Der Schatten Kyotos

von
07. Dezember 2009, 07:12 Uhr

Vor kaum einem internationalen "Gipfel" ist in der jüngeren Vergangenheit der Erwartungsdruck so hoch gewesen, wie vor der heute beginnenden Welt-Klimakonferenz in Kopenhagen. Die Expertenprognosen sind düster, die Mahnungen der Umweltschützer eindringlich: Wenn in der dänischen Hauptstadt nicht Wegmarken gesetzt werden, die rasch und mit tiefgreifender Wirkung den weltweiten Ausstoss an Treibhausgasen reduzieren, hinterlassen wir den nächsten Generationen eine Erblast mit massiven negativen Folgen für den Lebensalltag. Während nach dem Asean-Treffen im vergangenen Monat noch Pessimusmus mit Blick auf Kopenhagen regierte, hat die neue Reiseplanung von US-Präsident Barack Obama nun über das Wochenende viele Zweifler aus ihrem Depressionstal gerissen. Einmal mehr taugt das "Yes we can"-Image des Wahlsiegers als Zündfunke für große Hoffnungen - übertriebene Hoffnungen, legt man die Bewertungen zugrunde. Denn mit den aus europäischer Sicht enttäuschenden Minimalzielen, die Obama im Koffer mit nach Kopenhagen bringen wird, läßt sich selbst dann keine wirklich fühlbare Wende in den nächsten 40 Jahren erreichen, wenn andere Groß-Verschmutzer wie China oder Indien in diesem bescheidenen Rahmen mitziehen sollten. Gerne wird in der EU vergessen, dass China und die USA allein für 40 Prozent der globalen klimaschädlichen Emissionen stehen. Selbst wenn sich Obama entschließen sollte, mit ehrgeizigeren als den bisher bekannten Reduktionszielen in Kopenhagen aufzutreten - über jedem dort geschlossenen Vertrag liegt zunächst erst einmal der Schatten von Kyoto. Obama ist zwar in seiner Umweltpolitik wesentlich glaubwürdiger als sein Vorgänger George W. Bush, was sich an innenpolitischen Initiativen gut ablesen läßt. Doch auch Obama kennt das Schicksal Bill Clintons, der einst das Kyoto-Protokoll unterschrieb, nur um dann bei der Absegnung auf dem Kapitol auf Granit zu beißen. Erschwerend wird sich auswirken, dass viele in den USA Umweltbeschränkungen als Hindernis bei der Rezessionsbekämpfung ansehen. Gut also, dass Obama vor zu hohen Erwartungen gewarnt hat: Führungsstärke auf der Weltbühne kann nur soweit reichen, wie es die politischen Realitäten zuhause zulassen. Das sollte auch Europa bedenken, wenn es den Hoffnungsträger am Tag nach Kopenhagen beurteilt.

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