Verschärfte Urteile in Ungarn : 71 Tote im Kühllaster: Lebenslange Haftstrafen für Schlepper

In diesem Kühllaster wurden 71 Leichen entdeckt.
In diesem Kühllaster wurden 71 Leichen entdeckt.

Der Fall hatte international für Entsetzen gesorgt: 71 Flüchtlinge waren in einem Kühllaster qualvoll erstickt.

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20. Juni 2019, 11:07 Uhr

Szeged | Knapp vier Jahre nach dem Tod von 71 Flüchtlingen in einem Kühllaster von Schleppern hat das Berufungsgericht in der ungarischen Stadt Szeged die vier Haupttäter zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt.

Früheste Entlassung nach 30 Jahren

Für drei der verurteilten Schlepper besteht darüber hinaus keine Aussicht auf vorzeitige Entlassung, der vierte Mann kann dem Urteil von Donnerstag zufolge frühestens nach 30 Jahren freigelassen werden. In erster Instanz waren die drei Bulgaren und der Afghane im Juni 2018 wegen Mordes zu jeweils 25 Jahren Zuchthaus ohne Aussicht auf vorzeitige Entlassung verurteilt worden. Die verschärften Urteile sind nunmehr rechtskräftig.

Der Hauptangeklagte (2.v.l) im Prozess um den Tod von 71 Flüchtlingen.
AFP/dpa/Ferenc Isza
Der Hauptangeklagte (2.v.l) im Prozess um den Tod von 71 Flüchtlingen.

Flüchtlinge im Kühllaster qualvoll erstickt

Der Vorsitzende Richter begründete die Verschärfung der Urteile mit der besonderen Schwere der Tat. Die 71 Flüchtlinge waren in dem Kühllaster im August 2015 qualvoll erstickt. Sie starben in dem luftdicht abgeschlossenen Lastwagen, weil sich die Schlepper weigerten, anzuhalten und die Ladetür zu öffnen – sie wollten vermeiden, dass die Schlepperfahrt von Ungarn nach Österreich auffliegt.

Der tragische Fall im August 2015 hatte international für Erschütterung gesorgt. Den Kühllaster mit den Leichen der 71 erstickte Menschen, unter ihnen vier Kinder, hatten österreichische Polizisten abgestellt in einer Autobahnbucht bei der Ortschaft Parndorf nahe der Grenze zu Ungarn gefunden. Der Fahrer hatte sich zuvor im Begleitfahrzeug abgesetzt.

"Äußerst hervorstechendes Verbrechen"

Der Lastwagen hätte die Flüchtlinge – auf dem Höhepunkt der damaligen Flüchtlingsströme aus Nahost in die Mitte Europas – von der ungarisch-serbischen Grenze nach Österreich bringen sollen. Sie waren, wie Untersuchungen ergaben, noch auf ungarischem Gebiet qualvoll erstickt. Die Schlepper wurden als Mitglieder einer internationalen Bande in Ungarn ermittelt, verhaftet und vor Gericht gestellt.

Der Vorsitzende Richter Erik Mezölaki begründete am Donnerstag die Verschärfung der erstinstanzlichen Urteile mit der Schwere der Tat. "Es war ein äußerst hervorstechendes Verbrechen, mit tragischen Folgen", erklärte er in der mündlichen Urteilsbegründung. "71 Menschen starben einen schrecklichen, qualvollen Tod, den die Täter zwar nicht wollten, mit dem sie sich aber abfanden."

Weitere Verhaftungen

Die Menschen trommelten bereits kurz nach der Abfahrt in Südungarn an die Wände des Laderaums, weil sie keine Luft bekamen. Der Fahrer hielt zwar gelegentlich an, wagte es aber nicht, die Ladetür zu öffnen. Die anderen drei Schlepper befahlen ihm, möglichst nicht anzuhalten und in keinem Fall die Ladetür zu öffnen, um ein Auffliegen zu vermeiden. "Die Schlepper hielten dies für wichtiger als das Leben von 71 Menschen. Sie haben sich gegenüber dem Tod der Opfer gleichgültig verhalten", sagte der Richter.

Im Zusammenhang mit der Todesfahrt des Kühllasters hatten die ungarische und die bulgarische Polizei neun weitere Mitglieder der Schlepperbande – acht Bulgaren und einen Libanesen – verhaftet. In dem komplexen Verfahren erster Instanz vor einem Jahr in Kecskemet, 100 Kilometer südlich von Budapest, wurden auch diese Männer zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Sie waren an insgesamt 25 Schlepperfahrten von Südungarn nach Österreich und Deutschland beteiligt.

Gegen ein 14. Bandenmitglied, einen zur Tatzeit in Serbien tätigen Afghanen, wurde in Abwesenheit verhandelt. Das Berufungsgericht in Szeged änderte diese Urteile geringfügig ab. Wegen Menschenschmuggels im Rahmen einer kriminellen Vereinigung erhielten sie Gefängnisstrafen zwischen vier und zwölf Jahren.

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