50-Jähriger in U-Haft : Amokfahrt von Bottrop: Zeitung berichtet Details aus Verhör

Die Polizei geht von einem gezielten Anschlag aus, 'der möglicherweise in der fremdenfeindlichen Einstellung des Fahrers begründet ist'.
Die Polizei geht von einem gezielten Anschlag aus, "der möglicherweise in der fremdenfeindlichen Einstellung des Fahrers begründet ist".

Ein Autofahrer hat in Bottrop seinen Wagen in eine Fußgängergruppe gesteuert und acht Menschen zum Teil schwer verletzt.

svz.de von
02. Januar 2019, 13:15 Uhr

Bottrop | Der mutmaßliche Attentäter von Bottrop hat einem Zeitungsbericht zufolge im Verhör bei der Polizei Hass auf Ausländer als Motiv für die Tat erkennen lassen. Wie der "Kölner Stadt-Anzeiger" (Donnerstag) unter Berufung auf Ermittlerkreise berichtet, hat der 50-Jährige im Verhör über "Kanaken" und "Schwarzfüße" geschimpft. Er habe ausgesagt, mit seinen Taten etwaigen Anschlägen durch syrische oder afghanische Flüchtlinge zuvorkommen zu wollen.

Dem Bericht zufolge leidet der festgenommene Deutsche seit Jahrzehnten unter einer schizophrenen Erkrankung. 2005 habe er zeitweilig in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik gelebt, laut eigener Aussage befinde er sich nach wie vor in psychiatrischer Behandlung. Seine Schuldfähigkeit soll untersucht werden. Zudem soll der Mann dem Bericht zufolge Hartz-IV-Empfänger sein und in einer unglücklichen Partnerschaft leben.

Acht Menschen mit Auto verletzt

Nach der Attacke auf feiernde Passanten im Ruhrgebiet war am Mittwoch gegen den 50 Jahre alten Autofahrer Haftbefehl wegen mehrfachen versuchten Mordes erlassen worden. Der Mann soll seinen Wagen in der Silvesternacht auf seiner Fahrt in Bottrop und in Essen aus Fremdenhass mehrfach auf feiernde Menschen zugesteuert haben. Dabei verletzte er insgesamt acht Menschen, die meisten aus Syrien und Afghanistan. Allesamt haben ausländische Wurzeln.

Staatsanwaltschaft und Polizei sprachen von einem "gezielten Anschlag". Die Ermittler gehen davon aus, dass der Täter aus fremdenfeindlichen Motiven handelte und unter psychischen Problemen leidet. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) sagte nach den ersten Vernehmungen: "Es gab die klare Absicht von diesem Mann, Ausländer zu töten."

Er soll mit seinem Auto gezielt Jagd auf Ausländer gemacht haben – oder Menschen, die er dafür hielt. Im Internet kursieren Handy-Videos, die die Tat zeigen sollen: Als würde er nach etwas Ausschau halten, steuert der Fahrer seinen silbernen Kombi über einen Platz mit Silvester-Feiernden. Dann gibt er Gas, obwohl oder weil dort Menschen im Weg sind.

Immer wieder konnten Passanten sich auch in Sicherheit bringen, kamen mit dem Schrecken davon. Die Ermittlungen seien jedoch noch im vollen Gange, sagte ein Polizeisprecher am Mittwoch. Zu den offenen Fragen gehört auch, ob die Tat geplant oder eher spontan verübt wurde. "Aktuell gibt es allerdings keine Hinweise darauf, dass es von langer Hand geplant war", sagte eine Polizeisprecherin am Nachmittag in Münster.

Keine Hinweise auf rechtsextreme Szene

Laut Reul haben die Sicherheitsbehörden derzeit keine Hinweise darauf, dass der Mann – ein Deutscher aus Essen – Verbindungen in die rechtsextreme Szene hat.

Die Bundesregierung hat die Tat scharf verurteilt und die Geschehnisse "mit Bestürzung zur Kenntnis genommen", sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Martina Fietz am Mittwoch in Berlin. Es gebe in Deutschland keinen Platz für Extremismus und Intoleranz, egal von welcher Seite ein solches Verhalten komme.

Auch ein Kind unter den Verletzten

Die Polizei Münster geht davon aus, dass der Täter in der Silvesternacht – zum Beispiel an beleuchteten Bushaltestellen – gezielt nach Opfern Ausschau gehalten habe. Eines der Opfer wurde schwer verletzt. Unter den Opfern ist eine 46-jährige Frau, ihr Ehemann (48) und ihre Töchter (16 und 27) aus Syrien. Ebenfalls verletzt wurden ein vierjähriger Junge und seine Mutter (29) aus Afghanistan, ein 10-jähriges Mädchen aus Syrien sowie ein 34-jähriger Essener mit türkischen Wurzeln.

Die schlimmsten Folgen hatten die Angriffe in Bottrop, wo der 50-Jährige kurz nach Mitternacht auf dem zentralen Berliner Platz in die Menge fuhr, die gerade mit Böllern und Raketen das neue Jahr begrüßte. Vier Menschen wurden dort verletzt, darunter ein Kind.

Erste Informationen weisen auf psychische Erkrankung hin

Nach "Spiegel"-Informationen soll der 50-Jährige in seiner Vernehmung gesagt haben, die vielen Ausländer seien ein Problem für Deutschland, das er lösen wolle. Demnach soll er nach ersten Erkenntnissen der Ermittler eine schizophrene Erkrankung haben. Der Mann sei in der Vergangenheit mindestens einmal in eine geschlossene Einrichtung eingewiesen werden, berichtete das Nachrichtenmagazin.

Die Ermittler gaben an, dass sie "erste Informationen über eine psychische Erkrankung des Fahrers" hätten. Er sei bei der Polizei bislang nicht in Erscheinung getreten, hieß es. Reul zufolge war der Mann in der Vergangenheit in Behandlung. Es sehe so aus, dass er "aus einer persönlichen Betroffenheit und Unmut heraus dann Hass auf Fremde entwickelt hat", sagte der Innenminister im WDR.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) wandte sich via Twitter an die Bürger: "An diesem Neujahrstag gilt der Vorsatz für 2019 klarer denn je: Wir stehen zusammen gegen rechte Gewalt. Den Kampf gegen den Hass auf andere Menschen werden wir mit allen Mitteln des Rechtsstaats engagiert fortsetzen."


Anschlag auf Fußgänger in Japan

Auch in der japanischen Millionenmetropole Tokio rammte ein Autofahrer in der Silvesternacht Medienberichten zufolge Fußgänger in einer belebten Einkaufszone. Mindestens neun Menschen wurden dabei verletzt. Der Fahrer sei festgenommen worden und habe der Polizei gesagt, dass er einen Terroranschlag verüben wollte, meldete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo.

Nach Angaben von Kyodo hielten die Behörden einige Aussagen und Handlungen des Mannes allerdings für fragwürdig. Sie prüften daher, ob er wegen seines Geisteszustandes schuldfähig ist.

Weiterlesen: Autofahrer steuert in Tokio in Menschenmenge und spricht von Terroranschlag

Der Fall in Bottrop weckt auch Erinnerungen an die Amokfahrt in der Innenstadt von Münster im vergangenen April. Ein Mann raste damals an einem sonnigen Frühlingstag mit einem Kleintransporter auf einen belebten Platz. Es gab vier Tote, mehr als 20 Menschen wurden verletzt. Anschließend erschoss sich der Täter in dem Wagen selbst. Der 48 Jahre alte Amokfahrer war laut Polizei ein psychisch labiler Deutscher, der den Tod suchte. Einen terroristischen Hintergrund gab es den Ermittlungen zufolge in Münster nicht.

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