"Rührei darf 2,02 Euro kosten"

Das A-JA Hotel in Rostock-Warnemünde ist eine 100-prozentige Tochter der Deutschen Seereederei (DSR), die in den Bau 43 Millionen Euro investierte. Foto: Bernd Wüstneck
Das A-JA Hotel in Rostock-Warnemünde ist eine 100-prozentige Tochter der Deutschen Seereederei (DSR), die in den Bau 43 Millionen Euro investierte. Foto: Bernd Wüstneck

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04. Mai 2013, 12:28 Uhr

Mit der erfolgreichen Etablierung der Urlaubsmarken AIDA auf den Meeren und A-Rosa zu Lande und auf Flüssen hat der Hamburger Unternehmer Horst Rahe in den letzten zwei Jahrzehnten den deutschen Touristikmarkt kräftig aufgemischt. Die Eröffnung des ersten A-JA-Hotels Ende März in Rostock-Warnemünde lässt die Fachwelt und Konkurrenz erneut aufhorchen. Thomas Schwandt sprach mit dem 73-jährigen Geschäftsführenden Gesellschafter der Deutschen Seereederei GmbH.
Die Hotellerie nicht nur in MV staunt über das neue A-JA-Hotel. Die moderne Herberge gleich hinter der Düne in Warnemünde erreicht vom Start weg eine Auslastung von 75 Prozent. Ein hoher Branchenwert. Sind Sie überrascht?
Nein, ganz und gar nicht. Ich erwarte für die erste Saison sogar 90 Prozent.

Worauf gründet sich diese optimistische Annahme?
Bei der Entwicklung von A-JA haben wir nichts dem Zufall überlassen. Sechs Jahre intensive Vorarbeit und zehn Millionen Euro stecken im Konzept.

Herausgekommen ist ein teures Hotel, aber günstig, wie es in einem A-JA-Slogan heißt. Der Gast zahlt in bester Lage mit Meeresblick nur 39 Euro pro Übernachtung und Person. Da reibt sich die Konkurrenz verwundert die Augen? Wie rechnet sich dieser Widerspruch?
Das ist kein Widerspruch, und es rechnet sich. Weil wir im Touristikgeschäft vom Menschen her denken. Was will er, was kann er zahlen? Es steht doch nirgends in Stein gemeißelt, dass Spa- und Wellnessurlaub wie bisher nur in Vier- und Fünf-Sterne-Hotels angeboten wird und damit nur für 20 Prozent der Bevölkerung erschwinglich ist. Unser klares Ziel ist ein bezahlbares und breites Angebot für die anderen 80 Prozent.
Und was wollen diese 80 Prozent?

Grundlage unserer Ideen und Überlegungen ist eine extrem detaillierte Marktanalyse gewesen. Wir haben 20 000 Menschen penibel befragt, was sie bereit sind, für den Urlaub zu bezahlen, was sie sich zur Erholung wünschen. Zu welchen Zeiten sie zum Beispiel am liebsten ins Schwimmbad gehen, was sie bevorzugt essen. Die Menükarte im A-JA-Resort gleicht einer Hitliste der Deutschen liebsten Gerichte.

Welche bemerkenswerten Ergebnisse hat die Mega-Umfrage gebracht?
Die Leute sind zum Beispiel bereit, für eine Woche All-inklusive-Urlaub maximal 500 Euro zu bezahlen. 95 Prozent würden auf entsprechende Angebote auch in Deutschland eingehen. Beim Zimmerpreis halten 89 Prozent der Befragten maximal 69 Euro pro Nacht und Person für akzeptabel. Eines der bemerkenswertesten Ergebnisse war, dass eine Portion Rührei in Deutschland durchschnittlich 2,02 Euro kosten darf.

Das sind nicht die Preise in Vier- und Fünf-Sterne-Hotels. Trotzdem bewegt sich die Ausstattung der 233 Zimmer und des Spa-Bereichs im A-JA-Resort auf hohem Sterne-Niveau. Sie sind nicht bekannt dafür, dass Sie Geld aus dem Fenster werfen…
Seit fast einem halben Jahrhundert bin ich unternehmerisch aktiv. Geld verdienen ist das untrügerische Barometer für den Erfolg. Ich will immer gewinnen, dieser Ehrgeiz hat mich schon in meinen Jugendtagen beim Sport angetrieben. Da ich mit der Innovation A-JA letztendlich Gewinn machen möchte, muss ich mir also Gedanken machen, wo dieser herkommen kann.

Zu welcher Erkenntnis sind Sie gelangt?
Das Konzept A-JA ist mir nicht morgens unter der Dusche eingefallen. Dazu ist das Hotelgeschäft zu komplex. Am Anfang steht die grundsätzliche Frage, was ist preisbildend. Ein Ansatz war, die Kosten in den hotelinternen Betriebsabläufen spürbar zu senken. Ein neues IT-System wurde entwickelt. Für die Energieversorgung nutzen wir ein eigenes Blockheizkraftwerk. Zusammen mit einem renommierten Designer haben wir stylische, aber auch sehr strapazierfähige und damit langlebige Möbel kreiert. Die verwendeten Stoffe werden sonst nur in der Flugzeugindustrie eingesetzt. Auch dadurch gelang es, die Reinigungskosten pro Zimmer auf ca. vier Euro zu senken. Üblich sind sonst zwölf Euro.

Beim Kostensenken dreht das Beherbergungsgewerbe gern und zuerst an der Personalkostenschraube. Wie war das beim A-JA-Konzept?
In der höheren Hotellerie sind 30 bis 40 Prozent Personalkostenanteil üblich. Wir haben es im A-JA-Hotel geschafft, durch eine effiziente Betriebskostenstruktur den Anteil der Personalkosten auf 20 bis 22 Prozent zu drücken. Auch weil wir unsere Gäste in Betriebsabläufe mit einbinden. Bei uns holen sich die Urlauber den Hummer lieber selbst vom Büfett, als sich vom noblen Kellner die Wiener Würstchen servieren zu lassen. Der Verdienst der 90 Mitarbeiter im A-JA ist übrigens im oberen Drittel der branchenüblichen Löhne in Mecklenburg-Vorpommern angesiedelt.

Als das erste AIDA-Schiff 1996 in Fahrt ging, gab es viel Skepsis in der Touristikbranche. Diese Begleitmusik ist auch beim ersten A-JA-Resort zu vernehmen. Wie unbeirrt sind Sie für die Zukunft von A-JA?
AIDA hatte anfangs 65 Prozent Auslastung, heute sind es 103 Prozent. Wir planen zunächst die Errichtung von insgesamt zwölf A-JA-Resorts. Nicht nur am Meer, auch in den Bergen und anderen attraktiven Ecken Deutschlands. Wir gehen dahin, wo die Menschen gern Urlaub machen. Wobei wir Gebiete bevorzugen mit heute schon mindestens 500 000 Übernachtungen pro Jahr, da wir auf eine vorhandene und funktionierende touristische Infrastruktur setzen.

Sie beschleicht niemals die Angst, zu hohes Risiko einzugehen?

In meinem allerersten Job bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft hat mir mein damaliger Chef beigebracht, es geht alles, es ist immer nur eine Frage des Preises. Auf dieser Basis lässt sich unternehmerisches Risiko bei Innovationen gut kalkulieren. Leider wird das in Deutschland nicht überall begriffen. Großbanken sind zum Beispiel sehr restriktiv bei Finanzierungen, weil neue Ideen naturgemäß keinen Branchendurchschnitt abbilden und so die gewohnte schematische Kreditrisikobewertung erschweren. Ergebnis ist eine latente Innovationsunfreundlichkeit.

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