Sexualisierte Gewalt : #MeToo im Deutsch-Rap: Sind die Texte wirklich das Problem?

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Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Rapper Samra traten eine MeToo-Debatte im Deutsch-Rap los.
Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Rapper Samra traten eine MeToo-Debatte im Deutsch-Rap los.

Ist der Deutsch-Rap besonders anfällig für Sexismus und sexualisierte Gewalt? Und welche Rolle spielt ein besonderes Männlichkeitsbild? Die Kolumnistin und Expertin für Rap und Feminismus Jane gibt Antworten.

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21. Juni 2021, 17:45 Uhr

Berlin | In diesem Artikel erfährst Du:

  • Was eine Insiderin zu den Vergewaltigungsvorwürfen gegen den Rapper Samra sagt.
  • Ob die Texte Einfluss auf die Behandlung von Frauen hat.
  • Was das Männlichkeitsbild in der Gesellschaft damit zu tun hat.

Die Influencerin Nika Irani hat auf Instagram geschrieben, der Berliner Rapper Samra habe sie vergewaltigt. Der Musiker bestreitet das und beteuert seine Unschuld. Die Vorwürfe haben eine Debatte über sexualisierte Gewalt in der Deutsch-Rap-Szene angestoßen. Auf Twitter und Instagram erzählen Frauen unter dem Hashtag #deutschrapmetoo von ihren Erfahrungen.

Weiterlesen: #MeToo im Deutsch-Rap: Vergewaltigungsvorwürfe gegen Samra

Die Musikerin Sookee schrieb im Magazin Edition F zu dem Thema: "Die sexistische Rap-Party ist vorbei." Und weiter: "Die misogyne Haltung zahlreicher Rapper endet nicht mit dem letzten Takt ihrer Songs (...). Wir haben es hier nicht mit einem einzelnen Harvey-Weinstein-artigen Monstern zu tun, sondern mit einer Atmosphäre, in der Täter-Sein zumindest qua Imagepolitik zum guten Ton gehört."

Dieser Text gehört zu unserem neuen Ressort #neo, das sich speziell an junge Leserinnen und Leser richtet. Mehr Infos und alle Texte findest Du hier.

Die Kolumnistin und Podcasterin Jane*, die beispielsweise für das Hip-Hop-Magazin Juice schreibt, sagt im Gespräch mit unserer Zeitung ebenfalls, eine MeToo-Debatte im Deutsch-Rap sei überfällig gewesen. Gleichzeitig betont die Expertin für Rapmusik und Feministin, Gewalt gegen Frauen gebe es überall und generell sei vielen Menschen nicht bewusst, wo sexualisierte Gewalt anfange.

Jane, seit einigen Tagen berichten etliche Frauen in den Sozialen Medien unter dem Hashtag #deutschrapmetoo von sexualisierter Gewalt in der Deutsch-Rap-Szene. Ist das überraschend?

Nein. Die einzigen, die überrascht wirken, sind die Fans. Ansonsten hat das glaub ich niemanden wirklich gewundert, was da passiert.

War ein MeToo im Deutsch-Rap also überfällig?

Sowas von überfällig. Aber: Es ist vor allem auch gesamtgesellschaftlich überfällig! Mit der Aufschrei-Debatte vor einigen Jahren hat begonnen, dass sich ein Kollektivbewusstsein dafür entwickelt, dass wir als Frauen in dieser Gesellschaft unter Machtverhältnissen leiden. Und natürlich betrifft das auch den Deutsch-Rap. Wir leben in einer sexistischen Gesellschaft und der Deutsch-Rap ist Teil dieser Gesellschaft. Deshalb spielen Sexismus und sexualisierte Gewalt dort genau die gleiche Rolle wie überall anders auch. Es wird vielleicht durch die Sprache unverblümter dargestellt, aber es ist nicht intensiver, mehr oder stärker. Gewalt gegen Frauen gibt es überall.

Weiterlesen: Nicht mehr wegsehen: Frauenhass gefährdet unsere Demokratie

Demnach ist es an der Zeit für ein deutsches MeToo – auch, aber nicht nur in der Rap-Szene?

Ja, denn ich glaube, dass Männlichkeit in unserer Gesellschaft insgesamt unfassbar vergiftet ist. Das vorherrschende Verständnis von Maskulinität muss dringend hinterfragt und geändert werden. Damit hängt ja auch das Bild von weiblicher Sexualität zusammen, die zum einen immer noch tabuisiert wird und zum anderen als etwas wahrgenommen wird, das vor allem dem Mann dient. Es gibt in vielen Szenen keinen ordentlichen Diskurs über feministische Themen und es ist vielen, vielen Menschen nicht wirklich bewusst, was Konsens wirklich bedeutet.

Es geht also auch um ein Bewusstsein dafür, wo sexualisierte Gewalt anfängt? Ist Nein heißt Nein noch nicht überall angekommen?

Viele denken bei Vergewaltigung an das Narrativ, dass ein wildfremder Mann eine Frau ins Gebüsch zerrt. Aber faktisch finden die meisten sexualisierten Gewalttaten innerhalb des engsten Kreises statt: Es ist der Onkel, es ist der Vater, es ist der Freund. Es ist selten der anonyme Irre, der dich nachts überfällt. Das Bewusstsein für Konsens fehlt schon dann, wenn er sagt: "Hey, hab dich nicht so." Da fängt die Übergriffigkeit und die Manipulation schon an. Dafür sind wahnsinnig wenige Männer sensibilisiert.

Kommentar: Rapper Samra und sexualisierte Gewalt – Bösen Worten folgen Taten?

Noch einmal zurück zum Rap. In einigen Songs gibt es massiv frauenfeindliche Lines. Gibt es da aus deiner Sicht keinen Zusammenhang mit tatsächlichen Gewalttaten?

Diese Frage kommt immer wieder auf, aber das ist für mich vergleichbar mit der Annahme, dass Baller-Spiele Kinder zu Terroristen machen. Entscheidend ist doch dabei dieser Punkt: Niemand stellt diese Frage, wenn der Rammstein-Sänger Til Lindemann ein Gedicht veröffentlicht, in dem er beschreibt, wie er Mädchen betäuben und vergewaltigen will. Komischerweise gibt es da keine Diskussionen über die Schere zwischen Künstler und Privatperson. Ich kann ja sogar nachvollziehen, dass das beim Rap eher Thema ist, weil hier die Sprache noch mal ein ganzes Stück weit verrohter ist. Aber der Inhalt bleibt doch der gleiche! Nur bei dem einen heißt es dann "Kunstfreiheit" und bei dem anderen nicht. Vielleicht können wir uns generell darauf einigen, dass Frauenfeindlichkeit weder ein Stilmittel ist noch zur Kunstfreiheit gehört. Weder im Rap noch sonst irgendwo.

Was muss generell passieren, damit es besser wird? Damit Sexismus und sexualisierte Gewalt erkannt und verhindert werden können?

Wir befinden uns gerade mitten in einem Prozess. Dass Betroffene ihre Stimmen erheben, ist ein sehr wichtiger Schritt, denn damit sorgen sie für Aufmerksamkeit und stärken gleichzeitig anderen Betroffenen den Rücken. Was jetzt folgen muss ist, dass man den Betroffenen auch glaubt! Damit wirklich nachhaltig etwas passiert, muss sich aber vor allem das Männlichkeitsbild der Männer selbst ändern.

*Jane ist ein Künstlername. Da die Kolumnistin nach eigener Aussage immer wieder extremer Bedrohung von rechts ausgesetzt ist, nennt sie ihren wahren Namen in der Öffentlichkeit nicht.

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