Tierwirtschaft und Ernährung : Rotalge gegen Rinder-Rülpser: Klimafreundliches Fleisch oder heiße Luft?

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Kühe sorgen für viele Treibhausemissionen. Eine Alge könnte Abhilfe schaffen.
Kühe sorgen für viele Treibhausemissionen. Eine Alge könnte Abhilfe schaffen.

Eine Superalge, die den Methangas-Ausstoß von Kühen minimiert – ist das der Durchbruch zum klimaneutralen Steak?

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20. April 2021, 13:30 Uhr

Hamburg | In diesem Text erfährst Du:

  • wie Forscher mit einer Seealge das Klima retten wollen
  • warum die Idee gut ist, die Umsetzung aber schwierig
  • was es braucht, damit die Kuhindustrie nachhaltiger wird

Asparagopsis taxiformis heißt die Super-Seealge, die Hoffnung auf ein Rinder-Steak ohne schlechtes Klima-Gewissen macht. Dem Tierfutter beigemischt reduziert die Rotalge die Emissionen des klimaschädlichen Methangases, von dem jedes einzelne Rind täglich im Schnitt 300 Liter in die Atmosphäre rülpst und pupst, um bis zu 82 Prozent.

Obwohl es kürzer in der Atmosphäre bleibt, richtet das Treibhaus den 25-fachen Schaden des Klimafeindes CO₂ an. In der Summe der rund eine Milliarde Rinder, die weltweit für die Milch- und Fleischgewinnung eingesetzt werden, entstehen so mehr als neun Prozent der menschengemachten Treibhausgasemissionen.

Asparagopsis Taxiformis ist eine Rotalge, ähnlich dem hier abgebildeten Seetang, der zum Trocknen aufgehängt wurde.
imago-images/stock&people
Asparagopsis Taxiformis ist eine Rotalge, ähnlich dem hier abgebildeten Seetang, der zum Trocknen aufgehängt wurde.

Doch die Studienergebnisse an der University of California klingen vielversprechend: Um bis zu 82 Prozent kann der Methanausstoß mithilfe des schnellwachsenden Rohstoffes verringert werden. Das Studiendesign umfasste 21 junge Angus-Hereford-Ochsen, denen 21 Wochen lang kleine Mengen der Asparagopsis-Alge unter das Mastfutter gemischt wurde. Könnte der Methanausstoß aller Rinder weltweit derart reduziert werden, wäre das eine bedeutsame Errungenschaft im Klimaschutz.

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Die Studie klärt nicht alle Fragen

Natürlich gibt es einen Haken: Obwohl die Studie belastbare Ergebnisse lieferte, blieben wichtige Faktoren in der Klimabilanz der Rindfleisch- und Milchindustrie ausgeklammert. "Massiv überschätzt" würde der Einfluss des verringerten Methanausstoßes, warnt Matthew Hayek, Assistenz-Professor am Department of Environmental Studies der New York University in der Computerzeitschrift "Wired".

Die Studie beschränkte sich auf Rinder, die in auf die Mast ausgelegten Futterplätzen gehalten wurden. In dieser Haltungsform verbringen die meisten Rinder, zumindest in den USA, lediglich die letzten Monate ihres Lebens, um vor der Schlachtung ihr Maximalgewicht zu erreichen. Hayek argumentiert, dass Rinder in der finalen Mast lediglich 11 Prozent des Methans ausstoßen, welches im Laufe ihres Lebens entsteht. Der größte Teil des Methans entstünde im Darm beim Abbau von Gras und Blättern, die die Rinder vor der Mast mit Mais und Soja auf den Weiden und in den Laufställen im Freien fressen. Für die übrigen 89 Prozent der Methanemissionen fehle die Lösung noch, gibt Hayek zu Denken.

Giftiges Bromoform nachgewiesen

In früheren Algen-Studien aus Australien und den Niederlanden wurde im Fleisch und in der Milch der Tiere der Giftstoff Bromoform nachgewiesen. In geringen Mengen ist er in chlorhaltigem Trinkwasser und Schwimmbädern zu finden und damit unbedenklich, in höherer Dosierung jedoch extrem giftig. Nimmt der Mensch zu viel davon zu sich, können die Hirnfunktion beeinträchtigt und Leber- und Nierenschäden verursacht werden. Die Wissenschaftlerin Hanne Helene Hansen, Professorin am Department für Veterinär- und Tierwissenschaften an der Universität Kopenhagen, sieht schwarz: „Wir wollen das ganz sicher nicht in unserem Fleisch oder der Milch haben [...] und auch nicht in den Tieren." Da die nachgewiesenen Rückstände trotz besonders hohem Algenanteil im Futter sehr gering waren, ist die tatsächliche Schadwirkung des Bromoforms unklar. In der aktuellen Studie konnte die Substanz überhaupt nicht nachgewiesen werden.

Genügend Algen für eine Milliarde Rinder?

Das Wissenschaftsteam der University of California hält fest an ihrer Empfehlung für die Alge, mit der sich auch die Futterkosten senken ließen. Nun ist zu klären, wie das Seegras für eine Milliarde Rinder kultiviert werden könnte. Natürlicherweise kommt die Alge nur vor den Küsten Australiens vor. Pekka Pesonen vom europäischen Dachverband der Landwirte "Copa-Cogeca" weißt zudem auf die Informationslücke hinsichtlich gesundheitlicher Auswirkungen für die Tiere hin.

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Ein langer Weg zum klimafreundlichen Steak

Es sind noch große Hürden zu bewältigen, die über den Methanausstoß der Kühe hinausgehen, bevor Erzeugnisse vom Rind als grün, nachhaltig oder klimafreundlich beworben werden können.

Dieser Text gehört zu unserem neuen Ressort #neo, das sich speziell an junge Leserinnen und Leser richtet. Mehr Infos und alle Texte findest Du hier.

Matthew Hayek drängt derweil, alle verfügbaren Mittel zur Senkung der Treibhausgasemissionen einzusetzen. Die Städte, das Transportwesen und der Energiesektor müssten jetzt nachhaltig gestaltet werden; Lebensmittel gegessen statt weggeworfen werden, der Fleischkonsum sinken. „Wir haben noch einiges an Arbeit vor uns, aber [unsere Studien-] Ergebnisse sind sehr ermutigend“, betonte Studienautorin Breanna Roque laut „The Guardian“.

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