Slow Fashion aus Hamburg : Mode wertschätzen: Wie eine junge Designerin die Branche entschleunigt

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Lisanne Maurer in ihrem Hamburger Atelier. Vor zwei Jahren hat sie ein möglichst nachhaltiges Modelabel gegründet: Habibitat.
Lisanne Maurer in ihrem Hamburger Atelier. Vor zwei Jahren hat sie ein möglichst nachhaltiges Modelabel gegründet: Habibitat.

Mode entlang der Produktionskette wertschätzen – das will Slow Fashion. Nach dem Motto arbeitet auch die Gründerin des Hamburger Labels "Habibitat". Lisanne Maurer über Nachhaltigkeit in der Mode und das Gründen.

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25. Juni 2021, 16:11 Uhr

Hamburg | In diesem Artikel erfährst Du:

  • Was Slow Fashion Fast Fashion entgegen zu setzen hat.
  • Wie eine junge Designerin möglichst nachhaltig produziert.
  • Welche Herausforderungen die Selbstständigkeit mit sich bringt.

In Lisanne Maurers Atelier stapeln sich Kartons voller Stoffreste der verschiedensten Couleur; ein weißer Frottee-Stoff, ein anderer mit Leo-Muster – Vieles aus vergangenen Saisons, das sonst keiner mehr kauft. Daneben liegen die fertigen Teile; Bauchtaschen und Fischerhüte, größtenteils Einzelstücke mit Blumenmustern, samtig schimmernd oder bunt-kariert. Irgendwo dazwischen arbeitet Lisanne an ihrer Nähmaschine. Als die studierte Modedesignerin ihr Slow-Fashion-Label Habibitat im Jahr 2019 gründete, nähte sie jedes Teil selbst. Zwei Jahre später launcht ihre erste Kollektion – die lokal und nach einem möglichst nachhaltigen Prinzip produziert wird.

Bauchtaschen in klein und groß, kreativ gestaltete Stoffbeutel und Hüte für den Winter und den Sommer gehören zu den Dingen, die bei Habibitat zu kaufen sind.
Lia Gavi
Bauchtaschen in klein und groß, kreativ gestaltete Stoffbeutel und Hüte für den Winter und den Sommer gehören zu den Dingen, die bei Habibitat zu kaufen sind.

Slow-Fashion ist eine wachsende Bewegung und die 28-jährige Lisanne ein ihrerseits wachsender Teil davon. Junge Unternehmerinnen und Unternehmer brechen mit der für Mensch und Erde toxischen Fast-Fashion-Maschinerie. Statt auf ständig wechselnde Modetrends mit günstig gefertigter, schnelllebiger Ware zu reagieren, steht Slow Fashion wortwörtlich für Entschleunigung. Und dafür, Mode in ihrer Gänze wertzuschätzen. Diese Wertschätzung beginnt bei den Arbeiterinnen auf der Baumwollplantage und endet damit, dass Kleidung über ihren Lebenszyklus hinweg getragen und geliebt wird.

Mode hat ihren Preis: Den Unterschied macht, wer ihn zahlt

Aktuell kostet eine kleine Habibitat-Bauchtasche 80 Euro. Im Vergleich zu den Preisen der großen Modeketten wie H&M oder Primark scheint das ziemlich teuer. Doch dass die Sachen dort so billig sind, liegt nicht daran, dass sie von minderer Qualität oder wenig wert sind. Und dass wir Lisannes Sachen dagegen als teuer wahrnehmen, liegt vor allem an einer durch die Industrie verzerrten Wahrnehmung davon, welchen Wert Kleidung tatsächlich hat. "Ein höherer Preis ist im Prinzip nur ein Anerkennen von dem Wert eines Kleidungsstücks", erklärt Lisanne. Ein günstiger Preis sei im Gegenzug kein Indikator für einen geringen Wert. Es sei einfach so, dass der "Wert überall abgezogen und nicht ausgezahlt wird". Die Designerin erläutert:

Es gibt die Baumwollpflückerinnen, der Stoff wird produziert, es gibt die Arbeitszeit der Näherinnen - all diese Schritte kosten Geld. Bei dem einen wird dafür gesorgt, dass die Leute dieses Geld auch bekommen, bei dem anderen halt nicht. Und an der Stelle unterscheidet sich, was Mode kostet. Lisanne Maurer, Habibitat-Gründerin

So ungerecht ist die Modeindustrie

Aktuell entfallen im Fast-Fashion-Sektor gerade einmal 0,6 Prozent des Preises, den europäische Kunden für ein 30 Euro teures T-Shirt zahlen, auf den Lohn der Näherinnen. Das hat die Arbeitsrechtsorganisation "Kampagne für Saubere Kleidung" berechnet. Während der Einzelhändler mit 17 Euro fast 60 Prozent des Umsatzes einstecke, verdiene die Näherin gerade einmal 18 Cent am 30-Euro-T-Shirt. Zur Erinnerung: Ein Basic-T-Shirt von H&M kostet keine 30 Euro, sondern 4,99 Euro. Wie viel eine Näherin bei diesem Preis verdient? Nicht einmal drei Cent.

Weiterlesen: Kleider machen Leute – doch welche Leute machen unsere Kleider?

Und auch Lisanne bekam die Ungerechtigkeit der Branche schon im Studium zu spüren. "Uns wurde richtig eingetrichtert, dass es ganz normal sei, 80 bis 100 Stunden in der Woche zu arbeiten. Dass es normal sei, wenig zu schlafen, viel zu wenig Zeit und super knappe Deadlines zu haben". Doch so will Lisanne nicht arbeiten. Ihr Schaffen ist entschleunigt – sie macht Slow Fashion. "Es fängt schon Morgens an. Wie viel Zeit nehme ich mir für meinen Kaffee, wann mache ich Feierabend und wie lange darf ein Kleidungsstück brauchen, bis es beim Kunden ankommt?" Lisanne findet: "Die Dinge brauchen Zeit. Wenn man Dingen Zeit gibt, dann werden sie meist schöner."

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Wandel passiert durch viele kleine Impulse

Lisanne weiß, dass sie allein die Modebranche nicht verändern wird. "Was ich aber schon von klein auf kenne, ist, dass ich durch die Welt laufe und frage 'Warum passiert das so? Warum macht man das nicht anders, warum wird an so vielen Stellen weggeguckt?'" Und dieser aufmerksame Blick, die Suche nach Gerechtigkeit und mitunter auch der Frust, ist das, was sie antreibt:

Es tut mir nicht gut, die ganze Zeit zu gucken, was schief läuft. Man fällt so schnell in diese Ohnmacht, in der man die ganze Ungerechtigkeit der Welt auf seinen Schultern fühlt. Lisanne Maurer, Habibitat-Gründerin

Statt sich der Ohnmacht hinzugeben, will Lisanne das vorleben, was sich für sie richtig anfühlt. "Und wenn ich damit auch nur eine andere Person inspirieren kann. Wenn die Person in ihrem Rahmen wieder was verändert und sich das nach und nach verselbstständigt – genau dann passiert Veränderung".

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Schluss mit der Überproduktion

"Ich finde es super wichtig, zu sagen, dass 'Nachhaltigkeit' zwar ein riesiges Buzzword in der Welt ist, aber kein geschützter Begriff", so Lisanne. Im Prinzip kann jedes Unternehmen die grüne Fahne schwingen und die eigene Produktion nachhaltig nennen, selbst wenn sie das nicht ist.

"Nachhaltig leben beinhaltet für mich, dass man sich selber damit auseinandersetzt, was man braucht, was man dementsprechend konsumiert und was am Ende übrig bleibt", sagt Lisanne. In der Modeindustrie geschieht aktuell das Gegenteil. Wie eine offizielle Studie zeigt, landen in Deutschland jährlich rund 400.000 Tonnen Kleidung auf Mülldeponien. Diese Kleidung wird teilweise nagelneu von den Herstellern selbst weggeworfen und dann überwiegend verbrannt. Laut Schätzungen der Handelsverbände Textil (BTE), Schuhe (BDSE) und Lederwaren (BLE) hat die Pandemie dieses Symptom nochmal verstärkt: Eine halbe Milliarde unverkaufte Kleidungsstücke häuften sich durch den Lockdown allein im Dezember und Januar 2021 in den Lagerhäusern an.

Weil Lisanne für Habibitat nicht überproduzieren will, setzt sie "auf ein System, das hier in Deutschland noch gar nicht so bekannt ist, in anderen Ländern aber schon total etabliert": Pre-Order, also eine Produktion auf Basis von Vorbestellungen. Ihre Kunden bekommen einen gewissen Zeitraum zur Verfügung, in dem sie ihre Bestellung aufgeben können, die angebotene Stückzahl ist limitiert. Erst nach Abschluss des Bestellprozesses wird dann "wirklich genau das produziert, was die Nachfrage bedient", erklärt Lisanne.

So nachhaltig wie möglich, so wirtschaftlich wie nötig

Ihre neue Kollektion kann gerade und noch bis zum 3. Juli online vorbestellt werden. Alles selber zu nähen, ist ihr nicht möglich. Doch sie hat eine kleine Schneiderei im Hamburger Stadtteil St. Georg gefunden, die ihre Jogging-Kollektion für sie fertigt. "Es ist so schön, ich gehe da mit meinen Sachen hin, bespreche meine Ideen und kann mir die Prototypen vor Ort anschauen", schwärmt Lisanne. Selbst wenn man in Portugal produziere – was aktuell der letzte Schrei im Green Marketing ist, das der imagemäßig überstrapazierten Produktion in Bangladesch oder China abgeschworen hat – habe man mit Frachtzeiten und Emissionen zu jonglieren. "Egal was ist, ich kann einfach mit dem Fahrrad zur Schneiderei rüberfahren", so Lisanne. "Das ist einfach ein ganz anderes Gefühl".

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Und auch ihre Rohstoffe wählt Lisanne mit Bedacht. "Es geht mir unter anderem darum, zu zeigen, dass man auch aus Stoffresten", die sie vor allem für die Taschen- und Hüte-Produktion auf Großmärkten einkauft, "noch etwas Cooles machen kann. Das können Stoffe von vor drei Jahren sein – kombiniert man die aber neu, dann sind sie wieder fresh", also modern.

Kauft sie Stoffe neu, ist es für sie "natürlich am besten, wenn ich GOTS-zertifizierte Stoffe habe". Doch die sind teuer, vor allem, wenn man nur wenige Meter braucht, statt Hunderte wie die großen Unternehmen. "Deswegen kaufe ich auch konventionelle Stoffe, die kein Siegel tragen".

Zur Sache: Was ist das GOTS-Siegel?

Das "Global Organic Textile Standard"-Siegel zertifiert Textilprodukte, die zu mindestens 70 Prozent aus biologisch erzeugten Naturfasern bestehen. In den Textilien enthaltene chemische Stoffe müssen bestimmte Kriterien zur Umwelt- und Gesundheitsverträglichkeit erfüllen. Giftige Schwermetalle, Formaldehyd, Nanopartikel oder gentechnisch veränderte Baumwollpflanzen sind verboten, ebenso wie die Verarbeitung von PVC, Nickel oder Chrom in der Kleidung. Auch die Hersteller zugelassener Chemikalien müssen zusätzliche Anforderungen an Umwelt, Gesundheit und Sicherheit erfüllen.
Im Bereich der sozialen Standards orientiert sich das Siegel an den "Kernarbeitsnormen" der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Diese international anerkannten Mindeststandards verbieten Zwangs- und Kinderarbeit sowie Diskriminierung am Arbeitsplatz. Sie fördern das Recht auf Vereinigungsfreiheit und Kollektivverhandlungen, existenzsichernde Löhne und Arbeitszeitenmodelle, sie gewährleisten Arbeitsschutz und -sicherheit und verpflichten Arbeitsgeber dazu, schriftliche Arbeitsverträge aufzusetzen.
Laut der Initiative Siegelklarheit.de erfüllt das Siegel besonders hohe Anforderungen an die Glaubwürdigkeit und Umweltfreundlichkeit. Im Bereich der Sozialverträglichkeit erfüllt es die Mindestanforderungen. Kritiker fordern eine Verschärfung der sozialen Standards.

Mit ihren Handhabungen will Lisanne ganz offen umgehen. "Für die neue Kollektion – und dann wird das nachträglich auch bei allem anderen passieren – plane ich, QR-Codes an die Produkte anzubringen. Die kann man scannen und dann ist genau aufgelistet, wie sich der Preis und alles zusammensetzt."

Die Herausforderungen einer jungen Gründerin

Allein vom Erlös des Verkaufes zu leben ist aktuell noch schwierig. Doch mithilfe eines Gründungszuschusses kann Lisanne ihre Arbeit für Habibitat unabhängig gestalten. "Man muss sich aber auch immer wieder sagen; das ist normal", betont sie. "Welches Unternehmen schreibt in den ersten Monaten oder Jahren schwarze Zahlen?" Wegen der Neugründung habe sie bis jetzt "krasse Ausgaben. Man muss sich in die Handwerkskammer einschreiben, für mein Buchhaltungsprogramm muss ich zwei Jahre im Voraus zahlen und das sind alles so Summen, die sich richtig läppern".

Nach dem Modedesign-Studium war Lisanne erst einmal abgeschreckt und fing eine Homöopathieausbildung an. Ihre Liebe zu Mode und der Drang, beim Arbeiten die Hände benutzen zu können, holten sie zurück in die Modewelt.
Lia Gavi
Nach dem Modedesign-Studium war Lisanne erst einmal abgeschreckt und fing eine Homöopathieausbildung an. Ihre Liebe zu Mode und der Drang, beim Arbeiten die Hände benutzen zu können, holten sie zurück in die Modewelt.

Was Lisanne anderen Gründerinnen an die Hand geben würde: Es braucht einen ordentlichen Businessplan und man muss sich rechtzeitig mit den Steuern auseinandersetzen. Vor allem aber braucht es viel Mut und ein Netzwerk, das einem den Rücken stärkt. Für Lisanne ist das vor allem ihre jüngere Schwester.

Außerdem habe sie gelernt: "Je mehr ich in diese Welt einsteige, desto selbstverständlicher wird es für mich, das es dazu gehört, sich Geld zu leihen. Es steckt doch immer eine Form der Finanzierung dahinter, die wenigsten Unternehmen wurden einfach aus dem Boden gestampft". Lisanne sei in dem Glauben aufgewachsen, "Geld leihen ist schlecht, das macht man nicht". Doch das macht man sehr wohl.

Perspektiven für Habibitat

Eine weitere Aufgabe, die viele Selbstständige zu bewältigen haben: Da ist kein Vorgesetzter, der einen lobt, wenn man gute Arbeit macht. "Ich stehe morgens auf, motiviere mich selber und schaffe mir meine Aufgaben selber. Dann arbeite ich den ganzen Tag und im besten Falle schaffe ich es auch noch, mir abends zu sagen, dass ich einen guten Job gemacht habe. Das sagt ja sonst keiner", zeigt Lisanne auf. Natürlich bekomme sie Feedback zu ihren Produkten per E-Mail und in den sozialen Medien – "meine Community ist auch einfach toll. Die Leute sind super, ich fühle mich total wohl, unterstützt und irgendwie gesehen". Doch legt sie ihr Handy weg, ist sie nun mal mit sich allein.

Dieser Text gehört zu unserem neuen Ressort #neo, das sich speziell an junge Leserinnen und Leser richtet. Mehr Infos und alle Texte findest Du hier.

Wie lang noch, ist die Frage. Jemanden dazu zu holen, wäre der nächste Schritt für Habibitat, sagt Lisanne. Denn was sie an all dem besonders liebt, sind Ateliergespräche. "Es gibt nichts Schöneres, als beim Nähen zu quatschen und sich auszutauschen, zusammen Musik zu hören. Da freue ich mich schon drauf", sinniert sie. Bis dahin stützt sie sich auf ihre Liebe zur Mode und den kreativen Prozess. "Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mir das ausgesucht habe. Ich glaube, es hat mich ausgesucht."

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