Faktencheck : Besteht auf Demonstrationen eine erhöhte Ansteckungsgefahr mit Covid-19?

15.000 Teilnehmer protestierten am vergangenen Wochenende auf dem Berliner Alexanderplatz gegen Rassismus und Polizeigewalt.
15.000 Teilnehmer protestierten am vergangenen Wochenende auf dem Berliner Alexanderplatz gegen Rassismus und Polizeigewalt.

Handelt man unverantwortlich, wenn man auf die Straße geht und seine Meinung vertritt?

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12. Juni 2020, 07:23 Uhr

Berlin | Deutschlandweite Anti-Rassismus-Proteste haben eine Debatte um Demonstrationen in Corona-Zeiten ausgelöst. Angesichts dicht gedrängter Menschenmengen zeigten sich einige Politiker besorgt. Trotz der Kritik sind mit den Demos des Bündnisses "Unteilbar" an diesem Wochenende schon die nächsten Großveranstaltungen angesetzt. Wird das Infektionsgeschehen in Deutschland dadurch wieder angeheizt?

Demos und Corona – ein Faktencheck

Behauptung: Bei Demonstrationen besteht eine erhöhte Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus.

Bewertung: Mit Mundschutz und Abstand droht bei Demonstrationen wohl keine besondere Gefahr. Experten raten aber von lauten Sprechchören ab.

Fakten: Demonstrationen an der frischen Luft sind zunächst einmal unbedenklicher als Veranstaltungen in geschlossenen Räumen, wie Christian Kähler vom Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik an der Universität der Bundeswehr München erklärt. „Durch die Frischluft nimmt die Virenlast ab." Ausgeatmete Luft könne aufsteigen und sich dort mit der Umgebungsluft vermischen. Auch der Berliner Virologe Christian Drosten hatte - allerdings mit Blick auf Restaurants und Gaststätten - erklärt, im Außenbereich sei ein Zwei-Meter-Abstand wahrscheinlich gar nicht notwendig. Der Wind wehe das Virus weg.

Hintergrund

Corona-Auflagen für Demonstrationen in den Bundesländern

Demonstrationen sind in der Corona-Krise in allen Bundesländern erlaubt, dennoch gelten einige Auflagen. Die Länder entscheiden weitgehend in eigener Verantwortung über schrittweise Lockerungen, deshalb ist die Lage in jedem Bundesland unterschiedlich. Generell werden Demonstrationen nur unter Auflagen zur Sicherstellung des Infektionsschutzes – also Abstands- und Hygieneregeln – erlaubt.
In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gibt es eine pauschale Höchstgrenze von 150 Teilnehmern, Schleswig-Holstein erlaubt bis zu 100 Menschen. In Nordrhein-Westfalen gilt beispielsweise eine Höchstzahl an Teilnehmern, gerechnet auf die Gesamtfläche. Für Demonstrationen in Sachsen-Anhalt muss die Versammlungsbehörde zusammen mit dem Gesundheitsamt erst grünes Licht geben. Keine Beschränkungen bezüglich der Teilnehmerzahl gibt es etwa in Berlin, Sachsen und Thüringen.


Doch trotz des Faktors „Frischluft" müssen aus Expertensicht ein paar Grundregeln gelten, um Demonstrationen einigermaßen coronasicher zu machen: Mundschutz, Abstand – und keine lauten Parolen.

Als zum Beispiel auf dem Berliner Alexanderplatz zuletzt rund 15.000 Menschen demonstrierten, trugen zwar viele eine selbstgenähte Maske – Mindestabstände wurden aber oft nicht eingehalten. "Ein paar Leute werden sich da schon infiziert haben", schätzt Kähler.

Masken nicht ganz dicht

Masken zu tragen verhindere zwar, dass infektiöse Tröpfchen über weite Strecken fliegen und vermindere auch die Geschwindigkeit, mit der Luft ausgeatmet und Tröpfchen verbreitet würden. "Alltagsmasken sind aber nie ganz dicht." Daher müsse der Mindestabstand auch dann eingehalten werden, wenn ausnahmslos alle Teilnehmer eine Alltagsmaske trügen. Dann könnten Demonstrationen aber auch relativ gefahrlos verlaufen.

Sehen Sie im Video: Zehntausende Deutsche demonstrieren gegen Rassismus


Eine Sicht, die auch der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) teilt: "Die Maske ist nur ein zusätzliches Hilfsmittel, aber sollte keine Alibimaßnahme sei." Entscheidend seien nach wie vor der Mindestabstand und allgemeine Hygieneregeln.

Demonstrieren mit Abstand

Das Bündnis "Unteilbar", das an diesem Sonntag (14. Juni) in mehreren deutschen Städten zu Demonstrationen aufruft, will das berücksichtigen. Demonstrierende sollen sich auf langen Straßen zu einem "Band der Solidarität" mit drei Metern Abstand aufstellen. "Wir werden uns gegenseitig nicht gefährden, wir werden keine großen Menschenansammlungen und kein Gedränge haben, wie wir es von Demonstrationen kennen", verspricht das Bündnis auf seiner Homepage.


Verzichten sollten die Demonstranten aber auch auf laute Parolen. "Der Rat ist, still zu demonstrieren", sagt Schmidt-Chanasit. "Wenn man lange viel schreit, fliegen viele Tröpfchen und da entstehen Aerosole." Diese kleinen Luftteilchen flögen weiter als anderthalb Meter und könnten das Risiko einer Übertragung erhöhen. Allerdings ist noch nicht abschließend geklärt, welche Rolle Aerosole bei der Verbreitung des Virus spielen.

Ganz pragmatisch spricht sich auch Aerodynamiker Kähler für ruhige Demos aus: "Wenn es laut ist und ich mit jemandem sprechen möchte, dann komme ich ihm automatisch näher oder rede lauter." Je lauter man aber rede, desto mehr Tröpfchen produziere man - das Risiko einer Ansteckung steige dadurch.

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