Bad Schmiedeberg : 13-Jähriger soll gleichaltrigen Fabian getötet haben

Ein Kind als Opfer, ein Kind als Täter: Ein verstörender Fall erschüttert eine Stadt in Sachsen-Anhalt.

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09. März 2016, 15:40 Uhr

Es ist ein verstörender Verdacht, der die Menschen in Bad Schmiedeberg beschäftigt. Am Sonntagabend kehrt der 13-jährige Fabian nicht nach Hause zurück. Die Polizei sucht intensiv - und findet tags darauf die Leiche des Jungen. Sie liegt im Gestrüpp am Rand der Kleinstadt in Sachsen-Anhalt. Die Ermittler schließen einen Unglücksfall zunächst nicht aus, dann ergibt die Obduktion: Fabian starb an heftigen Kopfverletzungen. Es war ein Verbrechen. Seit Mittwoch steht der Verdacht im Raum: Ein Gleichaltriger könnte die Schuld tragen.

Der tatverdächtige Junge - Medienberichten zufolge ein Schulkamerad - hat am Mittwoch bei seiner Vernehmung zugegeben, Fabian geschlagen zu haben. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen davon aus, dass der Junge mit massiver Gewalt mehrfach auf Fabians Kopf schlug. Möglicherweise eskalierte ein Streit zwischen Gleichaltrigen.

Für den Sprecher der Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau, Olaf Braun, ist das ein einzigartiger Fall. Es gibt einen Toten und einen Tatverdächtigen, zur Anklage oder zu einem Gerichtsverfahren wird es nicht kommen. „Wir werden ermitteln, was passiert ist und dann den Fall einstellen.“ Der Strafjustiz seien die Hände gebunden, weil der Tatverdächtige unter 14 Jahre und damit schuldunfähig und nicht strafmündig sei.

Nach deutschem Strafrecht können Kinder unter 14 Jahren nicht für ein Verbrechen bestraft werden. Das Strafgesetzbuch spricht von der «Schuldunfähigkeit des Kindes», das zur Tatzeit noch nicht 14 Jahre alt ist. Allerdings muss eine Straftat für diese Kinder nicht folgenlos bleiben. Es können familienrechtliche Maßnahmen oder Eingriffe nach dem Jugendhilferecht folgen, wie etwa regelmäßige Besuche durch einen Mitarbeiter des Jugendamtes. Sind die Eltern nicht in der Lage, positiv auf diese Kinder einzuwirken, kann ihnen auch ein Familienrichter das Sorgerecht entziehen.

In Wiesbaden sitzt der Kriminologe Rudolf Egg und verfolgt den Fall aus der Ferne. Dass Kinder Kinder töten, sei äußerst selten.

Vielleicht einmal im Jahr komme so etwas in Deutschland vor, schätzt Egg, der bis 2014 die Kriminologische Zentralstelle in Wiesbaden geleitet hatte. Wenn, dann seien es meist Streitigkeiten unter Geschwistern, die zu solch drastischen Taten führten, sagt Egg. Auch wenn unter 14-Jährige nicht vor Gericht landeten, so bleibe die Tat für sie doch nicht folgenlos. Sie seien durchaus in der Lage, die Folgen ihres Handelns abzusehen.

In Bad Schmiedeberg sind die Menschen schockiert. Bürgermeister Stefan Dammhayn (CDU) fehlen die Worte: „Dazu kann man nicht viel sagen, weil man zutiefst erschüttert ist.“ Es sei schockierend, wie jung der Tatverdächtige und sein Opfer seien. In irgendeiner Form aufgefallen sei der Junge zuvor nicht. Aber: „Der Ort hat 4200 Einwohner, das ist eine Größenordnung, wo man sich schon untereinander kennt“, sagt der Bürgermeister.

Die Frage, die noch niemand beantworten kann, ist, wie es weitergeht.

Eine Familie muss ohne Kind weiterleben. In einer anderen lebt ein Kind, das vermutlich getötet hat. Der tatverdächtige 13-Jährige wurde in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung gebracht - auch, um ihn zu schützen.

Doch auch strafunmündige Kinder unter 14 Jahren begehen bisweilen schwere Straftaten, manchmal töten sie sogar andere Menschen. Einige Fälle:

  • August 2005: Ein erst zehn Tage altes Baby wird im thüringischen Ilmkreis vermutlich von seiner sechsjährigen Schwester getötet, als die Kinder kurz alleine in der Wohnung sind.
  • November 2004: Im Streit um schlechte Noten erschießt ein zwölfjähriger Schüler aus Braunschweig (Niedersachsen) seine Eltern. Anschließend verletzt sich der Schüler mit einem Kopfschuss schwer. Waffen und Munition gehörten seinem Vater.
  • Juli 2000: Bei einem Raubüberfall in Augsburg (Bayern) verletzen ein 13-Jähriger und sein 14 Jahre alter Freund eine Rentnerin so schwer, dass die 75-Jährige einen Monat später stirbt.
  • April 2000: In einer Ferienanlage in Nentershausen (Hessen) tötet ein 13 Jahre alter Berliner Gymnasiast nach einem Streit beim Billardspiel einen 20-Jährigen mit einem Messerstich ins Herz.
  • Januar 2000: In Itzehoe (Schleswig-Holstein) misshandelt ein Vierjähriger einen zwei Monate alten Säugling so schwer, dass das Mädchen an den Kopfverletzungen stirbt.
  • Oktober 1999: In Würselen (Nordrhein-Westfalen) ersticht ein 13-Jähriger eine 15-jährige Gymnasiastin aus der Nachbarschaft aus enttäuschter Liebe.
  • Juni 1997: Mit einem Ziegelstein erschlägt ein 13-Jähriger in Seebeck (Brandenburg) eine Achtjährige, weil sie ihn gehänselt hatte.
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