Streitbar : Olympia – nichts mehr für Demokratien?

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Der Sport hat seine Unschuld verloren.

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22. März 2014, 16:00 Uhr

Claudia Roth, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und nebenberuflich so etwas wie die Bundesbetroffenheitsbeauftragte, überkam mit Blick auf die Ukraine, die Krim und Wladimir Putin der heilige Zorn. Mit derlei Empfinden stand sie nicht allein dieser Tage, und das zu Recht. Im Gegensatz zu den meisten ihrer nicht minder zornigen Landsleute wusste sie freilich, wie dem bösen Buben in Moskau beizukommen ist: Man muss Russland, also Putin, die Fußball-WM 2018 entziehen. Dann, musste man Roth wohl interpretieren, wird der wildgewordene Machtbolzen im Kreml schon zur Vernunft kommen. Oder etwa nicht?

Ach ja, die Claudia Roth! Immer so schön emotionsgeladen und stocksauer, weil sie auf einem Bild den IOC-Präsidenten, den Deutschen Thomas Bach, mit einem Glas Champagner in der Hand mit Putin scherzen gesehen hat. Wenn der Bach statt Champagner wenigstens Wasser im Glas gehabt hätte. Aber nein, Champagner musste es sein! Aber dieses Mal steht Wutbürgerin Roth mit ihrem Anliegen und ihrem Zorn ja wenigstens nicht allein. Auch eine andere Ikone der grünen Bewegung, Daniel Cohn-Bendit, immerhin Vize-Präsident des Europaparlaments, mag die Fußballer dieser Welt 2018 nicht in Russland kicken sehen. Putin müsse isoliert werden, „politisch und menschlich.“ Das zu erreichen, gibt es jetzt gar so etwas wie einen temporären grün-schwarzen Schulterschluss im Bundestag: Auch der CDU-Fraktionsvize Michael Fuchs stellt Russland als Austragungsort der WM 2018 in Frage. Mein lieber Kokoschinski, da kommt auf den Krim-Dieb ja ganz schön was zu! Mal abgesehen davon, dass weder Roth, noch Cohn-Bendit, noch Michael Fuchs, ja, nicht einmal der Bundestag und auch nicht das Europaparlament für Vergabe oder Entzug von Fußballweltmeisterschaften zuständig sind, haben die Protagonisten solcher Drohgebärden offensichtlich die Lehre aus dem Boykott der Olympischen Spiele in Moskau 1980 durch westliche Länder vergessen. Der Boykott galt als Strafe für den damaligen sowjetischen Einmarsch in Afghanistan. Und? Hats was genutzt? Natürlich nicht. Die Medaillen holten andere und die Sowjets blieben – jedenfalls eine Weile – verirrt am Hindukusch.

Solche Einsichten haben den Bundestag nicht davor geschützt, sich im letzten Jahr noch kurz vor Auslaufen der Legislaturperiode mit einem Antrag der Grünen zu befassen, die Vergabekriterien für Sportgroßveranstaltungen gesetzlich festzuschreiben. Dabei sollten selbstverständlich Menschen- und Bürgerrechte besonders berücksichtigt werden. Der Antrag wurde mit den Stimmen der damaligen CDU/FDP-Koalition bei Enthaltung der SPD-Fraktion und der Linken abgelehnt. Eine der Gründe: „Wenn wirklich strenge Maßstäbe an die Einhaltung von Grundrechten angelegt würden, dürfte aktuell nur eine Minderheit der Staaten Sportgroßereignisse ausrichten.“

Olympia und WM – nichts mehr für Demokratien? Keine schöner Gedanke. Nein, daraus wurde nichts. Hatten die Grünen tatsächlich geglaubt, Sportgroßverbände vom Kaliber des IOC oder der Fifa wären bereit, ihre Zuständigkeiten und Handlungsmuster deutschen Befindlichkeiten zu unterwerfen? Aber Naivität ist ja nicht strafbar.

Nein, der Sport taugt nicht als willfähriger Ausputzer hilfloser Politiken und er kann nicht immer glätten, wo den Berufenen die Bügeleisen ausfallen; damit ist er regelmäßig überfordert. Was nicht heißt, dass er sich im politikfreien Raum bewegt; dazu hat er gesellschaftlich einen viel zu hohen Stellenwert. Und er ist von Politik und Kommerz längst okkupiert worden. Man mag das beklagen denn es tut dem Sport wahrlich überhaupt nicht gut, überfrachtet zu werden mit allen Problemen, an denen diese Welt dahin siecht. Grobe soziale Ungerechtigkeiten und Menschenrechtsverletzungen, ökologischer Frevel und ökonomische Probleme in den Ausrichterländern sportlicher Großereignisse, finanzielle Durchstechereien gigantischer Größenordnungen und Korruption bei den Sportverbänden selbst – Missstände jedweder Art werden in den Sportarenen dieser Welt abgeladen. Ändern wird das die Welt nicht, aber die Sinnhaftigkeit von internationalen Sportevents wird mehr und mehr kritisch hinterfragt, jedenfalls in demokratisch verfassten Gesellschaften. Das zeigt inzwischen nicht geringe Folgen: Nicht überall sind Weltmeisterschaften und Olympische Spiele noch willkommen: Wien, Graubünden, die Region München haben in Volksentscheidungen bereits „Nein“ gesagt zu Olympischen Spielen – zu groß die Angst vor ökologischen Raubbau bei der Errichtung von Sportstätten, zu groß auch die Furcht vor Überschuldung infolge olympischer Gigantomanie, Unwillen über die Profitgier des IOC, die sich in Knebelverträgen äußert, mit denen es sich Markenschutz für ihre Sponsoren zusichern lässt und sich der Mitfinanzierung der Spiele weitgehend entzieht. Man bestellt die Musik, bezahlen müssen die anderen. Olympische Spiele sind qua Olympischer Charta praktisch zur politischen Neutralität verpflichtet. Aber hält das einem Praxistest stand? Ja, sagt IOC-Präsident Bach in Interviews. Es würde nicht funktionieren, wenn man eine Vorauswahl von potentiellen Gastgeberstädten treffen würde. Bach: „Maßstäbe vorweg anlegen, die politischer Natur sind? Irgendwann könnten Sie Olympische Spiele nur noch im Paradies veranstalten.“ Zu entscheiden, welche Politik eines Landes gut oder schlecht ist, „ist nicht unsere Aufgabe.“ Das mit dem Paradies ist eine hübsche Vorstellung und sie deckt sich auch sicher auch mit den Vorstellungen deutscher Gutmenschen. Nur leider ist das Paradies zu weit weg: Beim Praxistest durchgefallen.

Nun kann, nun darf eine Großveranstaltung natürlich nicht ohne Hoffnung sein; die Erwartungen an sie sie kann sich zumindest im Verständnis westlicher Demokratien nicht auf den harten Dreiklang „höher, schneller, weiter“ reduzieren lassen – sie sind auch auszurichten auf die weichen Faktoren „alles Gute, Wahre und Schöne.“ Das Gute ist, hat man denn schon einmal großmütig Spiele an eine Autokratie oder gar Diktatur vergeben, die Überzeugung, dass sich in dem beglückten Land die unhaltbaren Zustände flugs ändern werden – was meistens in der Erkenntnis endet, dass Irren menschlich ist. Oder hat Wladimir Putin die Krim etwa nicht okkupiert, drei Wochen nach Sotschi? Oder hat sich die Menschenrechtssituation in China entscheidend verbessert, seit der Spiele 2008? Gibt es dort keine öffentlichen Hinrichtungen mehr in Sportstadien? Werden in Katar, Austragungsort der Fußball-WM 2022 malaysische Arbeiter nicht mehr wie Sklaven behandelt? Im Gegenteil: Nun werden sie dort erst recht so behandelt, und man schätzt, dass schon 4000 von ihnen beim Stadionbau umgekommen sind. DGB-Chef Sommer forderte jüngst, Katar die WM zu entziehen. Claudia Roth lässt grüßen. Wollen wir wetten, dass Katar die WM behält? Arbeitssklaven hin, brütende Hitze her.

Ja, der Sport hat seine Unschuld verloren, seit er sich ehrlich machte und seine Lebenslüge ausräumte, er habe weder etwas mit Politik, noch mit Geld zu tun und „dabei sein ist alles“. Bevor der erste Anpfiff bei der Fußball-WM in Brasilien ertönt, werden wir alle genau wissen, wie es in den Favelas von Rio zugeht (von denen man für die Olympischen Spiele 2016 zahlreiche einfach umgesiedelt hat), warum die Reichen dort reich und die Armen arm sind, warum man Verständnis haben muss für die hohe Kriminalitätsrate an Rios Stränden und weshalb ein halbes Jahr vor der WM 2014 die Menschen im fußballverrückten Brasilien gegen die Fußball-WM demonstriert haben: Milliarden für die WM, aber kein Geld für Schulen, Nahverkehr und Krankenhäuser?

Nachdenken ist nicht verboten, auch nicht in den großen Sportverbänden vor deren Vergabe von sportlichen Großereignissen. Es ist schon ein gewaltiges Dilemma, in dem sich die großen Sportverbände befinden: Sie selbst in erstarrten Organisationsstrukturen gefangen, durch mehr oder minder offene Korruption desavouiert, sehen sie sich in westlichen Demokratien einer immer stärker werdenden Ablehnung durch eine kritische Öffentlichkeit gegenüber. Eine Analyse des Dänischen Instituts für Sportstudien aus dem Jahre 2011 hat ergeben, dass noch vor gut zehn Jahren die meisten Olympischen Spiele und Weltmeisterschaften in Europa und Nordamerika stattfanden. Das Institut spricht nun von einer „Migration der Sportevents“ nach China, Russland, Katar und anderen autokratisch oder diktatorisch geführten Länder. Das ist natürlich, ob man es eingesteht oder nicht, eine pragmatische Frage: In Ländern, in denen sich die Regierenden leicht über Bürgerwohl und Bürgerwille hinwegsetzen können - auch, was die Kosten von Großereignissen betrifft -, lässt es sich leichter planen, bauen und dann auch spielen. Man kann ungestört den Prestigegedanken pflegen und sich darstellen, wie man sich selbst am liebsten sieht: weltoffen und gut. Putin: Der Beste für Russland. Und schließlich bleibt zur Beruhigung des schlechten Gewissens dann immer noch das Prinzip Hoffnung: Hoffnung, dass der Sport die Initialzündung sein wird zur Verbesserung der Verhältnisse im Lande. Wie gesagt: Irren ist menschlich. Auch im Sport.

Aber deshalb sind Olympische Spiele und Weltmeisterschaften noch längst keine Auslaufmodelle. Was brauchte der Mensch im alten Rom, um glücklich zu sein? Richtig: Panem et circensess – Brot und Spiele. Und was verlangt er heute? Richtig: Brot und Spiele. Bei der Aussicht auf „höher, schnellere, weiter“ drückt er schon mal ein Auge zu. Wenn nicht in Deutschland, dann eben anderswo.



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