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Schrecken der Nazizeit Ein Mann, der durch die Hölle ging

Von SVZ | 11.12.2013, 19:10 Uhr

Was hätte aus dem jungen Hans-Jürgen Soldin, der lyrisch überaus begabt war und seine Heimatstadt Ludwigslust in den schönsten Worten beschrieb, nicht alles werden können. Doch grausame Jahre lagen vor dem 1920 geborenen Ludwigsluster.

Am 20. Mai 2011 starb Hans-Jürgen Soldin, der Mann, der durch die Hölle ging und so zu dem wurde, was er war, in Gernrode.

Wie durch ein Wunder überlebte Hans-Jürgen Soldin. Amerikanische Truppen befreiten den halb Verhungerten im April 1945. Von der Besatzungsmacht zunächst als Polizist eingesetzt, stellte sich Hans-Jürgen Soldin von Anfang an dem Wiederaufbau im Kreis Quedlinburg zur Verfügung. 1955 wurde er zum Bürgermeister von Gernrode gewählt.

Am Montag, dem 17. Dezember 1943, gegen 11.25 Uhr, explodierte eine Füllstation im Betriebsteil „Tor I“. Das gesamte Gebäude flog in die Luft. Obwohl Hans-Jürgen Soldin als Dienstverpflichteter in „Tor II“ damit nichts zu tun hatte, wurde er wegen der häufigen Detonationen „seiner“ Presse der Sabotage bezichtigt. Trotz brutalster Verhörmethoden konnte die Gestapo Hans-Jürgen Soldin keine Sabotage nachweisen, stattdessen erhielt er die Aufforderung, sich in Parchim zu melden. Dort wurde er am 27. November 1944 verhaftet und mit anderen Mecklenburgern in einem Güterwaggon über Ludwigslust, Wittenberge, Stendal und Magdeburg nach Neu-Staßfurt, einem Außenlager des KZ Buchenwald, gebracht.

Hans-Jürgen Soldin erinnert sich: „Wenn also die Füllungen der Munition durch das Aushaken der Apothekerwaage unterschiedlich waren, konnte man im Prinzip keinem einen Vorwurf machen. Die primitive Anzeige konnte dies gar nicht registrieren. Dadurch erfolgte eine Gewichts- und Druckverlagerung beim Pressen, das Knirschen während des Pressens überhörte ich stets und folgerichtig wurde dieser Körper, der eine Überdosis an Pulver erhielt, sodass dadurch eine zu starke Dichte entstand, beim Ausstoß durch die zu hohe Reibung zur Detonation gebracht“.

Nach Deutschland zurückgekehrt, musste sich Hans-Jürgen Soldin wieder zur weiteren Dienstverpflichtung in der Munitionsfabrik Dömitz melden. Hier wohnte er in dem in der Nähe liegenden Bereitschaftslager, diesmal im Haus 58, zusammen mit bis zu 3000 deutschen Frauen und Männern, weiblichen Arbeitsdienstlern, Zwangsarbeitern aus Frankreich, den Niederlanden und der Tschechoslowakei, Frauen aus Hamburger Zuchthäusern und nach dem Überfall auf die Sowjetunion Zwangsdeportierten.

Diese Tortur währte nicht lange. Hans-Jürgen Soldin erhielt den Gestellungsbefehl zum Reichsarbeitsdienst und musste am 20. März 1940 in Waren/Müritz antreten. Für den bevorstehenden Fronteinsatz in Frankreich gedrillt, wurde die Einheit nach Eröffnung des Feldzuges im Mai 1940 zunächst nach Lille verlegt und sollte an der Invasion Englands teilnehmen. Diese scheiterte.

Im Frühjahr 1934 aus der Schule entlassen, fand Hans-Jürgen Soldin zunächst Arbeit im Lederwerk Neustadt-Glewe. Nachdem der Betrieb „arisiert“ wurde, das heißt, die jüdischen Eigentümer enteignet wurden, verlor auch Hans-Jürgen Soldin seinen Job. Als Arbeitsloser versuchte er in Berlin eine Anstellung zu finden, was nicht gelang. Stattdessen war es der Mutter gelungen, ihm eine Lehrstelle als Buchbinder zu besorgen. Am 2. Januar 1936 trat Hans-Jürgen Soldin die Lehre an.

1933, nach der Machtübernahme Adolf Hitlers, mussten die Soldins ihr Haus an einen Nationalsozialisten „verkaufen“ und waren gezwungen, oft die Wohnungen in Ludwigslust zu wechseln, bis sie in einem Stall in der sogenannten chemischen Fabrik am Lascher Weg zwei Räume mit löchrigem Dach zugewiesen bekamen.

So war der Traum der Eltern, den begabten und intelligenten Hans-Jürgen aufs Gymnasium zu schicken und später Kunst studieren zu lassen, denn er wollte Maler werden, bereits durch die wirtschaftliche Lage ausgeträumt.