Vermögen blitzschnell vernichtet

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27. Januar 2008, 06:22 Uhr

Zum Milliardenskandal bei Société Générale schreibt die britische Zeitung Daily Telegraph: "In ihrem Drang, die Profite über die normalerweise möglichen Gewinne durch Einlagen und Kredite hinaus zu steigern, arbeiten die modernen Banken mit Finanzprodukten, die derart komplex sind, dass nur noch einige wenige Genies sie verstehen. Die Profite erwachsen aus kleinen Bewegungen in den Preisen von Währungen, Waren und Anlagen. Wenn die Zahlen in eine günstige Richtung gehen, ist der Lohn stattlich. Andererseits können Vermögen blitzschnell vernichtet werden. Das ist das heutige Bankgeschäft. Es ist wie ein Tag beim Pferderennen oder eine Nacht im Kasino. Es ist wie das Setzen auf rote oder schwarze Zahlen, auf gerade oder ungerade, hohe oder niedrige. Jérôme Kerviel hat dieses Spiel ohne Erlaubnis der Société Générale betrieben. Woanders ist es jedoch längst Unternehmenspolitik." Der liberale Wiener Der Standard befasst sich mit der schwierigen Entscheidungsfindung für die Chefs der Notenbanken in den USA und der EU. Das Blatt schreibt: "In der aktuellen Krise haben beide Zentralbanken seit vergangenem Sommer alles getan, um die bedrohliche Liquiditätsklemme im Interbankenmarkt zu mildern. In ihrem Zinskurs hat die Fed zunächst vorsichtig agiert, weil sie nicht abschätzen konnte, wie sich die US-Konjunktur weiterentwickelt. Als das Ausmaß des Abschwungs offensichtlich wurde, hat sie rasch gehandelt. Ob der Schritt eine Wende einleitet, ist offen, denn Wunder kann auch eine Notenbank nicht vollbringen. Und Kursverluste an den Börsen zu verhindern gehört sicher nicht zu ihren Aufgaben." Die französische Wirtschaftszeitung Les Echos meint: "In den USA wäre in einer solchen Situation ein Wechsel des Präsidenten der Bank unvermeidlich gewesen. Im Fall der Société Générale wird die wahrscheinliche Sanktion der Verlust ihrer Unabhängigkeit sein. Sie ist im Markt destabilisiert, und ihre Aktien haben in den letzten sechs Monaten 40 Prozent ihres Werts verloren. In einer Bankenlandschaft, die durch die amerikanischen Missgeschicke der Hypothekenkrise erschüttert und neu geordnet wird, steht sie als Beute da. Wenn ihre langjährige Konkurrentin BNP Paribas nicht zugreift, könnte es eine andere Großbank in Europa tun, beispielsweise die italienische UniCredit." Die konservative Pariser Zeitung Le Figaro schreibt: "Wie konnte diese hochangesehene und seriöse Bank Société Générale an einem Wochenende durch die Schuld eines jungen Aktienhändlers fast in die Katastrophe stürzen? Diese unglaubliche Affäre verstärkt das Misstrauen, das seit dem Beginn der Krise auf dem US-Hypothekenmarkt den Ruf der Finanzwelt ruiniert. Die gegenwärtigen Turbulenzen an den Börsen zeigen, dass die Maschine sich langsam der Kontrolle ihrer Lenker entzieht. Die Börsenaufsicht sollte ihre Instrumente den Erfordernissen der modernen Finanzwelt anpassen. Und die Banker sind dringend aufgerufen, ihre Kontrollsysteme für riskante Geschäfte drakonisch und ohne Kompromisse aufzurüsten, um nicht auch eines Tages ein solches tragisches Missgeschick wie die Société Générale zu erleiden."

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