Pakistan : Mindestens 66 Tote bei Selbstmordanschlag vor Klinik in Pakistan

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Die Bombe detoniert vor einer Klinik in Quetta. Mindestens 66 Menschen sterben, Dutzende werden verletzt. Die Behörden in Pakistan verdächtigen nun eine der größten extremistischen Gruppen des Landes.

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08. August 2016, 08:28 Uhr

Bei einem Bombenanschlag vor einer Klinik in der südwestpakistanischen Stadt Quetta sind mindestens 66 Menschen getötet worden. Das ging am Montagnachmittag (Ortszeit) aus den Angaben des Gesundheitsministers der Provinz, Rehmat Baloch, sowie aus Zählungen der drei größten Krankenhäuser der Stadt hervor.

Demnach wurden allein in der betroffenen Klinik 46 Tote registriert, zwei andere Kliniken meldeten 18 beziehungsweise zwei Tote. Weitere Todesopfer könnten in andere Kliniken gebracht worden sein, hieß es. Um die 200 Menschen wurden demnach verletzt. Allein im Militärkrankenhaus sprachen Ärzte von rund 120 Patienten. Rund die Hälfte sei schwer verletzt. Die Zahl der Toten könne noch steigen.

Wie groß die Zerstörungskraft der Bombe war, veranschaulichten Aufnahmen pakistanischer Fernsehsender. Ärzte und Patienten waren zu sehen, wie sie in Panik aus den raucherfüllten Gängen des Krankenhauses flohen. Nach Angaben der Polizei hatte der Selbstmordattentäter etwa acht Kilogramm Sprengstoff zur Explosion gebracht. Laut Gesundheitsminister Baloch wurden sein Kopf und seine Füße auf einem Dach gefunden.

Zunächst bekannte sich keine der vielen Extremistengruppen Pakistans zu der Tat. Nach Angaben eines Sprechers des paramilitärischen Grenzkorps, Khan Wasseh, verdächtigen die Behörden aber die Extremistengruppe Lashkar-e Jangvi. Die sunnitische Gruppe ist vor allem für ihre Angriffe auf Schiiten bekannt. Ob unter den Opfern des Anschlags Schiiten waren, war aber zunächst unklar.

Der Anschlag traf vor allem vor der Klinik versammelte Anwälte. Sie waren dort zu einer Trauerfeier zusammengekommen, nachdem der Chef der Rechtsanwälte-Vereinigung der Provinz erschossen worden war. Präsident Mamnoon Hussain verurteilte den Anschlag scharf. Die Provinzregierung setzte eine dreitägige Trauerzeit an.

Baluchistan ist eine der unsichersten Provinzen Pakistans. Eine Vielzahl von militanten Gruppen ist dort aktiv. Dazu zählen sunnitische Extremistengruppen, die regelmäßig Schiiten angreifen, aber auch Taliban-Gruppen, die vor allem den Staat ins Visier nehmen. Separatisten wollen die Abspaltung der Provinz von Pakistan erreichen oder mehr politische und finanzielle Autonomie. Der letzte große Anschlag im Land liegt mehr als vier Monate zurück.

Ende März hatte ein Selbstmordattentäter der Talibangruppe Jamaat ul Ahrar in einem Park der südostpakistanischen Stadt Lahore mehr als 70 Menschen getötet, darunter Dutzende Kinder.

Die Zahl der extremistischen Anschläge ist seit Anfang 2015 stark zurückgegangen. Nach einem blutigen Anschlag pakistanischer Taliban auf eine Armeeschule im Dezember 2014 hatte die Armee ihre Angriffe auf diese Gruppen verschärft. Andere blieben aber unangetastet.

Baluchistan - der Unruheherd Pakistans

Baluchistan ist zugleich die größte, ärmste und unruhigste Provinz Pakistans. Mit einer Fläche fast 350 000 Quadratkilometern nimmt sie fast die Hälfte des Landes ein. Hier leben weniger Menschen als in den anderen Provinzen des Landes - aber es sind mehr extremistische Gruppen präsent und aktiv.

Separatistengruppen kämpfen zum Beispiel für die Abspaltung von Pakistan oder für mehr politische und finanzielle Autonomie der Provinz. Außerdem haben mehrere sunnitische Extremistengruppen ihre Basis hier. Darunter sind zum Beispiel Lashkar-e Jangvi oder Jaish al Adl. Sie greifen regelmäßig Schiiten an; in und um die Provinzhauptstadt Quetta herum lebt der Großteil der ethnischen, schiitischen Minderheit der Hazara. Baluchistan grenzt an den Iran.

In der Vergangenheit sind Sunni-Gruppen für Attentate oder Entführungen auch öfter über die Grenze gereist. Aber auch einige pakistanische Taliban-Gruppen haben ihre Basis hier, darunter die Sajna-Gruppe. Sie nehmen vor allem den Staat ins Visier. Auch die afghanischen Taliban haben bekanntermaßen ihre Basis hier. Die Führungsgruppe agiert aus Quetta heraus. Laut dem jüngst veröffentlichten Armutsindex der pakistanischen Regierung leben zwei Drittel aller Menschen in Baluchistan in Armut. Mit einem geplanten milliardenschweren Wirtschaftskorridor zwischen Pakistan und China gewinnt die Provinz derzeit aber neue Bedeutung. Ein wichtiger Hafen für das CPEC genannte Projekt (China Pakistan Economic Corridor) liegt in Gwadar, einer kleinen Stadt an Baluchistans Küste.

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