zur Navigation springen
Meinung

19. November 2017 | 00:38 Uhr

Gauck und die Wut der Opfer

vom

svz.de von
erstellt am 19.Feb.2013 | 10:08 Uhr

Plötzlich wird der Empfang im Schloss Bellevue für einen Augenblick zu einer Demonstration: Ismail Yozgat streift seinen Pullover ab, unter dem er ein Plakat mit dem Bild seines Sohnes Halit verborgen hatte. Der Vater des von den Neonazi-Mördern der Terrorzelle NSU getöteten Mannes kämpft dafür, dass die Straße in Kassel, in der er getötet worden war, nach ihm in Halit-Straße umbenannt wird – bisher vergeblich.

Ein Moment der Verzweiflung, der Wut und tiefer Trauer, der auch den Bundespräsidenten bewegt. Joachim Gauck hat die Angehörigen der NSU-Mordopfer zu einem Gespräch eingeladen, will zuhören, sich informieren – knapp ein Jahr nach der bewegenden Trauerfeier im Konzerthaus auf dem Berliner Gendarmenmarkt. Zwei Stunden lang noch einmal „Erinnerungen an den Schmerz und das Leid“, wie es das Staatsoberhaupt formuliert.

„Auch ich war erschrocken darüber, welche Fehler in mancher Behörde möglich waren“, sagt Gauck und appelliert an seine Gäste, nicht den Glauben an den Rechtsstaat zu verlieren. „Ich will, dass Sie neues Vertrauen fassen können.“ Mithelfen wolle er, dass das Leid der Opferfamilien wahrgenommen und anerkannt, dass die Aufklärung weitergehe. „Ich werde tun, was ich kann, dass unser Land – unser gemeinsames Land! – nicht vergisst, was geschehen ist!“, verspricht er.

Zuhören, Trost spenden, Hilfe anbieten – die Angehörigen hätten über ihre Lebensgeschichten, ihr Schicksal und die schwierige Zeit nach den Morden gesprochen. Bewegend und äußerst intensiv seien die Schilderungen hinter verschlossener Tür gewesen, heißt es hinterher aus dem Präsidialamt. Dabei hatte es im Vorfeld Misstöne und Absagen gegeben. Sie wolle Taten statt Betroffenheitsrhetorik hatte Aysen Taskröpü, die Schwester eines Mordopfers, ihre Absage begründet: „Glauben Sie, es hilft mir, wenn Sie betroffen sind?“, schrieb die 38-jährige Schwester des von der rechtsexremistischen Terrorzelle NSU 2001 in Hamburg ermordeten Süleyman Tasköprü in einem Brief an Gauck. Die Familie des Opfers hatte die späte Einladung des Staatsoberhauptes ausgeschlagen.

Ein kleiner Eklat und heftige Kritik vor dem Treffen. Lange hatte sich Gauck mit der Einladung Zeit gelassen, einen solchen Termin noch im Herbst zunächst abgelehnt, als die Türkische Gemeinde Deutschlands darum gebeten hatte. Der Frust über die Pannenserie bei den Ermittlungen und die mangelhafte Aufklärung ist nicht nur bei den Angehörigen der Opfer groß.

Wie konnte das alles jahrelang geschehen? Warum blieben die Täter jahrelang unentdeckt, folgten die Ermittler immer wieder falschen Spuren? Der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU), eine rechtsextremistische Terrorgruppe, soll von 2000 bis 2007 zehn Morde in Deutschland mit ausländerfeindlichem Hintergrund verübt haben. Acht Opfer stammten aus der Türkei. Das Tätertrio war erst 2011 entdeckt worden. Mitte April soll der Prozess gegen die mutmaßliche Mittäterin Beate Zschäpe und vier weitere Helfer der Gruppe beginnen.

Bundespräsident Gauck versucht Mitgefühl und Trost zu spenden: „Sie alle haben erlebt, wie sich von einem Tag auf den anderen das ganze Leben verändert. Sie hätten Trost und Unterstützung gebraucht. Stattdessen sind Sie verdächtigt, gedemütigt und allein gelassen worden“, beklagt das Staatsoberhaupt und gibt ein klares Bekenntnis zu Toleranz und Weltoffenheit. „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“, erinnert der Präsident an das oberste Grundrecht und sagt: „Diese Sätze in unserem Grundgesetz sind an keine Bedingung geknüpft – an keine Herkunft, keine Hautfarbe, keinen Pass, an keinen Glauben, keinen bestimmten Lebenswandel.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen