Umfrage : Die neue "German Angst" heißt Euro-Krise

23-48149674.jpg

Die Angst hat einen neuen Namen: Euro-Krise. Seit 20 Jahren haben sich die Deutschen nicht mehr so vor etwas gefürchtet wie vor der Rechnung, die durch schwächelnde EU-Staaten auf den Steuerzahler zukommen könnte.

von
07. September 2012, 10:35 Uhr

Die gern zitierte "German Angst" hat einen neuen Namen: Euro-Krise. Seit 20 Jahren haben sich die Deutschen nicht mehr so intensiv vor etwas gefürchtet wie vor der dicken Rechnung, die durch schwächelnde EU-Staaten auf den heimischen Steuerzahler zukommen könnte. Diese depressive Stimmung hat eine repräsentative Umfrage der R+V Versicherung zu den Ängsten der Deutschen herausgefiltert, die am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Der Pessimismus hat für Politologen und Psychologen aber einen guten deutschen Kern: knallharten Realismus in Sachen Finanzen. Seit 1992 lässt die Versicherung jedes Jahr rund 2500 Deutsche ab 14 Jahren von Meinungsforschern zu ihren Sorgen und Ängsten befragen. Danach nahm die "German Angst" in den vergangenen Jahren tendenziell eher ab.

Nun zeigt sich ein gespaltenes Bild. Auf der einen Seite gibt es die tiefe Besorgnis über die Folgen der Euro-Krise und die Zukunft der Wirtschaftskraft Deutschlands. Befeuert wird sie von einem Misstrauen gegenüber den Politikern, die über die Hälfte der Deutschen (55 Prozent) inzwischen für überfordert hält. Noch deutlicher aber ist die Furcht (60 Prozent) vor einem zusätzlichen Missmanagement in Brüssel und EU-Beschlüssen zulasten Deutschlands - Stichwort Euro-Bonds oder Ankauf weiterer Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank.

Auf der anderen Seite zeigen die Deutschen eine viel größere Gelassenheit in persönlichen Fragen wie Jobsicherheit oder Krankheiten. Darüber macht sich trotz der wachsenden demografischen Schieflage nur knapp ein Viertel der Deutschen Sorgen. Experten werten das schlicht als Verdrängung. Dass die Ängste um Wirtschaft, Finanzen und Politik alles überschatten, wundert Politologen wie Manfred Schmidt von der Heidelberger Ruprecht-Karls-Universität nicht. Für ihn spricht daraus ein gesunder Realismus, der sich auf Erfahrungen stützt. Für die Angst vor Preissteigerungen, seit Jahren eine der größten Ängste der Deutschen, reicht der Blick an die Zapfsäule.

Der Wunsch nach wirtschaftlicher Stabilität sei in Deutschland stärker ausgeprägt als in vielen anderen Ländern, erläuterte Schmidt. "Dahinter steckt eine intensive Angst vor Inflation." Diese Sorge sei auch historisch bedingt - durch lebendige Erinnerungen an die Hyperinflation der 1920er-Jahre und die Währungsreform von 1948. Das Bewusstsein, dass ein solcher Schnitt vor allem Menschen mit geringem und mittlerem Einkommen die Existenz vernichten kann, sei im Langzeitgedächtnis der Nation tief verwurzelt. Viel nachhaltiger zumindest als zum Beispiel der 11. September 2001. Denn vor Krieg und Terror fürchten sich die Deutschen deutlich weniger als früher. Sogar die Angst vor Kriminalität rangiert mit 22 Prozent auf dem vorletzten Platz. Spannungen durch Ausländer machen dagegen 41 Prozent der Deutschen Angst.

Gesunken ist die Angst, den Job zu verlieren. Peter Walschburger, Psychologe an der Freien Universität Berlin, hält auch das für Realismus. "Die Arbeitslosenzahlen in Deutschland sind ja wirklich spürbar gesunken", sagt er. Dazu komme ein Effekt, der "Selbststabilisierung" heiße: Für die eigene Psyche sei es besser, andere als bedroht zu betrachten als sich selbst. Deshalb liege die Furcht vor allgemeiner Arbeitslosigkeit mit 39 Prozent auch höher, als das eigene Risiko arbeitslos zu werden, eingeschätzt wird (32 Prozent). Beim Blick in die Zukunft unterscheiden sich die Deutschen von den Briten oder US-Amerikanern, sagt Walschburger. "Wir bleiben näher an der Wirklichkeit und neigen zu einer geringeren kollektiven Selbstüberschätzung unserer Leistungsfähigkeit."

Im Ausland werde das oft als pessimistische Zögerlichkeit interpretiert. Selbst wenn die Deutschen am Ende triumphierend Recht behielten, nutze ihnen das wenig. Denn dann werde ihnen Oberlehrer-Verhalten unterstellt. Und den Deutschen selbst verschaffe ihre realistische Haltung einen gedämpften Blick auf die Welt - was auch nicht wirklich glücklich macht. Für Walschburger lässt sich dieser Zwiespalt am besten durch Balance lösen: zwischen einer optimistischen Weltsicht, die Unternehmungslust befördert - und einer Realismus-Bremse, die fatale Selbstüberschätzung verhindert.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen