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Produktplatzierung : 96 Sekunden Ekstase um einen Keks

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Produktplatzierungen im TV haben ihre Grenzen – ein Gericht hat sie nun wieder einmal festgelegt

svz.de von
erstellt am 18.Feb.2016 | 20:30 Uhr

Sexy Ekstase mitten im Gerichtssaal: „Es war echt traumhaft!“, stöhnt das Erotikmodel Melanie Müller in die Kamera und haucht noch hinterher: „Ich möchte einfach mehr!“ Die Gier der Kandidatin von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ gilt einem Bahlsen-Riegel. Den bekamen sie und andere Kandidaten in der achten Staffel des RTL-„Dschungelcamps“ 2014 als Belohnung verabreicht – die Kekse waren eine Produktplatzierung in der Erfolgsserie.

Doch der Kölner Privatsender hat mit der werbenden Einbettung des Kekses in die Sendung gegen den Rundfunkstaatsvertrag verstoßen. Das hat das Verwaltungsgericht Hannover gestern entschieden. Zur Vorbereitung des Urteils sah sich die 7. Kammer eben auch die fragliche Sequenz an; Melanies Gestöhne inklusive. Die 96 Sekunden sind voll des Lobes für den Riegel.

„Richterliche Inaugenscheinnahme“ nannte das Michael-Rainer Ufer, Vorsitzender der 7. Kammer. Vor ihm saßen Anwälte von RTL und der Niedersächsischen Landesmedienanstalt (NLM). Die Auffassungen der beiden Seiten zum platzierten Keks im Camp gingen weit auseinander. Die Sequenz wirke wie ein „Fremdkörper“, meint die Medienrechtlerin Elisabeth Clausen-Muradian, die die NLM vertritt. Es gebe keinen angemessenen Ausgleich mehr zwischen der Werbebotschaft und dem redaktionellen Sendungsinhalt. Vielmehr hätten die fraglichen anderthalb Minuten geradezu eine „werbespotartige Anmutung“.

Und gerade darum geht es: War der Riegel im Camp noch Beiwerk oder spielte er schon eine Hauptrolle? Denn Produktplatzierungen sind u. a. nur erlaubt, wenn das Produkt „nicht zu stark herausgestellt“ wird. Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass „stark herausgestellt“ durchaus noch erlaubt ist.

Am Ende hält die Kammer zweierlei fest: „Die ersten Szenen der Produktplatzierung hätten den programmatisch-dramaturgischen Zusammenhang noch gewahrt“, führt Ufer aus. Die Überschreitung habe begonnen, als sich die Kandidaten nach der Keks-Parade noch einmal aus einer Interviewkabine, dem sogenannten Dschungeltelefon, zu Wort meldeten. Denn da sei der Handlungsstrang schon beendet gewesen. „Liegt ohne weitere Handlung eine übertriebene verbale Lobpreisung des Produktes durch Akteure in der Sendung vor, ist das Produkt zu stark hervorgehoben und die Produktplatzierung unzulässig.“

Bahlsen betont übrigens, keinen Einfluss auf die Ausgestaltung der Platzierung seines Riegels zu haben. Der Kekskonzern betreibt schon seit fünf Jahren Produktplatzierung im „Dschungelcamp“.

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