30 Jahre Mauerfall - drei Geschichten : „Die Massenhysterie, die Bananen – das war mir alles suspekt“

Euphorie und Angst: Vor 30 Jahren katapultierte der Systemwechsel die DDR-Bürger in ein völlig neues Leben. Drei Ostdeutsche erzählen von ihren Erfahrungen

von
18. Oktober 2019, 12:00 Uhr

 

 

Vom sozialistischen Kind zum Werksleiter

Mario Mackowiak (59) erzählt gerne vom „sehr disziplinierten Tagesablauf“ in den Grundschulen der sozialistischen DDR. Bei den Aufmärschen am Tag der Arbeit fährt er als Kind voller Begeisterung auf der mit Birkenzweigen geschmückten „Ameise“ mit, einem Mehrzweckfahrzeug. Mit Inbrunst singt er „Wir sind die junge Garde des Proletariats“.„Ich war ein klassisches sozialistisches, atheistisches Kind“, sagt Mackowiak. Mit seiner Frau und dem Vater bewohnt er ein schmuckes Einfamilienhaus am Ortsrand von Krauschwitz, einem sächsischen Dorf im Landkreis Görlitz. Hier hat er fast sein ganzes Leben verbracht. Sein Lieblingsgericht sind Pellkartoffeln mit Quark und Leinöl.

„Ich war ein klassisches sozialistisches, atheistisches Kind“, sagt Mario Mackowiak, langjähriger Geschäftsführer der Keulahütte GmbH
Gregor Fiischer/dpa
„Ich war ein klassisches sozialistisches, atheistisches Kind“, sagt Mario Mackowiak, langjähriger Geschäftsführer der Keulahütte GmbH
 

Im Haus der Familie stehen gusseiserne Öfen. Sie erinnern ihn an seine Arbeit in der Keulahütte, wo er 1976 eine Ausbildung als Gießereifacharbeiter begann. Nach der Wende kam die Treuhand, viele Mitarbeiter verloren ihren Job. Auch seine Frau, die in einem anderen Industriebetrieb angestellt war, musste gehen. Mackowiak selbst konnte bleiben.

1991 übernahm er die Werksleitung. Das Ausstiegsangebot, das man ihm nach dem letzten Eigentümerwechsel vor einigen Monaten gemacht habe, sei gut gewesen, sagt er. Doch so richtig glücklich klingt er dabei nicht. Da ist noch so viel Energie übrig. Wo soll die nur hin? „Ich wollte immer etwas werden“, berichtet Mackowiak. 1978 stellte er einen Antrag zur Aufnahme in die SED. Das erschien ihm natürlich, der Vater war dort. Die Partei war mächtig und streng.

Als er in einem Jugendforscher-Kollektiv einmal darauf hinwies, dass für ihr Projekt Hydraulikteile fehlten, hieß es: „Genosse, du diskutierst negativ.“ Wenn er heute mit ehemaligen Kollegen zusammenkommt, sagt er diesen Satz manchmal. Dann lachen sie.

Im Schrank zuhause liegen noch Kladden mit den Musiklisten der alten Sammlung selbstbespielter Tonbänder. Im Regal stehen Romane bekannter DDR-Autoren und Bücher vom Polit-Provokateur Thilo Sarrazin.

In einer Stadt wie Dortmund, wo viele Zuwanderer leben, „da würde ich nie wohnen wollen“, sagt Mackowiak. In eine Partei ist er nach der Wende nicht mehr eingetreten. Im Gemeinderat von Krauschwitz hat er sich der CDU-Fraktion angeschlossen. Ihm sei wichtig, dass der Bus- und Bahnverkehr ausgebaut wird, damit die jungen Leute nicht wegziehen und die Alten nicht so weit fahren müssen zum Arzt. „Wir müssen ja zugeben, dass wir mit dem Sozialismus und seiner Planwirtschaft gescheitert sind.“ Dennoch „wehre ich mich gegen die Reduzierung der DDR auf Fahnenappell, Stasi und Staatsbürgerkunde“.

Die letzten Wochen vor dem Mauerfall hat Mackowiak als Zeit der Unsicherheit erlebt. „Es herrschte große Unruhe im Betrieb, pausenlos gab es Parteiversammlungen“, erinnert er sich. Dann ging die Mauer auf. „Ich hatte Angst, ich hatte Respekt davor.“

 

Vom Punk zum Kultumanager

Hans-Conrad Walter (49) erlebte die Angst einen Monat vor dem Wendetag: Bei der Protestdemonstration in Ost-Berlin am 7. Oktober 1989 zog er mit Hunderten von Menschen zum Palast der Republik. Dort feierte Staatschef Erich Honecker den 40. Jahrestag der Gründung der DDR. „Da waren viele Stasi-Leute und Reporter vom Westfernsehen.“ Er habe erlebt, wie eine Demonstrantin von einem Polizisten von hinten festgehalten worden sei, „ein anderer schlug ihr immer wieder ins Gesicht“. Da habe auch er begonnen, sich zu wehren. Die Schlagstöcke, die Handschellen: den Begriff „friedliche Revolution“ findet Walter unscharf angesichts der Gewalt, die er erlebt hat.

„Ich wollte nie aus dem Land heraus, ich wollte es umgestalten“, sagt Hans-Conrad Walter, Kulturmanager
Gregor Fiischer/dpa
„Ich wollte nie aus dem Land heraus, ich wollte es umgestalten“, sagt Hans-Conrad Walter, Kulturmanager
 

Walter sagt, er habe wegen seiner nicht-systemkonformen Haltung nicht Bühnenbildner werden dürfen. Stattdessen machte er eine Ausbildung zum Maler und Anstreicher. Später fand er eine Anstellung als Heizer, Hausmeister und Filmvorführer im „Babylon“-Kino in Berlin-Mitte. Nach der Kundgebung im Oktober 1989 kommt er eine Woche in Haft. Es war nicht sein erstes Mal in Handschellen: Als Punk war er als Teenager angeeckt. „Ich mochte die Gleichmacherei nicht.“

Da Haarfärbemittel in knalligen Farben in der DDR nicht leicht zu kriegen waren, experimentierte Walter mit Freunden. Erst bleichten sie die Haare mit Wasserstoffperoxid. Dann mischten sie eine Mahagoni-Tönung mit einem Mittel gegen Fußpilz. Das Ergebnis war ein knallroter Irokesen-Schopf.

Die Jugendrebellion von einst merkt man Hans-Conrad Walter heute nicht mehr an. Doch ein Getriebener ist er immer noch, voller Ideen und Pläne – als Inhaber einer Firma für Kulturmarketing und -sponsoring, jemand der Menschen zusammenbringt und berät.

Obwohl er mit Kumpels damals im Tutti-Frutti-Eiscafé saß, wo man West-Touristen treffen konnte, dachte Walter nicht an Flucht. „Ich wollte nie aus dem Land heraus, ich wollte es umgestalten“, sagt er.

Die Maueröffnung am 9. November kam für ihn überraschend. Er empfand sie als „großes Glück“, auch wenn die Wiedervereinigung so, wie sie ablief, aus seiner Sicht nicht „der Königsweg“ war. „Heute leben wir in einer Leistungsgesellschaft und stehen unter Leistungsdruck – für die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft fehlt oft die Zeit“, sagt er und tritt vor das „Babylon“-Kino.

 

Von der Leistungsportlerin zur Geschäftsführerin

Heike Kahl (63) ist ein resoluter Typ mit klaren Ansagen. Menschen, die lieber auf „die da oben“ schimpfen, statt etwas zu bewegen, kann sie nur schwer ertragen.

„Wir haben uns jedes Jahr gewundert, dass die DDR noch bestand“, sagt Heike Kahl, ehemalige Eisschnellläuferin in der DDR und Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung
Gregor Fiischer/dpa
„Wir haben uns jedes Jahr gewundert, dass die DDR noch bestand“, sagt Heike Kahl, ehemalige Eisschnellläuferin in der DDR und Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung
 

Ihre Heimatstadt Rostock fand die Buchhalter-Tochter nicht schön. Der Eisschnelllauf bot die Chance zum Weggehen. Mit 14 kam sie in Berlin ins Sportinternat. Der Teenager fühlte sich wohl, galt als Nachwuchshoffnung. Dann wurde 1973 mit einem neuen Trainer vieles anders. „Es begann eine sehr strenge, harte Zeit“, erinnert sich Heike Kahl. Die Staatsführung habe gewollt, dass DDR-Sportler „schnell viele Medaillen erzielen“. Ein altes Bild zeigt sie mit dem ungeliebten Trainer, Wut sprüht aus ihrem Blick.

Im März 1975 wurde sie in Schweden Juniorenweltmeisterin im Mehrkampf. Doch der Preis, den sie für die Erfüllung ihrer „Aufgaben“ zahlen sollte, wurde der Frau irgendwann zu hoch. „Wir haben nach den Wettkämpfen Infusionen bekommen. Irgendwann habe ich dann gefragt, was da drin war“, sagt die ehemalige Leistungssportlerin. Als sie bei den Olympischen Spielen in Innsbruck über 1000 Meter nur als Achte ins Ziel ging, wuchs der Druck, „unterstützende Mittel“ zu nehmen.

In diese Zeit fällt auch ihre Entfremdung vom politischen System. Sie kehrte der SED den Rücken und dem Spitzensport. Von einem Tag zum anderen durfte sie nicht mehr ins Berliner Sportforum, das schmerzte.

Dass sie trotzdem Literaturwissenschaft studieren konnte, führt sie darauf zurück, dass sie als Ex-Vorzeige-Sportlerin besser geschützt war. Sie wurde Mutter, heiratete, promovierte, fand eine Stelle in der Akademie der Künste.

Auf einem Foto aus den 80er-Jahren trägt sie ein indisches Kleid, wie sie damals auch bei Alternativen im Westen modern waren. „Wir haben uns jedes Jahr gewundert, dass die DDR noch bestand – es war alles so schwerfällig.“

Als am 9. November die Mauer aufging, stand Heike Kahl in einer Berliner Turnhalle und leitete einen Aerobic-Kurs. Heute sagt sie: „Diese bedingungslose Euphorie, die Massenhysterie, die Bananen – das war mir alles suspekt.“

Für Kahl folgten Jahre voller Experimente. Sie arbeitete bei einem kleinen Verlag, der pleite ging, wurde arbeitslos. Ein Teil ihrer Freunde hielt dem Veränderungsdruck nicht stand. „Einige haben angefangen, morgens Wein zu trinken, weil plötzlich die Nische weg war und der Markt war da.“ Nach der Wende heiratete sie zum zweiten Mal. Ihre Lebensaufgabe fand sie 1994 bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, wo sie bis heute Geschäftsführerin ist. Für ihr Engagement erhielt sie 2013 das Bundesverdienstkreuz.

Heike Kahl hat noch viel vor. Für Nostalgie und Groll ist kein Raum. „Ich habe meine Stasi-Akte nicht angeguckt“, sagt sie. Dann steigt sie aufs Fahrrad, tritt kräftig in die Pedale.

Darum geht's im MEDIENPROJEKT von SVZ und NNN

Etwa 65.000 Schüler und Lehrer allein in unserem Verbreitungsgebiet erhalten in einem gemeinsamen Projekt der Zeitungsverlage und des MV-Bildungsministeriums bis zum Jahresende kostenlosen Zugang zu den Newsportalen. Fragen Sie an den Einrichtungen ihrer Kinder nach den Bedingungen und Login-Daten, die Sie auch in der Familie nutzen können.
Was bewegt die Schüler ab Klasse 5 bis hinauf in die Gymnasien und Berufsschulen unseres Landes? Was passiert in ihrem Umfeld, in Deutschland und der Welt? Wie können seriöse Nachrichten von Fake News unterschieden werden?
Die Schweriner Volkszeitung und die Norddeutschen Neuesten Nachrichten bieten den Schülern die aktuellsten Berichte, liefern in einem speziellen Dossierbereich "Diskussionsstoff" für den Unterricht und möchten mit ihnen in Austausch kommen.
 
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen