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Realität und Fiktion : 75 Jahre später: Die wahre Geschichte der U 96

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Schleswig-Holsteiner Friedrich Grade war Oberleutnant auf der U96, die durch den Film „Das Boot“ berühmt wurde. 75 Jahre nach der finalen Feindfahrt ist er der letzte Augenzeuge – und öffnet seine Tagebücher. Die zeigen: Vieles war anders.

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erstellt am 12.Mär.2017 | 05:00 Uhr

„Heute ist der große Tag endlich da.“ Mit diesem Satz beginnt am 14. September 1940 das erste Tagebuch von Friedrich Grade, Leitender Ingenieur oder „LI“ von U 96. In Büdelsdorf bei Rendsburg in Schleswig-Holstein wurde er am 29. März 1916 geboren, nach Kindheitsjahren zog die Familie nach Oldenburg. Als Technischer Offizier der „neuen U-Boot-Waffe“ kehrte er 1940 an die Ostsee zurück.

<p>Ein Dreivierteljahrhundert dazwischen: Friedrich Grade auf der U 96 und bei sich daheim. Der gebürtige Rendsburger ist 100 Jahre alt und lebt im Rheinland. </p>

Ein Dreivierteljahrhundert dazwischen: Friedrich Grade auf der U 96 und bei sich daheim. Der gebürtige Rendsburger ist 100 Jahre alt und lebt im Rheinland.

Foto: privat / Jardine, Fotoetage Bremen
 

In Eckernförde heiratete Friedrich Grade, das junge Paar bezog hier eine Wohnung. Dienstlich wurde der Oberleutnant (Ing.) zur 7. U-Flottille nach Kiel beordert, wo U 96 am 14. September 1940 auf der Fried. Krupp Germaniawerft A.G. in Kiel-Gaarden in Dienst gestellt wurde. Technisches Interesse, Leidenschaft für Physik, Mathematik und Chemie hatten Friedrich Grade freiwillig zur „neuen U-Bootswaffe“ melden lassen. Seit 1938 wurden die Bauaufträge für den neuen Typ VII C vergeben. Mit rund 600 Booten bis Kriegsende sollte dieser Bootstyp das meistgebaute Kriegsschiff aller Zeiten werden. Den Anfang machte die 90er-Baureihe im Sommer 1940, eines davon U 96. Für jedes Besatzungsmitglied galt strikteste Geheimhaltung. Nicht einmal Angehörige durften Details über Bootsbeschaffenheit, Standort oder Ähnliches erfahren. Offiziere standen in besonderer Verantwortung. Ein Geheimbefehl des Oberkommandos der Kriegsmarine vom 19. Januar 1940 lautete: „Auf Befehl des Führers und Obersten Befehlshabers der Wehrmacht ist nochmals allen Offizieren, Wehrmachtbeamten und sonstigen Geheimnisträgern eindringlich klar zu machen, daß gegenüber jeder Art von Landesverrat, auch dem fahrlässigen, sowie gegenüber jeder Verletzung der Vorschriften über die Geheimhaltung die äußersten Konsequenzen gezogen werden.“

Friedrich Grade setzte sich darüber hinweg, schriftlich und täglich. Bis Ende 1941 beschrieb er auf sieben Feindfahrten mit U 96 sieben Oktavhefte mit Bleistift und seinen persönlichen Eindrücken und Gedanken. Es fiel nicht auf, denn der „LI“ benutzte technische Oktavhefte, voll mit Zeichnungen, Berechnungen und Bootsfunktionen. Schrieb er privat, war kein Unterschied zwischen dem technischen und dem persönlichen Oktavheft erkennbar. So blieb das zeitgenössische Bordleben von U 96 in einer einzigartigen Zeitzeugenquelle erhalten, das sonst in den Kriegstagebüchern des Kommandanten (KTB’s), vor allem aber in den fiktionalen Werken des Autors Lothar-Günther Buchheim „Jäger im Weltmeer“ (1943/1996), „Das Boot“ (1973), „Die Festung“ (1995), „Der Abschied“ (2000) und in Bildbänden zu uns kam.

Prima Tanzmusik

Und natürlich im Film „Das Boot“. Klaus Wennemann spielte den „LI“, den Leitenden Ingenieur Friedrich Grade. Fühlte dieser sich getroffen? „Wennemann hat seine Sache gut gemacht“, attestiert Grade dem vor einigen Jahren verstorbenen Schauspieler. Zurückhaltender ist sein Urteil über „Das Boot“ von Lothar-Günther Buchheim. Den technischen Beschreibungen stimmt er zu, überzogenen Szenen und Figuren nicht. So sagt er zum Beispiel über den politischen Offizier an Bord von U 96, dass es ihn nie gegeben habe. Faktisch wurde dieser auch erst nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 durch Änderung des Wehrgesetzes eingeführt. Die privaten Tagebücher Friedrich Grades offenbaren eine im Gegenteil äußerst NS-distanzierte Stimmung mindestens in der Offiziersmesse von U 96. Denn regelmäßig werden mit Duldung des Kommandanten britische, amerikanische oder russische „Feindsender“ gehört. So heißt es am 17. August 1941 über die „Sicht der anderen Seite“: „Radioempfang ist heute hervorragend, Amerika blendend zu hören, auch auf Mittel- und Langwelle. Prima Tanzmusik.“ In sieben Oktavheften findet sich nur ein einziger Satz zum NS-System und dessen Repräsentanten. Am 13. Mai 1941 notiert Grade geringschätzig, nachdem er ausgerechnet von der BBC vom Englandflug Rudolf Hess’ erfahren hat: „Kann man sich denn auf keinen mehr von diesen Parteileuten verlassen?!?“

Die Ausfahrt eines deutschen U-Bootes: Das Foto stammt von Lothar-Günther Buchheim, der an Bord der U96 dabei war und später „Das Boot“ verfasste.
Die Ausfahrt eines deutschen U-Bootes: Das Foto stammt von Lothar-Günther Buchheim, der an Bord der U96 dabei war und später „Das Boot“ verfasste. Foto: dpa

Diese überraschend unabhängig anmutende Stimmung an Bord von U 96 betritt am 27. Oktober 1941 der „Kriegsmaler“ Lothar-Günther Buchheim, Angehöriger einer Propagandakompanie der Kriegsmarine des Befehlshabers West. Auf den 41 Seetagen dieser 7. Feindfahrt von U 96 findet er an insgesamt 14 Tagen Erwähnung im privaten Tagebuch Grades. „Badegäste“ sind Standard, auf jeder Reise fahren Kommandanten- oder Offiziersschüler zur Ausbildung mit. Aber kein „Badegast“ erreicht zwischen dem 14. September 1940, Indienststellung, und 6. Dezember 1941, dem Abmusterungstag Friedrich Grades auf U 96, so viele und ausführliche Erwähnungen, wie Lothar-Günther Buchheim. Erwirkt offenbar exotisch.

Der „Pk-Mann“ wohnt zu diesem Zeitpunkt in Feldafing am Starnberger See und unterhält in München ein Atelier. Ehrgeizig veröffentlicht er im Sommer 1941 erstmalig in der „Großen Deutschen Kunstschau“ im Münchener Haus der Kunst. Die eindeutig propagandistischen Bilder lauten „Auf Vorposten“, „Sprungbereit“ oder „Auf dem Vormarsch“. Im Sommer 1942 wird Buchheim Bilder von U 96 veröffentlichen, unter anderem das Porträt des Kommandanten, „Eichenlaubträger Heinrich Lehmann-Willenbrock“. Der Exot Buchheim erscheint dem „LI“ Friedrich Grade noch nach Jahrzehnten ambivalent: „Buchheim war kein Nazi, bestimmt nicht. Nach all seinen lockeren Reden, die er hämisch vorbrachte. Er hat sich lustig gemacht über die braunen Horden, hat sich herablassend, herabwürdigend geäußert, weil er aber auch wusste, dass wir nichts sagen.“ Am 4. November 1941 hielt der „Leitende“ eine solche Äußerung fest: „Buchheim hörte, daß der Reichsbischof Müller ein Buch geschrieben haben soll: ,Vom Armleuchter zum Kirchenbild.’ Wie sinnig!“

„Der Alte“, Kommandant Heinrich Lehmann-Willenbrock (links), mit Lothar-Günther Buchheim an Bord.
„Der Alte“, Kommandant Heinrich Lehmann-Willenbrock (links), mit Lothar-Günther Buchheim an Bord. Foto: privat

Mit dem Ende der 7. Feindfahrt von U 96 am 6. Dezember 1941 verlieren sich die Wege von Friedrich Grade und Lothar-Günther Buchheim. Der „LI“ absolviert noch zwei weitere Feindfahrten auf U 183, bis er als Technischer Ausbilder zum U-Boot-Stützpunkt Pillau bei Danzig bis Kriegsende beordert wird. Die private Wohnung in Eckernförde behalten er und seine Frau, hier kommen 1942 und 1943 eine Tochter und ein Sohn zur Welt.

Ab 1951 lebt die Familie in Nordrhein-Westfalen, im Bundesverteidigungsministerium ist Friedrich Grade ab 1958 für die Entwicklung der U-Boote der Bundesmarine zuletzt im Rang eines Kapitäns zur See zuständig. Als solcher erhält er 1970 eine Postkarte von Lothar-Günther Buchheim. Dieser hat die Arbeit am Manuskript von „Das Boot“ aufgenommen, drei Jahre später wird der Roman veröffentlicht. Buchheim bittet den ehemaligen „Leitenden“, das Manuskript zu kommentieren. Die zahllosen Kommentare Friedrich Grades ignoriert Lothar-Günther Buchheim weitgehend. Von den privaten Tagebüchern Grades erfährt er nie.

„Das Boot“ wird auf Anhieb ein Welterfolg, der „LI“ darin neben dem Kommandanten und dem Kriegsberichter Buchheim eine der wichtigsten Romanfiguren. Bis zu seinem Tod vor zehn Jahren beherrschte Lothar-Günther Buchheim den zeitweilig hitzigen öffentlichen Diskurs über die Frage, wie es wirklich war. Nach 75 Jahren offenbaren die privaten Tagebücher Friedrich Grades: es war deutlich anders.

Realität und Fiktion

Wie sehr anders, zeigt sich zum Beispiel in der dramatischen Ausschiffungs-Szene vor Vigo, kurz vor Gibraltar. Im Roman soll zunächst der „LI“ von Bord, der „abgekämpfte Mann, der mehr Sorgen herumschleppen muß als irgendein anderer der Besatzung.“ Der Grund der Sorgen: „Total ausgebombt“ sei der „LI“, „wohnen bei den Eltern der Frau in Rendsburg. Jetzt hat der LI Angst, daß was schiefgehen könnte. Irgendetwas ist nicht in Ordnung mit der Frau. Die ist schon mal bei ner Geburt fast draufgegangen. Da war das Kind tot“, sagt der Kommandant.

Faktisch hatte Friedrich Grade erst unmittelbar vor Antritt zur 7. Feindfahrt von der Schwangerschaft seiner Frau erfahren. Am 27. Oktober 1941 schrieb er: „Drei Wochen ging es ihr so schlecht, daß sie nach Kiel zum Frauenarzt, Dr. Philipp, mußte und in der Klinik, später nach Grömitz mußte! Es ist aber so erfreulich, daß es während meines Urlaubs vom 26.9. bis zum 12.10. wieder aufwärts, d.h. besser erging als in den ganzen Wochen zuvor.“

Autor Buchheim und Regisseur Wolfgang Petersen im original nachgebauten U-Boot.

Autor Buchheim und Regisseur Wolfgang Petersen im original nachgebauten U-Boot.

Foto: dpa
 

Der Zeitpunkt Gibraltar war Ende November, die Tochter des Ehepaares Grade kam erst fünf Monate später, im April 1942 zur Welt. Die unangemessene Dramatisierung der Schwangerschaft erhöht die Bedeutung und Rolle des „Badegastes“ Lothar-Günther Buchheim, der nun vom Kommandanten gebeten wird, den „LI“ bei der Ausschiffung zu begleiten. Faktisch jedoch war einzig die Ausschiffung des Kriegsberichters Lothar-Günther Buchheim vorgesehen, wie uns sowohl das Kriegstagebuch (KTB) als auch das private Tagebuch Friedrich Grades verraten. Dort heißt es am 24. November 1941: „Machen FT (Funktelegramm) an BdU (Befehlshaber der U-Boote) wegen Bernardo (Vigo) und fragen Aussteigemöglichkeit PK (Buchheim) an. Antwort läuft gegen 20.00 Uhr ein. Aussteigen nicht möglich.“

Systematisch und subtil überhöhte sich der Angehörige einer Abteilung der Marine-Artillerie (M.A.), Lothar-Günther Buchheim, in der fiktionalen Wir-Form des zum U-Boot-Fahrer Verwandelten. Etwa, indem er im Roman auf dem Versorgungsschiff gleich zweifach mit „Herr Kapitänleutnant“ angesprochen wird. Oder nach den Wasserbomben vor Gibraltar: „Ich starre den Zeiger an, als würde ich es selber nicht glauben: zweihundertachtzig. So tief war noch kein Boot.“ Im privaten Tagebuch Friedrich Grades heißt es am 1. Dezember 1941, 00.11 Uhr: „Auf Grund bei T=135 Meter.“

Auf 100 mit Bleistift beschriebenen Seiten des grünen Oktavheftes der 7. Feindfahrt von U 96 gibt es nicht einen Hinweis auf das Gewicht, das sich Lothar-Günther Buchheim in „Das Boot“ selbst attestierte. Weder ist die vertrauliche Nähe zum „Alten“, dem Kommandanten erkennbar, noch ein aktiver Anteil und eine aktive Integration Buchheims in das eingefahrene Besatzungsgefüge von U 96.

Meilenstein der deutschen Filmgeschichte: Jürgen Prochnow (r.) und Herbert Grönemeyer in „Das Boot“
Meilenstein der deutschen Filmgeschichte: Jürgen Prochnow (r.) und Herbert Grönemeyer in „Das Boot“. Foto: dpa Foto: dpa
 

Mit der Ausnahme vom letzten Tag auf See, dem 6. Dezember 1941 vor St. Nazaire. Friedrich Grade notierte: „Mittags Offz.-Besprechung! Feierlichst wird PK (Buchheim) die ,Führung’ übergeben. Anschl. Cocktail, selbst gemixt aus Rum, Sirup und Zitronenextrakt.“ Aus dem symbolischen Ehren-Akt an Bord von U 96 wurde für Lothar-Günther Buchheim ein lebenslanger Akt des Deutungsanspruches über den U-Boot-Krieg.

Im nächsten Jahr wäre Buchheim 100 Jahre alt geworden. Bei bester Gesundheit hat Friedrich Grade diese schon erreicht. In seiner ursprünglichen Heimat nahm die Geschichte von U 96 nicht nur ihren Anfang, sie hat hier auch Spuren bis zum heutigen Tag hinterlassen. Zum Beispiel in Form der Schrobach-Stiftung in Kiel. Der Gründer dieser Naturschutz-Stiftung war der Unternehmer Kurt Schrobach, Oberfunkmaat an Bord von U 96. Über ihn notierte Friedrich Grade am 11. Mai 1941: „Hervorragender Unteroffizier, zum Offizier vom Kommandanten vorgeschlagen. Clever und gebildet, ein Kerl durch und durch.“

„Das Boot“: Roman, Film und TV-Serie
„Das Boot“ von Lothar-Günther Buchheim erschien 1973. Es erreichte eine Millionenauflage und wurde in 18 Sprachen übersetzt. Wolfgang Petersens Verfilmung 1981 hatte ebenfalls großen internationalen Erfolg, gewann zahlreiche deutsche Filmpreise und wurde für sechs Oscars nominiert. Unter gleichem Titel verfilmt die Bavaria gerade eine achtteilige Anschlussserie, Ausstrahlungstermine sind voraussichtlich 2018.

 

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