Unfall auf Brücke über Großen Belt : Zugunglück in Dänemark: Zwei weitere Tote im Wrack gefunden

Geplatzte Planen und Kistentrümmer am Güterzug, der in den Unfall verwickelt war.
Geplatzte Planen und Kistentrümmer am Güterzug, der in den Unfall verwickelt war.

Unglück auf der Brücke über den Großen Belt: Ein leerer Lastwagen könnte das Unglück ausgelöst haben.

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02. Januar 2019, 16:45 Uhr

Kopenhagen | Nach dem schlimmsten Zugunglück in Dänemark seit mehr als drei Jahrzehnten sind die zuständigen Ermittler am Donnerstag weiter mit der Aufarbeitung des Vorfalls beschäftigt. Sowohl der auf der Storbæltbrücke verunglückte Passagierzug als auch der am Unfall beteiligte Güterzug sollten für weitere Untersuchungen in einen abgesperrten Bereich bei Nyborg am westlichen Ende der Brücke gebracht werden, wie die Polizei der Region Fünen (Fyn) am Mittwochabend mitteilte. Gleichzeitig wurde an der Identifizierung der Toten gearbeitet.

Bei dem Zugunglück sind zwei Menschen mehr ums Leben gekommen als ursprünglich gedacht. Nächtliche Untersuchungen hätten gezeigt, dass sich zwei weitere Tote in dem Unfallzug befanden, sagte Polizeisprecher Arne Gram am Donnerstagmorgen in Odense. Unter den Todesopfern seien fünf Frauen und drei Männer, aber keine Kinder. Es sei weiter zu früh, eine Unglücksursache zu benennen. Wie das Universitätskrankenhaus von Odense nach Angaben der dänischen Nachrichtenagentur Ritzau mitteilte, konnten 14 der 16 Verletzten das Krankenhaus mittlerweile wieder verlassen.

Die Polizeisprecher berichten, dass zwei weitere Leichen im Zugwrack gefunden wurden. Foto: imago/Ritzau Scanpix/Carsten Bundgaard
imago/Ritzau Scanpix/Carsten Bundgaard
Die Polizeisprecher berichten, dass zwei weitere Leichen im Zugwrack gefunden wurden. Foto: imago/Ritzau Scanpix/Carsten Bundgaard

Das Wetter mit viel Wind und die schweren Schäden am Zug hätten die Ermittlungen deutlich erschwert, sagte Gram. Wegen der Schäden sei es äußerst schwierig gewesen, in alle Ecken des Zuges zu gelangen. Polizeichef Lars Bræmhøj ergänzte, dass sich die Todesopfer in erster Linie im ersten Waggon des Zuges befunden hätten. Die Polizei ist sich nun sicher, dass niemand mehr im Zug ist.

Vollbremsung bei Fahrt im Sturm

Der Zug erscheint am Mittwochmorgen vielen Reisenden als das sicherste Verkehrsmittel auf ihrem Weg Richtung Kopenhagen. Denn zu diesem Zeitpunkt zieht ein heftiger Sturm schon seit einigen Stunden über Dänemark hinweg. Der Fährverkehr ist eingeschränkt, die beiden großen Brücken des Landes sind für den Autoverkehr gesperrt. Doch der Zugverkehr an der Brücke über den Großen Belt (Storebælt) läuft normal. Bis etwa 7.30 Uhr.

Ein Zug hält auf der Brücke über den Großen Belt bei Nyborg nach einem Zugunglück. Foto: dpa/Tim K. Jensen
dpa/Tim K. Jensen
Ein Zug hält auf der Brücke über den Großen Belt bei Nyborg nach einem Zugunglück. Foto: dpa/Tim K. Jensen

Dann passiert etwas, das acht Reisenden den Tod bringt: Der Zug macht eine Vollbremsung, Gepäck fliegt durch die Waggons, Fahrgäste werden zu Boden geworfen. "Plötzlich begann der Zug zu wackeln", erzählt Augenzeuge Simon Voldsgaard Tøndering der Zeitung "Politiken". "Ich habe aus dem Fenster geschaut und Funken an den Seiten des Zuges schlagen gesehen. Glasscherben sind auf uns zugeflogen, die Deckenplatten lösten sich. Und dann wurde alles schwarz."

"Plötzlich begann der Zug zu wackeln" Augenzeuge Simon Voldsgaard Tøndering

Lkw-Anhänger als möglicher Auslöser

Etwas hat den Zug getroffen. Zunächst ist unklar, was es war. Der Zug fährt sogar noch ein Stück weiter, bis er mitten auf der Brücke zum Stehen kommt – mit 131 Passagieren und drei Besatzungsmitgliedern an Bord. Die Havariekommission vermutet später, dass die Ladung eines entgegenkommenden Güterzuges das Unglück ausgelöst haben könnte. Der Zug der Bahn-Tochter DB Cargo transportierte Leergut der Brauerei Carlsberg. Die Waggons waren mit Bierkisten beladen und hatten teilweise Planen anstelle von festen Wänden.

"Auf einem der Güterwaggons befand sich ein leerer Lastwagenanhänger, der herunterfiel", sagt Bo Haaning von der Havariekommission dem Dänischen Rundfunk. "Entweder hat er den Zug getroffen, oder der Zug ist hineingefahren." Er könne nicht sagen, ob der Anhänger den Unfall selbst verursacht hat oder ob der Zug auch von anderen Gegenständen getroffen wurde. Eine Aufarbeitung der Unglücksursache dürfte noch Wochen, möglicherweise auch Monate dauern.

Zwei Männer in Warnwesten gehen vor einem beschädigten Güterzug, nahe der Brücke über den Großen Belt bei Nyborg. Foto: dpa/Tim K. Jensen
dpa/Tim K. Jensen
Zwei Männer in Warnwesten gehen vor einem beschädigten Güterzug, nahe der Brücke über den Großen Belt bei Nyborg. Foto: dpa/Tim K. Jensen

Schwerwiegendste Zugunglück in Dänemark seit 1988

Zunächst war von sechs Toten und 16 Verletzten die Rede. Die Nachrichtenagentur Ritzau berichtet, es handele sich um das schwerwiegendste Zugunglück in Dänemark seit 1988. Damals waren in Sorø acht Menschen ums Leben gekommen sowie 72 verletzt worden.

40 Autofahrer müssen derweil Bußgelder zahlen, weil sie mit ihren Mobiltelefonen Bilder vom Unglücksort auf der Brücke über den Großen Belt gemacht haben. "Das geht absolut nicht in Ordnung. Zeigen Sie jetzt Respekt für die Betroffenen – und halten Sie im Übrigen die Straßenverkehrsordnung ein!!!", schrieb die Polizei von Fünen auf Twitter.

Dänemarks Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen reagiert betroffen auf das Unglück auf dem Großen Belt: "Ganz gewöhnliche Dänen, auf dem Weg zur Arbeit oder auf der Heimreise von den Weihnachtsferien, haben ihr Leben verloren. Es ist zutiefst unglücklich." Auch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker richtet Familien und Freunden der Opfer sein Beileid aus.

Königshaus trauert

Die dänische Königin Margrethe II. reagierte mit großer Betroffenheit. Das Unglück berühre sie zutiefst, erklärte sie am Mittwoch auf der Webseite des Königshauses. "Meine Gedanken und mein tiefstes Mitgefühl gehen sowohl an die Hinterbliebenen und ihre Familien als auch an die Verletzten."

Die Folgen des Unglücks für den Verkehr sind am Mittwoch enorm. Die 18 Kilometer lange Brücke verbindet die dänischen Inseln Fünen (Fyn) und Seeland (Sjælland) und ist damit einer der wichtigsten Verkehrswege Dänemarks, auf Seeland liegt auch Kopenhagen. Zwischen Fünen und der Insel Sprogø verkehren die Züge auf der Autobahnbrücke, bevor sie zwischen Sprogø und Korsør in einem Tunnel den Großen Belt passieren.

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Heftige Winde in Skandinavien

De Deutsche Bahn sicherte den Behörden vor Ort Unterstützung bei den Untersuchungen zu. Das sagte ein Konzernsprecher am Mittwoch in Berlin. "Wir sind sehr betroffen über das tragische Zugunglück", fügte er hinzu. "Unsere Gedanken sind bei den Opfern und den Angehörigen."

Zuvor hatte heftiger Wind bereits in weiten Teilen Skandinaviens zu Stromausfällen und Verkehrsbehinderungen geführt. Auch der Fährverkehr wurde durch den Sturm beeinträchtigt. In Schweden waren am Mittwochmorgen wegen umgestürzter Bäume mehr als 100.000 Haushalte ohne Strom. Die Brücke über den Storebælt verbindet die dänischen Inseln Fünen und Seeland (Sjælland) und ist damit einer der wichtigsten Verkehrswege Dänemarks. Auf Seeland liegt auch Kopenhagen. Viele Reisende aus Deutschland nutzen die Brücke, wenn sie mit dem Auto in die dänische Hauptstadt oder in Richtung Schweden fahren.

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