, nur als eine Art Doktor Watson am Rande mitspielt, intensiviert nur ihre Dominanz. Fincher hatte die Rolle noch mit Daniel Craig besetzt. Schade, dass der neue Film seiner Hauptdarstellerin kein besseres Umfeld bietet.

„Verschwörung“. USA 2018. R: Fede Álvarez. D: Claire Foy, Sverrir Gudnason. 115 Minuten, FSK ab 16 Jahren.

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