Moderatorin und Sängerin im Interview : „Bauer sucht Frau“-Moderatorin Inka Bause: Berlin keine Freigeister-Stadt mehr

Hadert mit der Hauptstadt: Bauer-sucht-Frau-Moderatorin Inka Bause beklagt im Interview die wachsende Intoleranz in Berlin. Von der Freigeist-Stadt von einst sei nicht mehr viel geblieben.
Hadert mit der Hauptstadt: Bauer-sucht-Frau-Moderatorin Inka Bause beklagt im Interview die wachsende Intoleranz in Berlin. Von der Freigeist-Stadt von einst sei nicht mehr viel geblieben.

"Bauer sucht Frau"-Moderatorin Inka Bause hadert mit der Hauptstadt und will Landlärm schützen lassen.

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24. März 2021, 11:33 Uhr

Osnabrück | Mit Blick auf den steten Zuzug in die Hauptstadt und die Szene-Viertel sagte Bause: „Kaum sind die Möbel gerückt und die Bilder an der Wand, wird dann als erstes der Gastwirt verklagt, der seit Jahrzehnten unten im Haus eine Kneipe betreibt und dessen Wirtschaft jetzt plötzlich stört.“ So ein Verhalten ärgere sie, weil Lebensmodelle der Mitmenschen nicht akzeptiert würden.

„Wer sich so ignorant verhält, ist eine Gefahr für unsere Gesellschaft, weil er spaltet“, sagte Bause. Dabei sei Berlin einst eine „Freigeist-Stadt“ gewesen, in die Künstler aus aller Welt gezogen seien. „Davon ist nicht mehr viel übriggeblieben, das Feeling hat sich total geändert. Das ist sehr bedauerlich“, so die Moderatorin und Sängerin.

Sie unterstützt eine Petition, die fordert, den Landlärm – also den morgendlichen Hahnenschrei oder das Läuten der Kuhglocke – unter Schutz zu stellen. Sie selbst wache jeden Morgen in Berlin zu einem krähenden Hahn auf. „Zwei Straßen weiter ist eine Laubenpieper-Siedlung, die dürfen auch Kleinvieh wie Hühner halten. Mal sehen, wie lange noch bis der erste dagegen klagt“, so Bause. Im Gespräch geht es außerdem darum, wie die von ihr moderierte Sendung das Bild des Landlebensgeprägt hat und warum sie trotz Corona für November eine Tournee plant.

Lesen Sie hier das Interview im Wortlaut:

Frau Bause, Sie haben im Internet zur Unterstützung einer Petition aufgerufen, die den Hahnenschrei oder die Kuhglocke unter besonderen rechtlichen Schutz stellen lassen will. Wie kam’s dazu?

Ich wurde angesprochen von den Initiatoren. Das kommt ja durchaus häufiger vor. Meistens muss ich dann absagen, ich kann ja auch nicht jeden retten. Aber dieses Ziel hat mich echt überzeugt. Es geht darum, das Landleben mit seinen Gerüchen, Geräuschen etc. unter besonderen Schutz zu stellen. Wir stellen ja auch Denkmäler und alte Gebäude unter Denkmalschutz. Hier geht es aber um Mensch und Tier und Umwelt! Da wird beispielsweise ein Landwirt in Bayern von Zugezogenen verklagt, weil seine Kühe mit Glocken um den Hals auf der Alm stehen. Das muss man sich mal vorstellen! Was ist denn das für eine Zeit, in der wir leben! Ich kenne das hier in Berlin ja auch…

Inwiefern? Ist das kein Stadt-Land-Konflikt?

Nein, nicht unbedingt. In Prenzlauer Berg in Berlin, also in einem In-Viertel ziehen Menschen aus ganz Deutschland und Europa hin. Kaum sind die Möbel gerückt und die Bilder an der Wand, wird dann als erstes der Gastwirt verklagt, der seit Jahrzehnten unten im Haus eine Kneipe betreibt und dessen Wirtschaft jetzt plötzlich stört. So etwas ärgert mich. Der Respekt vor dem Lebensmodell des Anderen ist abhandengekommen. Wer sich so ignorant verhält, ist eine Gefahr für unsere Gesellschaft, weil er spaltet. Und nach meiner Wahrnehmung werden es immer mehr. Mensch, ich rede mich hier richtig in Rage!

Haben Sie den Berlin-Blues?

Das muss ich jetzt einfach mal sagen: Als Berlin noch durch die Mauer getrennt war, lebten im Westteil Wehrdienstverweigerer, viele Linke, Künstler und Menschen, die eben mit dem Leben in dieser besonderen Stadt und Umgebung kein Problem hatten. Im Ostteil lebten auch viele Künstler, weil in der DDR zentralistisch gedacht wurde und alle Medien hier angesiedelt waren. Fernsehen, Rundfunk... Es war eine Freigeist-Stadt. Nach dem Mauerfall sind Künstler aus aller Welt hergezogen. Davon ist nicht mehr viel übriggeblieben, das Feeling hat sich total geändert. Das ist sehr bedauerlich.

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Dirk Sattler via www.imago-images.de

Suchen Sie schon nach einer Wohnung auf dem Land?

Ne, ich liebe die Stadt trotz allem, ich bin ein Stadtmensch! Ich bin in Leipzig geboren und in Berlin groß geworden. Mein Kiez ist auch ein ziemlich idyllischer. Ich wache hier tatsächlich morgens mit einem Hahnenschrei auf – also noch. Zwei Straßen weiter ist eine Laubenpieper-Siedlung, die dürfen auch Kleinvieh wie Hühner halten. Mal sehen, wie lange noch bis der erste dagegen klagt… Mensch, wir müssen doch begreifen, dass jeder seinen Lebensentwurf hat! Ich möchte doch hier ein bis zwei Mal im Jahr auf meinem Balkon mit meiner Familie bis morgens in der Frühe feiern dürfen, ohne dass die Polizei um 22 Uhr direkt vor der Tür steht. Ich kann das schlecht nachvollziehen, was mit den Menschen los ist. Ich bin zu Toleranz erzogen worden. Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden – da halte ich es ganz mit Rosa Luxemburg. Das hat mich geprägt.

Ist die Meckerkultur etwas, das aus Westdeutschland importiert ist?

Das kann man nicht verorten. Das scheint mir eher der Zeitgeist heute zu sein. Früher war es doch sowohl im Osten als auch im Westen anders. Da war es doch eher selbstverständlich, wenn die Kinder laut draußen spielten oder der Teppich draußen ausgeklopft wurde. Heute ist es doch eher so, dass als erstes der Anwalt in Gang gesetzt wird, wenn der Nachbar sonntags den Rasenmäher anwirft. Mir scheint das auch mit unserem Wohlstand zusammenhängen. Wir haben keine echten Probleme mehr. Deswegen suchen wir uns welche. Ich denke, die Petition ist eine gute Möglichkeit, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten. Wir brauchen mehr Zusammenhalt, mehr Akzeptanz.

Apropos Probleme: Viele Landwirte haben in den vergangenen Monaten ihre Probleme in die Städte getragen und mit ihren Traktoren protestiert. Haben Sie davon etwas mitbekommen?

Ja, klar, ich stand auch im Stau. Aber da war es mir dann auch egal, ob ich zu spät komme. Ich konnte den Unmut gut nachvollziehen. Ich sage meinen Städtern immer: Fahrt raus aus der Stadt, guckt euch die Höfe an, kauft dort eure Lebensmittel! Es muss nicht immer Bio sein, Hauptsache aber regional!

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Bernd von Jutrczenka/dpa

Fehlt gerade den Städtern der Bezug zu ihrem Essen?

Wir haben uns doch insgesamt sehr weit entfernt von unseren Lebensmitteln. Wir wollen unser foliiertes Fleisch aus dem Tiefkühlregal nehmen und gar nicht so genau wissen, was vorher passiert ist. Und wehe, der Preis steigt. Das muss sich ändern. Gute Landwirtschaft geht nur mit guten Preisen. Am Anfang unserer Sendung „Bauer sucht Frau“ gab es manchmal Kritik, weil wir auch Nebenerwerbslandwirte gezeigt haben. Da hieß es dann: ,Das ist ja kein echter Bauer!‘ Ich habe dann immer gesagt: Mensch, denkt doch mal drüber nach, warum er das nicht im Vollerwerb macht. Weil er nicht davon leben kann!

Hat ihre Sendung mit dem Fokus auf Unterhaltung ein falsches Bild des Landlebens und der Landwirtschaft in den Köpfen verankert?

Das sehe ich ganz anders. Der Erfolg der Sendung hat auf diese Berufsgruppe aufmerksam gemacht. Erst danach kamen doch diese ganzen Landleben-Magazine auf den Markt. Den Grundstein haben wir mit „Bauer sucht Frau“ gelegt. Wir haben uns nie über die Bauern lustig gemacht. Meine Texte aus dem Off waren nie hämisch. Aber ja, es gibt sicher gerade in den Städten Menschen, die sich über Bauern und das Landleben erheben. Aber ich will klar sagen: Die Bauern sind klarer im Kopf und strukturierter als zwei Drittel der Menschen in der Großstadt. Wenn man hier in Berlin die Ampeln ausschaltet, dann kommt niemand mehr selbstständig über die Straße.

Wird es dieses Jahr trotz Corona eine neue Bauer-sucht-Frau-Staffel geben?

Ja, unsere Ostersendung ist im Kasten, an Pfingsten kommen die neuen Bauern. Wir hangeln uns da ein bisschen von Woche zu Woche bei den Dreharbeiten. Es kann ja jederzeit passieren, dass Lockerungen wieder zurückgenommen werden müssen. Ich verlasse mich da ganz auf die Experten.

Sie sind ja nicht nur Moderatorin, sondern – vor allem in Ost-Deutschland – auch als Sängerin bekannt…

Moment, da möchte ich einhaken: Mit meiner letzten Single aus dem Album „Lebenslieder“ war ich auf Platz 1 der Charts, das war der meistgespielte Song im Bereich Schlager/Pop. Das hätte ich ohne die Wessis nicht geschafft! Da bin ich total stolz drauf. Meine Idee scheint voll aufgegangen zu sein. Ich habe ja viele alte Ost-Songs aufgenommen, die vielleicht auch ein bisschen in Vergessenheit geraten sind, oder in Teilen des Landes nie bekannt waren. Das gilt auch für die kommende Single - „So ging noch nie die Sonne auf“. Das Lied kommt aus den 70ern, das habe ich in meiner Kindheit gehört. Als ich mit dem fast 90 Jahre alten Komponisten gesprochen habe, hätte der fast geheult vor Freude, weil jemand sein Lied neu aufnehmen möchte.

Findet da vielleicht auch gerade so etwas wie eine Bewusstwerdung der künstlerischen Leistungen in der DDR statt? Viele haben doch zuletzt auch durch einen Film den DDR-Liedermacher Gundermann ganz neu oder überhaupt erst entdeckt.

Ich weiß nicht genau, ob es Interesse am Osten ist. Sicher kehrt da ein bisschen mehr Respekt ein. Direkt nach der Wende kamen die Kapitalisten aus dem Westen und sagten: Ihr habt’s nicht hinbekommen, wir zeigen euch jetzt, wie es richtig geht‘. So ganz ist das ja auch nicht aufgegangen.

Sie planen trotz Corona auch eine Tour. Ist das nicht ziemlich riskant?

Ich will das einfach durchziehen, auch wenn ich bei allen Sicherheitsbestimmungen vielleicht kein Geld damit verdienen werde. Ich will da auch ein Zeichen setzen für meine Techniker und meine Band. Wir wollen und wir müssen weitermachen. Ich kenne viele Betroffene aus der Kreativbranche, die jetzt in der Pandemie ohne Arbeit dastehen. Aber nur die wenigsten sind derart verzweifelt, dass sie in das Lager der Querdenker gewechselt sind. Stattdessen sucht man sich Alternativen. Ich kenne beispielsweise den Tourbus-Fahrer einer bekannten Band. Der fährt jetzt für einen Paketdienst einen Lkw. Wenn das mit Corona durchgestanden ist, werden wir in der Veranstaltungsbranche einen richtigen Fachkräftemangel haben. Viele haben der Branche den Rücken gekehrt. Meine Leute und ich wollen weitermachen und auch Hoffnung geben, dass es weiter geht.

Tourdaten 2021

Inka Bause im November auf Tour

  • 2. November: Greiz
  • 3. November: Bitterfeld/Wolfen
  • 5. November: Saalfeld
  • 6. November: Meiningen
  • 7. November: Freiberg
  • 10. November: Gotha
  • 11. November: Weissenfels
  • 12. November: Crimmitschau
  • 13. November: Heilbad Heiligenstadt
  • 15. November: Potsdam
  • 16. November: Neubrandenburg
  • 17. November: Neuruppin
  • 18. November: Eberswalde
  • 19. November: Rüdersdorf bei Berlin
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