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Weihnachts-Orgie der Vernichtung

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svz.de von
erstellt am 08.Dez.2011 | 09:12 Uhr

Ein ziemlich umsatzstarker, ziemlich bekannter Elektrogroßhandel mit M-Alliteration bombardiert uns zurzeit mit der „Weihnachten wird unterm Baum entschieden“-Kampagne. Kernige, vollbärtige Wikingertypen jubeln in die Kamera – natürlich mit Notebook oder LCD-Glotze in Händen. Die Qualität der Aufnahmen: bewusst mies. Unscharf. Grobkörnig. Als hätte Tante Gitti bei der Bescherung mit zittrigen Fingern auf den Auslöser ihrer ein bisschen zu sehr nach Preis ausgewählten Trashkamera gedrückt. Eine klasse Kampagne. Witzig gemacht. Die Seebären-„Models“: absolute Sympathieträger.

Der US-Wirtschaftswissenschaftler Joel Waldfogel gießt allerdings Wasser in den wärmenden „Weihnachten wird unterm Baum entschieden“-Wein. Er teilt den suggestiven Elektromarkt-Optimismus nicht. Im Gegenteil. Waldfogel bezeichnet das Weihnachtsfest als „globale Orgie der Wertvernichtung“. Begründung: Die Beschenkten würden sich vieles von dem, was ihnen unter den Baum gelegt wird, nicht selber kaufen beziehungsweise nicht so viel Geld für ein solches Produkt ausgeben. Mit Käufen für sich selbst erziele ein Mensch eine im Durchschnitt um 18 Prozent höhere Zufriedenheit als ihm Schenkende bescheren.

Im Klartext: Wer jemandem ein Geschenk im Wert von 100 Euro macht, muss damit rechnen, beim Beschenkten gerade einmal eine 82-Euro-Zufriedenheit zu erzielen.

Wie hoch ist die Geschenk-Treffsicherheit?

Joel Waldfogel ergänzt seine Grundthese durch eine Rangliste der Geschenk-Treffsicherheit. Schlusslicht: entfernte Bekannte/Verwandte, die im Regelfall nur eine 75-prozentige Zufriedenheit beim Bescherten erreichen. Weil sie den Geschmack und die Interessen des von ihnen Bedachten kaum kennen. Waldfogels (naheliegender) Tipp: auf Gutscheine ausweichen. Geldgeschenke hält der Wirtschaftswissenschaftler dagegen für „tabuisiert“. Wesentlich besser schneiden Freunde (91-prozentige Zufriedenheit beim Beschenkten), Eltern (97 Prozent) und Geschwister (99 Prozent) ab.

Der Lebenspartner erzielt auf Waldfogels Skala sogar eine 102-prozentige Geschenkzufriedenheit. Da macht die neue Pink-Floyd-Werkausgabe zum Preis von 169 Euro also gleich zu 172,38 Euro glücklich; „Ach, Schatz, wie lieb von dir.“ Waldfogel beschert uns zusätzlich mit einer Typologie des Schenkens. Er hat fünf Arten von Geschenken ausgemacht. Das „Geschenk der Erlaubnis“, bei dem dem Bescherten etwas gekauft wird, mit dem dieser zwar geliebäugelt hat, das er sich dann aber doch nicht leisten mochte. Beim „Geschenk des guten Gewissens“ darf ein Gutschein nur für einen guten Zweck ausgegeben werden. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. Beim „Geschenk der Bevormundung“ wird beispielsweise ein Teenager mit einer Geldanlage bedacht – und nicht mit Bargeld, das er oder sie spätestens am 27. Dezember verbraten würde.

Sympathischer dagegen das „Geschenk der Suche“. Dem Bescherten wird etwas geschenkt, wonach dieser schon lange vergeblich gesucht hat. Das „Geschenk der Erfahrung“ schließlich besticht dadurch, dass der Schenkende, etwa bei einem Buch, weiß, wie wertvoll das Geschenk tatsächlich, jenseits aller Währungseinheiten, ist.

„Gradmesser der Beziehung“ Der Nürnberger Soziologe Holger Schwaier ergänzt Joel Waldfogels Argumentation. Beim Schenken werde „eine Vielzahl von Botschaften und Werten mittransportiert“. Aufmerksamkeit; Liebe; oder ein pädagogoisches An-den-Ohren-Ziehen. Gerade bei Paaren sei, so Schwaier, ein Geschenk ein „Gradmesser der Beziehung“. Der Schenkende könne unter Beweis stellen, dass er nicht nur Zeit und Geld investiert habe, sondern den Beschenkten auch gut kenne. Mögliche Folgen: eine Festigung der Beziehung – oder, bei besonders unpassenden, instinktlosen Präsenten, deren Destabilisierung.

Eine Menge wird „unterm Baum entschieden“

Und in der Tat, wenn der Partner glaubt, einem, nur weil man geschichtsinteressiert ist, mit einem Buch über eine x-beliebige Epoche zwangsläufig eine Riesenfreude machen zu können, dann täuscht er sich. Oder: Fußballbegeistert zu sein, bedeutet nicht, sich automatisch über die Biografie irgendeines Bayern-Lackaffen zu freuen. Und wer Krimis mag, mag deswegen noch lange nicht sämtliche Autoren des Genres. Kurzum: Weihnachten wird vielleicht nicht alles, aber im Einzelfall doch eine ganze Menge „unterm Baum entschieden“.

Nervös machen lässt sich die Mehrheit der Deutschen von dieser Tatsache offenbar nicht. Eine Umfrage hat ergeben, dass sich 86 Prozent der Bundesbürger auf Weihnachten 2011 freuen. Na, dann: 16-mal werden wir noch wach...

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