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Heinrich Seidel Kopfarbeiter mit Geduld

Von Jürgen Seidel | 09.06.2017, 13:26 Uhr

Der Schriftsteller Heinrich Seidel trug seine Geschichten lange mit sich herum – und hatte am eigentlichen Aufschreiben wenig Freude

Es gibt Schriftsteller, die schreiben schnell. Und es gibt Schriftsteller, die schreiben langsam, mitunter sehr langsam. Heinrich Seidel gehörte offenbar zur letzteren Sorte. Sein ältester Sohn, Heinrich Wolfgang Seidel, schreibt dazu in seinem aufschlussreichen, erstmals 1912 erschienenen Buch „Erinnerungen an Heinrich Seidel“: „Mein Vater arbeitete langsam. Man hat ihm gelegentlich vorgeworfen, daß er sich so viel Zeit lasse, selbst auf die Gefahr hin, durch mangelnde Produktion in äußere Schwierigkeiten zu geraten. Wenn man ihn fragte, wie weit gewisse Pläne Gestalt gewonnen hätten, pflegte er zu antworten: ,Nun – es kristallisiert sich so allmählich heran; wir wollen noch ein paar Jahre warten!‘“, berichtet der Sohn.

Von ihm erfahren wir auch, dass sein Vater seine Geschichten erst lange im Kopf bedachte. Der Autor selbst bemerkte dazu in einem kurzen autobiographischen Text: „Ich bin ein Kopfarbeiter, und viele meiner Erzählungen habe ich fünfzehn Jahre und länger mit mir herumgetragen, bis sie endlich reif und fertig waren. So kommt es, daß immer eine ganze Anzahl von Geschichten in meinem Kopfe friedlich beisammen wohnen und langsam heranwachsen, bis sie mir durch die lange Bekanntschaft wie eigenes Erlebniß vorkommen ... Das Aufschreiben macht mir wenig Vergnügen... Im Geiste stand mir Alles viel schöner vor Augen, und da die eigentliche Schaffensarbeit gethan ist, so verläßt mich beim Niederschreiben niemals ein Gefühl der Unzulänglichkeit... “, gestand der heute vor allem als Autor des „Leberecht Hühnchen“ bekannte Schriftsteller.

Der erste Teil dieser erst später zu einem Buch zusammengefassten Prosaidylle erschien erst Anfang der 80-er Jahre des 19. Jahrhunderts. Da hatte sich Seidel gerade von seinem bisherigen Ingenieursberuf verabschiedet und war mehr oder weniger freiwillig und voller Zweifel unter die freien Schriftsteller gegangen. Und das Leben schien seinen Zweifeln recht zu geben. Anfangs fanden seine Bücher kaum Absatz. Sie lagen bei den Verlegern wie Blei. Keine gute Situation für einen Schriftsteller, dessen Herz nach eigenen Worten „immer nur bei meiner poetischen Thätigkeit gewesen“ war.

Alles begonnen hatte übrigens bereits im Juni 1864, als die erste Prosaarbeit Seidels erschienen war – ein „Sommermärchen“. Er hatte sein erstes Buch noch in Güstrow zu einer Zeit in die leeren Räume eines fast gefüllten Notizbuches geschrieben, „da da auf dem Bureau einmal wenig zu thun war“.

Aber Seidel hatte literarisch noch viel zu lernen, ehe er zu Erfolg kam. Eine wichtige Gelegenheit dazu bot sich ihm nach seinem Umzug nach Berlin, wo der künftige Ingenieur die königliche Gewerbeakademie besuchte und durch seinen ebenfalls aus Mecklenburg stammenden Lehrer, den Professor für Kunstgeschichte Friedrich Eggers, in den literarischen Sonntagsverein „Tunnel über der Spree“ eingeführt wurde. Zu seinen besten Zeiten hatte zu dessen bedeutendsten Mitgliedern Theodor Fontane gehört. Seidel dürfte im „Tunnel über der Spree“ wertvolle Anregungen für sein Schreiben erhalten haben. Eine Art väterlicher Freund und wichtiger literarischer Mentor war kein Geringerer als Theodor Storm. Dieser machte einen anderen berühmten Schriftsteller auf Seidel aufmerksam – den Schweizer Gottfried Keller. Und der urteilte über Seidels schriftstellerische Fähigkeiten sehr freundlich: Er sei jemand, der „ ... auch was Rechtes kann und gut geschriebene kleine Geschichten macht“, so Keller. Allerdings gab es auch Kritik. So forderte Theodor Storm Heinrich Seidel immer wieder auf, tiefer und konfliktreicher zu schreiben. Aber gerade das wollte und konnte er offenbar nicht: „...meine Erzählungen sind zum Theil entstanden aus Träumereien... Was meine Helden erlebten, hätte ich selber gern erlebt, und da ich es nicht haben konnte, schrieb ich es mir, wie man beim Subtrahieren sagt: „Hab’ ich keinen, borg’ ich mir einen.“

Und das dürfte auch ein nicht unwesentlicher Grund sein, weshalb Seidels literarischer Ruhm nach einem spürbaren Publikumserfolg zwischen dem Ende der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts und dem Anfang des 20. Jahrhunderts langsam wieder verblasste. Das ist zumindest für seine Märchen schade, sehr schade. Zumindest diese poetischen Texte sollte man auch heute wieder mal zur Hand nehmen, speziell sein zauberhaftes Märchen „Prinzessin Zitrinchen“. Es lohnt sich.