Keine Lebensgefahr : Berliner Charité: Befunde weisen auf Vergiftung Nawalnys hin – Spätfolgen unklar

Das Bundeskriminalamt bewacht die Charité mit dem umstrittenen Politiker.
Das Bundeskriminalamt bewacht die Charité mit dem umstrittenen Politiker.

Klinische Befunde würden laut Ärzten der Berliner Charité auf eine Vergiftung des Kremlkritikers Nawalny hinweisen.

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24. August 2020, 18:40 Uhr

Berlin | Ärzte der Berliner Charité gehen davon aus, dass der Kremlkritiker Alexej Nawalny vergiftet wurde. Darauf wiesen klinische Befunde hin, teilte eine Sprecherin der Klinik am Montag in Berlin mit. Der Gesundheitszustand Nawalnys sei ernst, es bestehe aber keine akute Lebensgefahr.

Nawalny ist seit Jahren einer der bekanntesten Widersacher von Kremlchef Wladimir Putin und der führende Kopf der liberalen Opposition. Auf den Regierungskritiker hatte es schon mehrfach Anschläge gegeben. Der Aktivist hat sich mit seinen Recherchen zu Korruption und Machtmissbrauch viele Feinde gemacht. Nawalny spricht dieses Thema so deutlich an wie kaum jemand sonst in Russland.

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imago images/ZUMA Wire


EU fordert von Russland "transparente Untersuchung"

Die Europäische Union verurteile schärfstens den mutmaßlichen "Angriff auf Nawalnys Leben", erklärte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell am Montagabend in Brüssel. Es sei "zwingend erforderlich", dass die russischen Behörden "ohne Verzögerung" eine unabhängige Untersuchung zu dem mutmaßlichen Anschlag auf Nawalnys Leben auf den Weg brächten, verlangte Borrell. Das russische Volk sowie die internationale Gemeinschaft wollten "die Fakten hinter Herrn Nawalnys Vergiftung" erfahren. Die dafür Verantwortlichen müssten "zur Rechenschaft" gezogen werden.

Zuvor hatte bereits die Bundesregierung nachdrücklich Aufklärung von Moskau gefordert. Die russischen Behörden seien "dringlich aufgerufen, diese Tat bis ins Letzte aufzuklären – und das in voller Transparenz", erklärten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Heiko Maas (SPD). "Die Verantwortlichen müssen ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden." Der Name von Russlands Präsident Wladimir Putin wird in der Erklärung nicht erwähnt. "Wir hoffen, dass Herr Nawalny wieder ganz genesen kann. Unsere guten Wünsche gelten auch seiner Familie, die eine schwere Prüfung durchmacht", schrieben Merkel und Maas weiter.

In Sibirien das Bewusstsein verloren

Seit Donnerstag liegt Nawalny im Koma. Zunächst wurde er in einem Krankenhaus in Sibirien versorgt, am Wochenende aber in die Charité überstellt.

Noch immer sind die genauen Umstände des Falls unklar. Nawalny hatte bei einer Reise in Sibirien in einem Flugzeug unter Schmerzen das Bewusstsein verloren. Zudem wurde bekannt, dass er bei dem Aufenthalt in Sibirien von Sicherheitskräften beschattet worden sein soll.

Genaue Substanz nicht bekannt

Die konkrete Substanz sei bisher nicht bekannt. Die ersten Untersuchungen deuteten aber auf eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer hin, hieß es von der Charité. Nawalny werde nun mit dem Gegenmittel Atropin behandelt. Die Wirkung des Giftstoffs sei mehrfach und in unabhängigen Laboren nachgewiesen worden. Der Ausgang der Erkrankung bleibe unsicher und Spätfolgen, insbesondere im Bereich des Nervensystems, könnten zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden, so die Sprecherin.

Cholinesterasen sind körpereigene Enzyme, sie sind im Stoffwechsel unverzichtbar für den Abbau bestimmter Stoffe, insbesondere des Botenstoffs Acetylcholin im Gehirn. Sogenannte Cholinesterase-Hemmer hemmen dieses Enzym. Sie sind als Medikamente auch in Deutschland auf dem Markt. Sie werden etwa bei Alzheimer-Demenz eingesetzt und sollen bei den Patienten die Kommunikation zwischen Nervenzellen anregen und so den Abbau der geistigen Leistungsfähigkeit zumindest leicht verzögern.

Hemmend auf das Enzym wirkende Substanzen können aber auch in Pflanzenschutzmitteln oder chemischen Waffen enthalten sein. Alkylphosphate in Pflanzenschutzmitteln etwa hemmen die Acetylcholinesterase. Als Sofortmaßnahme bei einer Alkylphosphatvergiftung gilt die Gabe von Atropin als Gegengift. Die Erholung des Enzyms dauert mehrere Wochen.

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Russische Ärzte gehen von Stoffwechselproblemen aus

Nawalnys engster Kreis geht davon aus, dass der 44-Jährige vergiftet wurde. Die russischen Ärzte sprachen dagegen von Stoffwechselproblemen. Für eine Vergiftung gebe es keine ausreichenden Belege, hieß es. Sie hätten alles Notwendige getan, sagte der Chefarzt der Klinik in Omsk, Alexander Murachowski. Die Behörden hätten keinen Druck auf sie ausgeübt. „Wir haben den Patienten versorgt, und wir haben ihn gerettet. Es gab keinen Einfluss von außen auf die Behandlung des Patienten.“

Dem widersprach Nawalnys Team jedoch vehement. Die Ärzte in Omsk hatten aus ihrer Sicht „nichts zu sagen“, sagte die Oppositionelle Ljubow Sobol dem „Spiegel“. „Im Büro des Chefarztes saßen Mitarbeiter der Sicherheitsbehörden“. Sie hätten mit unterschiedlichen Methoden „lange auf Zeit gespielt, bis das Gift wohl nicht mehr in Nawalnys Körper nachweisbar war.“


Der Kreml wies zurück, dass die Behörden in Omsk zu langsam gehandelt hätten. „Alle Genehmigungen und Formalitäten wurden zügig geklärt“, sagte Sprecher Dmitri Peskow russischen Agenturen zufolge. Der Spezialflug sei ohne Probleme freigegeben worden, als die Ärzte Nawalny für transportfähig erklärt hätten. Staatschef Putin habe mit dem Vorgang nichts zu tun gehabt. „Das ist absolut nicht das Vorrecht des Präsidenten“, sagte Peskow.

In den russischen Staatsmedien wurden seit Tagen unterschiedliche Versionen verbreitet, warum Nawalny im Koma liegt – von Alkoholkonsum, einer Diät bis Unterzuckerung. Das sei eine vom Kreml koordinierte „typische Desinformation“, sagte die Juristin Sobol. „Das war ein Mordanschlag auf Nawalny, der einzig einem nützt - dem Kreml.“ Nawalny habe bis zu dem Vorfall nie gesundheitliche Probleme gehabt und sei sehr fit gewesen. „Er war nie richtig krank, höchstens mal erkältet. Wir haben mal gescherzt, dass er wie ein Roboter sei.“

Filmproduzent organisierte Flug nach Berlin

Der Filmproduzent Jaka Bizilj, der den Flug nach Berlin organisiert hatte, geht davon aus, dass Nawalny überleben wird. Im Politik-Talk „Die richtigen Fragen“ auf „Bild live“ sagte Bizilj am Sonntagabend: „Aus meiner Sicht ist die entscheidende Frage, ob er das unbeschadet übersteht und seine Rolle weiter einnehmen kann.“ In diesem Fall sei Nawalny aber sicherlich mindestens ein, zwei Monate politisch außer Gefecht gesetzt.

Nawalnys Sprecherin Jarmysch zeigte sich darüber erstaunt. Niemand habe im Moment Zugang zu Informationen über den Gesundheitszustand – schon gar nicht jemand, der nicht zur Familie gehöre.

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