Streitbar : Wie korrekt ist Weihnachten?

Die „Zwarten Pieten“  bilden das Gefolge des Sinterklaas.
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Die „Zwarten Pieten“ bilden das Gefolge des Sinterklaas.

„Schwarze Pieten“ als Sklavensymbol, Weihnachten als Provokation gegenüber Muslimen? Alles Quatsch, analysiert Heinz Kurtzbach.

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22. Dezember 2013, 11:00 Uhr

Die frohe Botschaft fiel nicht vom Himmel; nicht Engel verkündeten die gute Mär, eher schon die Marketing-Strategen der amerikanischen Supermarkt-Riesen: Die Traditionalisten in den USA haben im Weihnachtskrieg eine Schlacht gewonnen. Die Weihnachtbefürworter sind auf dem Vormarsch. Weihnachten, das Fest des Friedens, wird – Schuss um Schuss – den Klauen der „Political Correctness“ wieder entrissen. Der Weihnachtsmann – Hohoho – darf Weihnachtsmann bleiben. Nur: Wie lange noch? Die Strategen im Pentagon wissen es, eine gewonnene Schlacht ist noch kein gewonnener Krieg, zumal die Scharmützel im gesamten christlichen Abendland, Deutschland inklusive, zu beobachten sind. Aber man gönne sich doch noch einen näheren Blick aufs Land der inzwischen gar nicht mehr so unbegrenzten Möglichkeiten. Am Ende des ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausend drehte sich dort zur weihnachtlichen Zeit tatsächlich alles um die Frage: Wie korrekt ist Weihnachten? Der Weihnachtsbaum hieß bei Behörden und in Kaufhäusern nur noch „Festbaum“, Santa Claus traute sich nicht mehr unters Volk und auf weihnachtlichen Grußkarten wurde nicht mehr „Merry Christmas“ gewünscht, sondern nur noch „nette Tage“ oder ähnlicher Quatsch. Und der damalige US-Präsident George W. Bush (erinnern Sie sich noch an ihn, das ist der mit dem Irak-Krieg?), ansonsten eigentlich ein christlicher Hardliner, schien an der Weihnachtsfront zu kapitulieren: Auch auf den Grußkarten aus dem Weißen Haus kam das Wort „Weihnachten“ nicht mehr vor. Ein Kotau vor der in den USA allüberall dräuenden „Political Correctness“, denn die öffentliche Präsentation des christlichen Festes könnte die Staatsbürger anderen Glaubens verprellen.

Das geht zu weit, dachten nicht wenige konservative Amerikaner und auch nichtkonservative Christmas-Fans, und der nationweit bekannte TV-Moderator John Gibson schrieb ein Buch: „The War on Christmas“. Eine unheilvolle Allianz aus Linken und Atheisten, so Gibson, wolle das christliche Fest gänzlich aus dem öffentlichen Bewusstsein drängen. Da sei die Nationalgarde vor!

Man weiß nicht so genau, wie sie im Himmel darauf reagiert haben, „amused“ werden sie nicht sein über so viel „Correctness“-Spinnereien, und in der Tat könnte man die durchgeknallten Amis zumindest mit diesem Problem alleine lassen – aber: Amerika ist überall. „Political Correctness“ auch. Der „War on Christmas“ ist längst in Europa angelangt. Im britischen Oxford zum Beispiel kamen sie auf die Idee, Weihnachten aus Rücksichtnahme auf alle Nichtchristen offiziell zu einem „Winter-Licht-Festival“ umzufunktionieren und den eigentlich auch bei den britischen Muslimen ganz beliebten Weihnachtsbaum durch ein Modell des Sonnensystems zu ersetzen. Die „geflügelte Jahresend-Figur“ der DDR lässt grüßen.

Ein Blödsinn, fand selbst der örtliche Rabbi Eli Bracknell, der meinte, es sei wichtig, das britische Weihnachtsfest beizubehalten. Womit bewiesen wäre, dass Rabbis meistens mit beiden Beinen auf den Böden der Realitäten stehen und Traditionen widerstandsfähiger sind als überspannte politisch korrekte Dummheiten. Wenn schon korrekte Gerechtigkeitsfanatiker das Kindlein voller Demut, aber mit Schmackes, mit dem Bade ausschütten, befördern es jüdische Rabbis eben wieder hinein. So schön kann Multi-Kulti funktionieren.

Weihnachten und andere christliche Events haben selbstverständlich auch die deutschen Jünger der „PC“ als ideale Exerzierplätze längst entdeckt. In Solingen kam das Stadtmanagement auf die Idee, die jährliche Weihnachtsbeleuchtung der Stadt von christlichen Motiven zu säubern und Rüdiger Sagel, „Linke“-Chef aus Nordrhein-Westfalen, verblüffte kürzlich mit dem Vorschlag, das „St.-Martin-Fest“ in ein „Sonne-Mond-und-Sterne“-Fest zu verwandeln; muslimischen Kindern sollten bei den Martins-Umzügen die christlichen Traditionen nicht aufgezwungen werden. Und die ohnehin schon weit fortgeschrittene Entchristianisierung der Deutschen, könnte man hinzufügen, wäre wieder einen kleinen Schritt vorangekommen. Immerhin: Sagel bezog für seine Idee das, was er verdient hatte: Klassenkeile von allen Parteien, selbst der eigenen, und sogar der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime befand, Unsinn sei Unsinn: Die Figur des Martin sei zwar ein Heiliger der Katholiken, aber das ändere nichts daran, dass sein Verhalten auch für Muslime vorbildlich sei. Denn dessen Gedanke des Teilens spiele auch im Islam eine große Rolle.


Duckmäusertum



Abendländisches Duckmäusertum im Hinblick auf das Ausleben eigener Traditionen als Beispiel für die politisch korrekte Schere im Kopf ist nur besonders auffällig, weil besonders absurd – es gibt natürlich auch genug Beispiele aus anderen Bereichen für übertriebene PC. Da ist zum Beispiel die US-Wirtschaftsagentur Bloomberg, die in ihrem Computersystem ein Programm installieren ließ, das ein– und ausgehende Mails von politisch unkorrekten Worten säubern soll. Und so geschah es, dass der Bildschirm vor einem „unpassenden Wort“ in einer Meldung über die deutsche Firma FAG Kugelfischer dringlich warnte; „fag“ bedeutet im amerikanischen Slang „schwul“. Blinder Eifer schadet nur.
Nun könnte man den „Christmas-War“ und das Pech der Kugelfischer und viele ähnlich gelagerte Fälle unter „Kuriosa“ ablegen, wenn nicht mal wieder Adenauer recht behalten hätte: „De Situation is da“. PC auch. Und sie bestimmt ohne jegliche demokratische oder sonstige Legitimation das öffentliche Leben mehr als dem wirklich gut tut; sie drangsaliert die westlichen Gesellschaften, sie diktiert das Denken, verbietet Abweichendes und grenzt Aufsässiges aus. Sie bestimmt mit hochmütigem Alleinvertretungsanspruch auf Korrektheit die Wertigkeit der Worte und ist ihren gut meinenden Protagonisten längst entglitten. Sie installiert eine (Sprach)Diktatur ohne Diktatoren. Finis Liberte!

Die „Political Correctness“, in den 80er Jahren an amerikanischen Universitäten als sprachliche Übereinkunft zu Fragen der Geschlechterbeziehung und bestimmter Minderheiten entwickelt, hat sich verselbstständigt und führt sich durch ihre penetrant zur Schau gestellte Selbstüberzeugung mehr und mehr ad absurdum, jedenfalls verliert sie an Akzeptanz. Ihre Arroganz ist unerträglich. Dies ist angesichts ihrer durchaus vernünftigen Ausgangsabsicht bedauerlich.
Natürlich ist es begrüßenswert, wenn Gesellschaften sich darauf einigen, sprachliche Diskriminierungen zu unterlassen, ihre Sprache zu sensibilisieren, die Zusammenhänge zwischen sprachlicher Rücksichtnahme und sozialer Kompetenz nicht aus dem Auge zu verlieren. Es gibt ethische, kulturelle und auch sexuelle Kategorien, deren sprachlicher Ausdruck, wird er vernachlässigt, auf ein bestimmtes Weltbild und auf die Wertigkeit bestimmter Verhaltensmuster schließen lassen.

Um in Amerika zu bleiben: „Nigger“ als Bezeichnung für Farbige ist natürlich – und absichtlich – ein brutal diskriminierender Ausdruck aus der Zeit der Sklaverei. Ist es „Neger“ auch? Im Wort „Neger“ steckt eben „negro“, und das heißt spanisch „schwarz“. Korrekt? Ist „Afro-Amerikaner“ wirklich die weniger diskriminierende Bezeichnung für Jemanden, dessen Vorfahren nun schon in der zig-ten Generation in Amerika leben und der mit Afrika so viel zu tun hat wie ein Inuit mit dem Südpol?

Man weiß nicht, was ein „Inuit“ ist? Ein politisch korrekter Eskimo. Und bringt es die Gesellschaft, auch die Romas und Sintis, wirklich weiter, wenn es in hannoverschen Kantinen kein „Zigeunerschnitzel“ mehr gibt, sondern nur noch ein Balkanschnitzel? Und was machen wir denn nun mit der politisch unkorrekten Strauß-Operette „Der Zigeunerbaron?“ Wir streichen sie einfach vom Spielplan. Schade eigentlich. Machen wir die Welt besser, den Umgang der Kulturen miteinander erträglicher, wenn diese schlimm-süße Schaumkugel mit Schokoladenüberzug nicht mehr „Negerkuß“ heißt? „Mann, sind die dick, Mann“ wirbt eine Firma für dieses Naschwerk. Politisch korrekt? Oder verunglimpft sie damit nicht die Adipösen, die Dicken also?

Der Kampf der Korrekten gegen tatsächliche oder vermeintliche Unsauberkeiten in der Sprache ist inzwischen in fast allen westlichen Industriestaaten weit fortgeschritten – soweit, dass Schulbuchverlage inzwischen die wahren Hüter der reinen PC geworden sind. Damit wird das Sprachverhalten ganzer Generationen vorgeformt; ob zum Guten, bleibt mal dahin gestellt. Die amerikanische Schulhistorikerin Professor Diana Ravtich beklagt in ihrem Buch „The Language Police“, dass in amerikanischen Schulbüchern peinlich genau auf PC geachtet, aber ein ganzer Tabukatalog überhaupt nicht behandelt wird – mit der Folge, das „alles ausgemerzt wird, was Kinder zum Nachdenken anregen könnte“ das Wortwissen verkümmere; das Wissen über die Welt werde eingeschränkt. Was wird da in das Leben entlassen – eine politisch korrekt erzogene „Generation doof“? Pavitch weist ausdrücklich auf Orwells „1984“ und das dort beschriebene „Neusprech“ und die „Sprachpolizei“ hin. Ähnlichkeiten sind sicher nicht rein zufällig.


Korrekte Wortwahl


Dabei scheint die Energie, mit der der Kampf um die korrekte Wortwahl betrieben wird, vergeudet zu sein. Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek vertritt in seinen Abhandlungen über die PC und ihre Auswirkungen auf das Funktionieren von Gesellschaften jedenfalls die Ansicht, dass mit der Suche nach Ersatzbegriffen für inkriminierte Worte absolut nichts gewonnen ist, wenn sich mit der geänderten Wortwahl nicht auch die Verhaltensweisen innerhalb der Gesellschaft gegenüber bestimmten Gruppen – vor allem Minderheiten – ändern. Der heutige Exzess der politischen Korrektheit enthülle nur die Unfähigkeit, die tatsächlichen Ursachen zum Beispiel von Rassismus und Sexismus zu überwinden. Die PC verweigere sich dem Realen.

Man könnte auch so sagen: Die politisch korrekt eingesetzte Sprache wird missbraucht als bequemer Rückzugsraum für eine saturierte Gesellschaft, die alles Mögliche im Sinn hat, nur nicht die tatsächliche Integration von Minderheiten oder die Verbesserung der Lebenslagen von Gruppen an ihrem Rande. Motto: Wenn ich die Zigeuner nicht mehr Zigeuner nenne, habe ich für die Roma genug getan. So gesehen wäre die PC inzwischen infolge exzessiver Nutzung und damit fortgeschrittener Abnutzung gesellschaftspolitisch nur noch kontraproduktiv, was im Übrigen auch für das weite Feld des Feminismus in der PC gilt. Als sichtbares Zeichen des Erfolgs bleibt das Binnen-I haften: Da studieren nur noch StudentInnen, in den Behörden brüten BeamtInnen über den Akten und die LehrerInnen versuchen ihren SchülerInnen die Vorzüge der „Political Correctness“ beizubiegen. Das geht alles noch an, wenn man es liest und sich daran gewöhnt hat. Wenn man es sprechen will, wird das schon etwas schwieriger, will man verhindern, dass die ungerechte sprachliche Bevorzugung der Männer in Hörsälen, Behörden, Schulen und überall ersetzt wird durch die ungerechte Bevorzugung der Frauen. Auch ein Schuss in den Ofen, dieses Binnen-I.

Aber mit oder ohne Binnen-I: Man geht mit der Zeit und überlegt es sich deshalb mehrfach, ob man sich politisch korrekt oder normal verhalten will. Nicht nur die Amerikaner, auch die Deutschen haben ihre Tabuthemen und man weiß, was es bedeuten kann, Wahrheiten politisch unkorrekt zu formulieren – man Frage nach bei Thilo Sarrazin, falls man sich noch an ihn erinnert. „Schöne Worte sind nicht wahr, wahre Worte sind nicht schön“, wusste schon der chinesische Philosoph Laotse. Nun weiß man nicht, ob es zu Laotses Zeiten im Reich der Mitte schon politisch korrekt zugegangen ist, oder ob man dort noch reden konnte, wie einem der Schnabel gewachsen war. Aber warum nicht mal in der besinnlichen Zeit über die Chinesen im Allgemeinen und Laotse im Besonderen sinnieren und über die Frage, wie man das zusammenbringen könnte: Sprachsensibilität und die Freiheit, Realitäten zu benennen wie sie sind, über sie nachzudenken wie man will und das dann auch noch zu äußern wie man möchte. Weihnachten, das Fest der Liebe, bringt ja vielleicht die Muße, das zu tun – aber erst, und sei es politisch noch so unkorrekt -, nachdem der Weihnachtsmann da war und am Christbaum die Lichter brennen.

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