Experiment : 1000 Euro im Monat geschenkt

Michael Bohmeyer gründete eine Art Crowdfunding-Lotterie. Über seine Webseite verlost er Grundeinkommen: 1000 Euro pro Monat, ein Jahr lang.
Michael Bohmeyer gründete eine Art Crowdfunding-Lotterie. Über seine Webseite verlost er Grundeinkommen: 1000 Euro pro Monat, ein Jahr lang.

Berliner verlost Grundeinkommen. Kritiker halten die Idee für utopisch

svz.de von
22. November 2015, 17:26 Uhr

Was passiert, wenn man Menschen 1000 Euro pro Monat in die Hand drückt? „Sie schmeißen ihren Job“, sagen die einen.„Sie arbeiten weiter, aber freiwillig“, die anderen. Wenn über ein bedingungsloses Grundeinkommen diskutiert wird, müssen alle spekulieren – schließlich wurde es noch nirgends eingeführt.

Der Berliner Michael Bohmeyer hat das Experiment gewagt. Er gründete eine Art Crowdfunding-Lotterie. Über eine Webseite verlost der 31-Jährige Grundeinkommen: 1000 Euro pro Monat, ein Jahr lang. Das Geld kommt von Spendern. 20 Menschen in ganz Deutschland haben seit der ersten Verlosung im Oktober vergangenen Jahres gewonnen. „Hier hast du. Mach damit, was du willst“, beschreibt Bohmeyer das Konzept.

Olga Zimmer gehört zu den ersten Gewinnern. In dem Jahr mit dem geschenkten Geld unternahm die Krankenpflegerin mit ihrem Mann und den zwei Kindern mehr Ausflüge, fuhr in den Kurzurlaub, traf mehr Freunde. Zimmer fühlte sich freier – obwohl sie noch genauso viel arbeitete wie vorher. „Das Grundeinkommen hat mich verändert“, sagt sie jetzt, nach den zwölf Monaten. „Ich weiß jetzt: Ich kann mehr als arbeiten, Kinder und Mutter pflegen.“

Auch Bankkaufmann Marc Wander hatte Losglück: Der 28-Jährige sieht die monatlichen 1000 Euro als Chance, seine chronische Darm-Krankheit in den Griff zu bekommen. An der Arbeit habe er immer funktionieren müssen, das habe die Symptome verschlimmert. Seit anderthalb Jahren ist er krankgeschrieben, macht eine Psychotherapie. Gerade als sein Anspruch auf Krankengeld auslief, kam das Grundeinkommen. „Ich fühle mich respektiert und sicher, obwohl ich gerade für die Gesellschaft nicht funktionieren kann.“

Nicht alle Gewinner verraten Michael Bohmeyer, was sie mit dem Geld machen. Von den zwei Dritteln, die ihn auf dem Laufenden halten, wisse er aber: Fast alle arbeiten weiter. Nur einer hat seinen Job gekündigt. Zwölf Mitarbeiter hat Bohmeyers Grundeinkommens-Initiative mittlerweile, an der letzten Verlosung Anfang November nahmen rund 100 000 Leute teil.

Bohmeyers Initiative beschert dem Thema Aufmerksamkeit. Aber er ist nicht der Erste, der über das „Geld für alle“ nachdenkt. Psychologen griffen den Gedanken auf, Wirtschaftswissenschaftler entwickelten Konzepte. Durchgesetzt hat sich die Idee bislang nirgends. Zu Recht, sagt Dominik Enste, Professor für Wirtschaftsethik am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Zwar müsse bei einer Zahlung an jedermann nicht mehr geprüft werden, wer bedürftig sei. Man könne den Menschen aber schwer vermitteln, dass auch Topverdiener das Geld bekommen sollen.

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