Wetter : 3000 Unwetterwarnungen in 14 Tagen

Ein Gewittersturm lässt die Lichter der Stadt blass erscheinen.
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Ein Gewittersturm lässt die Lichter der Stadt blass erscheinen.

Der Sommer fällt (gefühlt) aus, aber es gibt auch Positives: Das Ozonloch ist kleiner geworden. Ist die Furcht vorm Klimawandel also unbegründet?

svz.de von
27. August 2016, 07:30 Uhr

Die gute Nachricht fand zwischen Brexit und Putschversuch, zwischen Fußball und Olympia kaum Gehör und ist angesichts der jüngsten Unwetterkatastrophen von Mazedonien und Mexiko fast unglaublich: Das Ozonloch über der Antarktis, in seinem Ausmaß vom Menschen gemacht, schrumpft. An der Heilung ist ebenfalls der Mensch beteiligt: Weil der sein Verhalten geändert hat, ist die Schutzschicht auf dem Weg der Besserung. Das gibt Hoffnung bei einer Lösung für das Klimaproblem – oder?

Weniger FCKW gleich Verkleinerung des Ozonlochs? So einfach ist die Sache leider nicht. Meteorologische Einflüsse sorgen bei der Qualität unserer Schutzschicht seit jeher für große Schwankungen. Im Jahr 2002 war das menschengemachte Ozonloch beispielsweise untypisch klein, im vergangenen Oktober so erschreckend groß, dass das „Rekord“-Jahr 2006 in Erinnerung kam, in dem ein 27 Millionen Quadratkilometern großes Loch über der Südhalbkugel klaffe, eine Fläche im übrigen etwa so groß wie Kanada plus USA plus Mexiko.

Ausgerechnet im Herbst dieser jüngsten erschreckenden Werte hatten Susan Solomon und ihre Kollegen vom Massachusetts Institute of Technology einen positiven Trend konstatiert: Meteorologische Einflüsse herausgerechnet, schrumpft das Ozonloch über der Antarktis, seit FCKW verbannt ist. Den Größen-Ausreißer vom Oktober 2015 hatte unter anderem der Ausbruch des Vulkans Calbuco in Chile verursacht, bei dem Schwefel in die Stratosphäre gelangte, der Ozonabbau in Gang setzt.

Man rechnete am Massachusetts Institute of Technology, verglich und guckte noch einmal hin. In diesem Juli konnte das Team um Solomon die gute Nachricht in einer Studie veröffentlichen: Im September 2015 war das antarktische Ozonloch um mehr als vier Millionen Quadratkilometer kleiner als 15 Jahre zuvor.

Wissenschaftler sind sicher, dass hier das FCKW-Verbot greift, das 1989 mit dem multilateralen Umwelt-Abkommen namens Montreal-Protokoll in Kraft trat und in dessen Präambel sich die Staaten verpflichten, „geeignete Maßnahmen zu treffen, um die menschliche Gesundheit und die Umwelt vor schädlichen Auswirkungen zu schützen, die durch menschliche Tätigkeiten, welche die Ozonschicht verändern, wahrscheinlich verändern, verursacht werden oder wahrscheinlich verursacht werden“. Geht doch!
 

Wegweisender Erfolg

Der Erfolg könnte wegweisend sein, auch für die noch komplexere Baustelle, den Klimawandel. Klimawandel, Erderwärmung, Wetterchaos – wir stecken mitten drin. Nur hartnäckige Ignoranten leugnen noch einen Zusammenhang von in rauen Mengen von Menschen produziertem Kohlendioxid, kurz CO2, und Wetterextremen. Die sind für gewöhnlich weit weg von uns, die wir zu den großen CO2-Produzenten gehören, finden in irgendeinem Dürregebiet eines Drittweltlandes statt oder in der Arktis, wo sie nicht zu fühlen sind. Bis jetzt. In diesem Sommer haben uns Tiefdruckgebiete wie Elvira und Friederike Gewitterfronten, Tornados, Ernten vernichtende Hagelschauer und Angst einflößende Regenmengen beschert.

Anfang Juni hatte der Deutsche Wetterdienst 3000 Unwetterwarnungen in knapp 14 Tagen herausgegeben. So viele wie nie. Tornados in Hamburg und Schleswig-Holstein, Sturzfluten am Alpenrand, Hagelschlag im Alten Land, Spargelbeete unter Wasser, abgesoffene Rebstöcke – das aktuell miserable Sommerwetter ist angesichts der frühsommerlichen Misere lediglich ein kleineres Problem. Mojib Latif, Professor für Klimadynamik in Kiel, hält seit 30 Jahren den Finger in die Wunde Klimawandel, zieht durch Schulen und Talkshows, hält Vorlesungen und Vorträge, berichtet von seinen Forschungen.

Er ist überzeugt, dass der Klimawandel zu einer Häufung der Wetterextreme führen wird, auch Tornados in Deutschland. Die Beweisführung, ob das, was in diesem Sommer über Mitteleuropa niedergeht, Folge des Klimawandels ist oder einfach nur ungewöhnliches Wetterphänomen, ist indessen schwierig, auch für Experten wie Latif. Anders als viele der sogenannten Ökokritiker wissen die allerdings um die Komplexität des Erdklimas. Eins greift da ins andere, vieles ist noch nicht verstanden und was verstanden ist, ist schwer zu begreifen und zu erklären. Fest gerechnet wird im wahrsten Wortsinn derweil bei den Deutschen Versicherern mit den Folgen des Klimawandels: bis zum Jahr 2100 mit 50 Prozent mehr Stürmen und einer Verdreifachung der Hochwasserereignisse.

Verzicht auf Wohlstand Insgesamt ergibt der Klimawandel kein schönes Thema für gemütliche Abende, zumal der Kampf gegen CO2-Emissionen uns an den empfindlichsten Stellen trifft: dem Streben nach Wohlleben und der Bequemlichkeit. CO2 kommt aus dem Auspuff, den wir als Fortschritt begreifen. 250 Jahre ist die industrielle Revolution erst alt, aber dramatisch nachhaltig. Bis zu 30 Milliarden Tonnen CO2 werden inzwischen pro Jahr in die Atmosphäre geblasen, sie gesellen sich zu dem, was sich seit dem ersten Hochofen dort anreichert. „Seit Beginn der Industrialisierung ist die globale Durchschnittstemperatur der Erde um etwa ein Grad Celsius gestiegen.

Für Deutschland liegt der Temperaturanstieg bei etwa 1,3 Grad. Zwölf der 13 global wärmsten Jahre seit Beginn der flächendeckenden instrumentellen Messungen liegen in diesem Jahrhundert. 2014 war das bislang wärmste Jahr, 2016 könnte noch wärmer werden. Selbstverständlich gibt es natürliche Schwankungen, der langfristige Trend weist jedoch klar nach oben“, fasste Latif vergangenes Jahr zum Auftakt der UN-Klimakonferenz im Herbst 2015 in Paris die Lage für den Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag zusammen.

Nächste Chance Marrakesch Begrenzung der Erderwärmung auf weniger als 2 Grad Celsius war bekanntlich das Ergebnis von Paris – ein unzulängliches, kritisierte Latif noch in den Jubel der Konferenzteilnehmer hinein. „Die positive Seite ist, dass es jetzt einen Vertrag gibt, bei dem alle mitmachen. Die negative Seite ist, dass man nur auf Selbstverpflichtungen setzt. Die reichen natürlich nicht aus, die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad zu begrenzen.“

Im kommenden Herbst steht in Marrakesch die nächste Weltklimakonferenz an, es ist die zweiundzwanzigste. Dort sollen unter anderem Details der Finanzhilfen für die Entwicklungsländer verhandelt werden. Ein wichtiges Thema, denn die Entwicklungsländer baden Klimawandel doppelt und dreifach aus. Ohnehin schlechte Lebensgrundlagen werden mit Umweltkatastrophen noch schlechter. Längst sind Millionen von Menschen vor den Folgen des Klimawandels auf der Flucht, zuverlässiges Zahlenmaterial gibt es allein deshalb nicht, weil Umweltflucht bislang weder eindeutig definiert noch rechtlich geklärt und damit auch nicht statistisch ist. Schätzungen liegen zwischen 50 Millionen und 150 Millionen Menschen.

In einer Greenpeace-Studie hieß es schon 2007: „Obwohl diese Gruppe mit bereits heute über 20 Millionen Menschen alle anderen Flüchtlingsgruppen übersteigt, sind Klima- oder Umweltflüchtlinge in den nationalen und internationalen Migrationsrechten noch unbekannt.“

Der Weg ins öffentliche westliche Bewusstsein dürfte allerdings auch für dieses Thema schwer sein. Was wir in Europa mit denen in Afrika, Asien oder sonst wo zu tun haben, ist so komplex wie das Thema Klima. Unmöglich sind Lösungen nicht. Die Heilung des Ozonlochs ist ein Indiz dafür. Voranschreiten kann sie übrigens nur, wenn das Klima mitspielt.


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