Ein Nachahmer starb : Bully Herbigs "Ballon": Republikflucht über den Wolken

Ballon statt Blauhemd: Die Republikflüchtigen kurz vor dem Abflug.
Ballon statt Blauhemd: Die Republikflüchtigen kurz vor dem Abflug.

Michael "Bully" Herbig erfindet sich neu: Die DDR-Fluchtgeschichte "Ballon" ist der erste Thriller des Komikers.

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25. September 2018, 10:07 Uhr

Berlin | Über den Wolken in den Westen: Michael "Bully" Herbig erzählt in "Ballon" die Geschichte einer waghalsigen Republikflucht. Am 27. September läuft der Film in den deutschen Kinos an.

Republikflüchtlinge werden zu Medienstars

Am 16. September 1979 flohen die Familien Wetzel und Strelzyk in einem selbstgebauten Heißluftballon über die innerdeutsche Grenze aus Thüringen nach Oberfranken. Die Flucht von 28 Minuten und 18 Kilometern machten die Republikflüchtigen nicht nur von Ost- zu Westdeutschen – sondern auch weltbekannt: Der „Stern“ sicherte sich die Exklusivrechte an der Geschichte. Disney verfilmte das Abenteuer mit John Hurt, Beau Bridges und Klaus Löwitsch unter dem Titel „Night Crossing“ (1982). Danach bekamen die Familien sogar Autogrammwünsche aus den USA und Australien. ("Venom", "Halloween", "Werk ohne Autor": Welche Filme kommen im Oktober?)

Bully Herbig erfindet sich neu

Auch Michael Herbig, zur Zeit der Flucht elf Jahre alt, sah den damals Kinofilm, behielt den Stoff im Hinterkopf und arbeitete in den letzten sieben Jahren an einem eigenen Projekt zum Thema. Jetzt ist „Ballon“ fertig. Und mit dem Film erfindet sich ein Regisseurs neu, der sich dem Gedächtnis als Komödiant eingebrannt hat: Mit „(T)Raumschiff Surprise“ (2004, neun Millionen Zuschauer) und „Der Schuh des Manitu“ (2001, fast zwölf Millionen) steht er für die beiden zuschauerstärksten deutschen Filme. Beim ersten Thriller seiner Karriere erlaubt er sich nun nicht mal einen Gastauftritt, um nur keine falschen Assoziationen wachzurufen.

Komische Töne bedient der neue Film tatsächlich kaum. Gleich mit den ersten Bildern einer Jugendweihe illustriert „Ballon“ eine uniforme Unfreiheit, vor der die Strelzyks ihre Kinder bewahren wollen. Der kunterbunte Flickenteppich des improvisierten Heißluftballons wird zum Gegenentwurf zur Uniformität der Blauhemden – einer von vielen Bild- und Dialogeinfällen, mit denen Herbig seine Gedanken in großer Deutlichkeit formuliert. Anhand des familiären Mikrokosmos skizziert das Drehbuch Lebensentwürfe unter der Repression: hier die Opposition der Strelzyks und ihrer Freunde Petra und Günter Wetzel (Alicia von Rittberg, David Kross), dort der Rückzug ins Private, für den Günters Vater steht. ("Die Unglaublichen 2": Angeberwissen zum Trickfilm der Superlative)

Ein Wettlauf gegen die Zeit: Günter Wetzel (David Kross) näht unter Hochdruck.
Studiocanal / Marco Nagel
Ein Wettlauf gegen die Zeit: Günter Wetzel (David Kross) näht unter Hochdruck.

Starke Schurken: Kukulies und Kretschmann

Ein Stärke des Films sind die Schurken: Ronald Kukulies gelingt es, als Stasi-Mann von nebenan einen Opportunisten zu spielen, der auch sympathische Züge hat; in seiner Karriere sieht er keinen Widerspruch zur heimlichen Freude am Westfernsehen. Sein Gegenpart ist Oberstleutnant Seidel, der als Chef-Ermittler in Sachen Ballonflucht zum zentralen Antagonisten wird. Kretschmann legt die Figur als intellektuellen Überzeugungstäter an, dessen Grausamkeit aus der Figur heraus immer nachvollziehbar bleibt. Dass Kretschmann den Verfolger auf Augenhöhe spielt, ist vor dem biografischen Hintergrund besonders bemerkenswert: Er selbst ist als 21-Jähriger über Jugoslawien aus der DDR geflohen.

Alles auf Spannung: Herbigs Thriller-Dramaturgie

Die dramatischen Momente des Stoffs handelt Herbig früh ab. Er schildert, was es bedeutet, ein Land zu verlassen, ohne es auch nur mit den nächsten Verwandten besprechen zu können. Am Schießbefehl interessiert ihn die Angst der Soldaten, womöglich auf die eigenen Leute anlegen zu müssen. Auch Günter steht kurz vor der Einberufung. Der Termin wird zur tickenden Uhr, mit der Herbig sein eigentliches Erzählanliegen erreicht: den Suspense eines historischen Thrillers. Nach einem missglückten ersten Versuch ist die Stasi auf das spektakuläre Fluchtvorhaben aufmerksam geworden – und versucht nun, genau die Schlagzeile zu verhindern, für die der „Stern“ später bezahlte. Während Oberstleutnant Seidel in Stoffläden nach auffallend großen Bestellungen fahndet, nähen die die Regimegegner im Wettlauf gegen die Uhr an ihrem Ballon – und blicken sorgenvoll zum Himmel. Nur bei Nordwind kann der waghalsige Flug gelingen. Zum Ende hin wird die Dramaturgie immer straffer und lässt die Helden Hindernis um Hindernis überwinden: Gasleitungen frieren zu und Mopeds versagen, Straßensperren trennen die Freunde, verräterische Spuren müssen in letzter Sekunde vernichtet werden, Suchscheinwerfer durchschneiden den nachtschwarzen Himmel und dann fängt der Ballon sogar Feuer – auf dass das Finale trotz des bekannten Ausgangs spannend bleibt. (Kino nach Tatsachen: Was den Massaker-Film „Utøya 22. Juli“ problematisch macht)

Wie riskant das Unternehmen war, zeigt auch ein Blick in die Geschichtsbücher: Zehn Jahre nach der Fluchtgeschichte, und damit nur Monate vor dem Mauerfall, stürzte der 42-jährige Winfried Freudenberg bei der Flucht mit einem Gasballon ab. Seine Frau wurde verhaftet, er selbst starb beim letzten tödlichen Fluchtversuch an der innerdeutschen Grenze.

„Ballon“. D 2018. R: Bully Herbig. D: Friedrich Mücke, Karoline Schuch, David Kross, Thomas Kretschmann. 125 Minuten, ab 12 Jahren.

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