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Meinung

25. September 2017 | 11:57 Uhr

Auslaufmodell Auto?

vom

svz.de von
erstellt am 17.Nov.2011 | 11:45 Uhr

Natürlich ist es ein rein psychologischer Effekt. Ein Neuwagen für weniger als 10 000 Euro. Nicht von Dacia oder Kia, nein, von VW. Volkswagen prescht mit dem "Up" mit Vollgas ins Kleinwagensegment vor. Länge: 3,54 Meter (28 Zentimeter kürzer als der "Polo"). Breite: 1,64 Meter. Parklückenfreundlich. VW-Vorstandssprecher Martin Winterkorn bringt die Motive für die "Up"-Geburt auf den Punkt: "Allein in Westeuropa wird der Kleinwagenmarkt bis 2016 um über 20 Prozent wachsen." Volkswagen will dabei sein und gegenüber der Konkurrenz durch mehr Platz im Innen- und Kofferraum punkten. Schon bald soll der "Up" nicht nur mit Dreizylinder-Benzinmotor, sondern auch als Erdgas- und Elektromodell angeboten werden.
Ja, ja, die Antriebsarten. Leser der Autoseiten werden schon seit Jahren mit der Debatte über Elektromotoren, Biogasmodelle, Brennstoffzellen und Hybridantrieb beglückt. Marktreif wirkt - leider Gottes - noch keine der Alternativlösungen. Selbst die wohl vielversprechendste Variante, das Elektro-Auto, schreckt durch hohe Anschaffungskosten, dürftige Reichweiten und ein zu löchriges Netz an Ladestationen ab. Trotzdem steht außer Frage, dass der klimaschädliche Verbrennungsmotor seine Zukunft längst hinter sich hat.
Fahrrad ist Fortbewegungsmittel der Zukunft - doch nicht überall
Nicht wenige Experten (und Lobbyisten) gehen sogar noch einen Schritt weiter. Sie setzen nicht auf neue, umweltfreundlichere Antriebssysteme, sondern auf eine Abkehr vom Pkw. "Das Auto in Privatbesitz, das über 23 Stunden täglich ein Stehzeug ist, wird zum Auslaufmodell", verkündet Gerd Lottsiepen. Er ist allerdings auch Verkehrspolitischer Sprecher des ökologischen Verkehrsclubs VCD. Lottsiepen legt nach: "Mobilität wird sich in Zukunft nicht an der Zahl der zurückgelegten Kilometer, sondern an der Qualität der Ortsveränderungen bemessen." Mobilität werde "multimodal". "Die Abhängigkeit vom eigenen Auto nimmt ab, die Freiheit nimmt zu." Bemerkenswerte Worte, wenn man bedenkt, dass viele Bundesbürger den privaten Pkw immer noch als Inbegriff individueller Mobilität betrachten: fahrplanunabhängig, jederzeit verfügbar, zuverlässig, schnell. Doch Gerd Lottsiepen erklärt den Fahrradverkehr zum "eindeutigen Gewinner der Gegenwart". Wer jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, sollte zumindest bedenken, wie sehr sich auch die Fahrradtechnik weiterentwickelt hat: "Unplattbare" Reifen; endlos viele Gänge; zuschaltbare Elektromotoren. Dazu die Standard-Pro-Argumente: keine Staus - und Kalorienverbrauch und frische Luft gratis obendrauf. Kein Zweifel, das Fahrrad ist der Sympathieträger unter den Fortbewegungsmitteln des 21. Jahrhunderts.
Dennoch wäre es verfehlt, nun gleich in Zweirad-Enthusiasmus zu verfallen. Man ist als Fahrradfahrer Wind und Wetter ausgesetzt, und nicht jeder kann es sich von Berufs wegen erlauben, verschwitzt und/oder nassgeregnet zum Dienst zu erscheinen. Fahrradabsolutisten vergessen, dass die Republik nicht nur aus Schülern, Studenten und ledigen Grundschullehrerinnen besteht, die allesamt kurze Strecken ohne nennenswertes Gepäck zurücklegen müssen. Eine Mutter mit Karre und Babyschale oder ein Malergeselle, dem der Meister sieben Farb eimer und eine Leiter mitgegeben hat, werden nicht zwingend "Hurra" schreien, wenn man ihnen die Fortbewegung auf zwei Rädern schmackhaft machen möchte. Auch der öffentliche Nahverkehr ist, gerade in einem Flächenland, nicht immer die Lösung. Allerdings muss man der Bahn bescheinigen, ihre Bezahlsysteme konsequent modernisiert zu haben. Andererseits bleibt das Tarifzonen- und Fahrplangewirr einigermaßen intransparent; und das schlagende Argument, die Reisezeit mit Lesen oder Arbeiten am Rechner nutzen zu können, wird dadurch entkräftet, dass man Pech bei der "Auswahl" seiner Sitznachbarn haben kann. Pubertierende, mit Nachos und leeren Eisteedosen werfende Schülerhorden, Psychopathen oder angetrunkene "Ultras" auf dem Weg zum Auswärtsspiel; eine Bahnfahrt kann zum Höllentrip werden.
Carsharing als modernes Mobilitätskonzept
Doch die Mobilitätskonzepte des 21. Jahrhunderts haben auch hier eine - allerdings weniger umweltfreundliche - Alternativoption zu bieten. Carsharing. Nach Angaben des Bundesverbandes Carsharing ist die Zahl der Autofahrer, die sich mit anderen einen Wagen teilen, in den vergangenen zwölf Monaten um satte 20 Prozent gestiegen. Die aktuelle Zahl von 190 000 Carsharing-Nutzern mag noch nach einem sehr zarten Pflänzchen klingen. Technische Verfeinerungen erleichtern und flexibilisieren die Carsharing-Idee allerdings ständig weiter, und führende deutsche Automobilhersteller wie Daimler, BMW und VW sind mittlerweile ins Carsharing-Geschäft eingestiegen. Nach dem Motto: Wenn schon 80 Prozent der jungen Städter meinen, dass sie kein eigenes Auto brauchen, dann sollen sie den Elektro-"Smart", den "Blue-Motion-Golf" oder den "Mini" wenigstens mieten. Eine Ergänzung durch andere Fortbewegungsmittel, der sogenannte Modal Split, ist fester Bestandteile der modernen Mobilitätskonzepte.
Doch so innovativ und ökologisch lobenswert all diese Ansätze auch sind: Letztlich bleibt abzuwarten, wie der Markt jenseits besonders aufgeschlossener, experimentierfreudiger Kundensegmente auf all die Neuerungen reagiert. Der Verbraucher entscheidet. Er hat das letzte Wort. Und auch wenn beispielsweise in Hamburg das System des Fahrradverleihs im Innenstadtbereich zu einer Erfolgsgeschichte geworden ist, sollte man solche Modelle nicht immer gleich als Patentrezept verabsolutieren. Wie gesagt: In einem Flächenland gelten andere (Markt-)Gesetze. Von Ahlbeck nach Zarrentin per Rad? Bei Schneeregen? Wohl kaum. Vor allem aber wird in der von Fahrradclubfunktionären und Grünen-Politikern dominierten Debatte ein entscheidender Aspekt - wie so oft - ausgeblendet. Die Damen und Herren mögen von Literaturwissenschaften, Sozialpädagogik und Schadstoffemissionen viel verstehen. Von wirtschaftlichen Aspekten, von Standortfragen verstehen sie im Regelfall rein gar nichts. Und dass der Modal Split den Bedürfnissen der Wirtschaft entspricht, darf man getrost bezweifeln. Man muss es sogar. Leider.

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