Stockholm : Mit Handtasche gegen Neonazis

Mit der einzigen „Waffe“, die sie hat, attackiert die Frau bei einer Demonstration von Neonazis 1985 in Växjö einen der Männer.
Mit der einzigen „Waffe“, die sie hat, attackiert die Frau bei einer Demonstration von Neonazis 1985 in Växjö einen der Männer.

Schwedisches Växjö ehrt mutige Dame doch nicht mit einem Denkmal – Gewalt sei auch keine Antwort / Andere Städte bekunden Interesse

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02. März 2015, 20:50 Uhr

Vielleicht war es etwas zu viel an Zivilcourage. Die nach Schweden eingewanderte Polin Danuta Danielsson hatte genug. Ihre Mutter war in einem Konzentrationslager der Nazis gewesen. Als am 13. April 1985 Neonazis im südschwedischen Städtchen Växjö einen Aufmarsch durchführten, rastete die kurz gewachsene, aber stämmige Dame aus. Wütend rannte sie hinter einem Neonazi mit Fahne her und schlug ihn mit ihrer schweren Damenhandtasche auf Hinterkopf und Schulter.

Ein Fotograf verewigte diesen Augenblick. Das Pressefoto „Tante mit Tasche“ erlangte als Symbol für Zivilcourage in ganz Schweden Bekanntheit und wurde zigfach abgedruckt, selbst in Schulbüchern. In Växjö wollten unter anderem die Sozialdemokraten der Dame mit ihrer Handtasche als erhobener Waffe ein Denkmal errichten. Daraus wird nichts.

Die aus Växjö stammende Künstlerin Susanna Arwin wollte die Statue anfertigen. Sie studierte 1985 in New York, als ihre Mutter ihr einen Ausschnitt mit dem Bild zuschickte. Die „schwedische Tante“ ist seither ein Leitmotiv in Arwins Arbeiten. So hatte sie gar eine Armee aus Tanten aus Beton errichtet, die an die antike chinesische Terrakottaarmee erinnern sollte.

Doch dann änderten sich in Växjö die politischen Mehrheitsverhältnisse und eine große Debatte wurde landesweit geführt. Während linksfeministische Befürworter in ganz Schweden an bereits existierende Statuen Damenhandtaschen hängten, um die Tantenstatue von Växjö zu unterstützen, kamen immer mehr Ungereimtheiten über den zunächst eindeutigen Fall von Zivilcourage heraus.

So soll Danielsson psychisch krank gewesen sein. Sie ging Selbstgespräche führend durch die Stadt und begann manchmal ohne ersichtlichen Grund, Passanten anzuschreien. Sie selbst soll das Tantenfoto gehasst haben. Sie war erst 38 Jahre alt und ein wenig eitel. Auch wenn sie Nazis aufgrund ihrer Familiengeschichte tatsächlich abgrundtief hasste, wollte sie nicht als schrullige Tante mit Handtasche in Schwedens Geschichte eingehen, haben Verwandte später unterstrichen und sich gegen ein Denkmal ausgesprochen. Sie selbst konnte das Wort nicht in der gegenwärtigen Debatte erheben. Drei Jahre, nachdem sie landesweite Bekanntheit erlangt hatte, sprang sie vom Wasserturm der Stadt in den Tod.

Man könne mit Worten, aber doch nicht mit Gewalt gegen andersgeartete Meinungen in der schwedischen Demokratie vorgehen, argumentierte letztlich erfolgreich die rechtsliberale Stadtpolitikern Eva Johansson. Selbst wenn es sich nur um eine Handtasche handelt. Doch mehrere andere schwedische Städte haben nun ihr Interesse an der Tanten-Statue bekundet.

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