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Kräuterheilkunde Die Apotheke vor der Haustür

Von Anja Bölck | 16.12.2016, 13:12 Uhr

Anne-Kathrin Schmiedehaus hat sich mit Leib und Seele der Kräuterheilkunde verschrieben

Mitten in Schwerins Innenstadt, eingekeilt zwischen Einkaufstempel und Schule, befindet sich der Kräutergarten von Anne-Katrin Schmiedehaus. Während drumherum Betonflächen jegliches Leben im Keim ersticken, darf in ihrer kleinen Oase alles wachsen – duftende, von Lavendel umrahmte Rosen, würziger Rosmarin, Thymian, Oregano, jede Menge andere Heilkräuter sowie strahlend gelb und orange leuchtende Ringelblumen. Eben all das, was die zierliche Frau mit den goldschimmernden Haaren für ihre Kräuterschule und für Wildkräuter-Wanderungen vor ihrer Haustür braucht.

Klar, ein wenig gesträubt hat sie sich anfangs schon, als sie mitten in der Stadt an-fing, in der Erde herumzuwühlen. Viel lieber hätte sie sich in der Natur um den Plauer See herum niedergelassen. Dort, wo sie einen Teil ihrer Kindheit verbracht hat. Doch wo die Liebe hinfällt… Bei Anne-Katrin Schmiedehaus fiel sie auf eben diesen Hinterhof. Dort hatte sie, 1959 in Wittenberge geboren und im kleinen Städtchen Putlitz aufgewachsen, schon als Abiturientin viel Zeit bei ihrem Freund verbracht. Im Laufe ihres Lebens kreuzen sich ihre Wege immer mal wieder. Vor fünf Jahren zieht die Kräuterfrau dann zu ihrer Jugendliebe nach Schwerin.

Zum privaten Glück gesellt sich mit der Eröffnung ihrer Kräuterschule Avila alsbald die berufliche Erfüllung. Menschen mit Kräutern heilen zu können, macht sie glücklich. Um zu erfahren, für welches Leid welches Kräutlein gewachsen ist, hat Anne-Katrin Schmiedehaus noch einmal die Schulbank gedrückt und an einer Heilpflanzen-Ausbildung im Harz teilgenommen. Seitdem verschlingt sie Berge von Fach-Büchern. „Ich lese eigentlich nichts anderes mehr“, gesteht sie. Still wandelt sie auf den Spuren unserer Urgroßmütter, die nicht gleich in die Apotheke gingen, sondern ihren Arzneischrank im Garten hatten. Von Generation zu Generation gaben unsere Vorfahren dieses Wissen um wohltuende Kräuter weiter. Dann geriet es in Vergessenheit. Erst jetzt, in unserer schnelllebigen Zeit, erlebt die Kräuterheilkunde eine Renaissance.
„Dabei“, betont Anne-Katrin Schmiedehaus, „ist gegen die Schulmedizin überhaupt nichts einzuwenden. „Sie ist wunderbar. Ebenso aber die Heilpflanzenkunde. Denn sie ist der Ursprung der Schulmedizin. Zubereitungen von Heilpflanzen gehören zu den ältesten Heilanwendungen der Menschen überhaupt.“

Den Drang, etwas mit Kräutern zu machen, verspürte Anne-Katrin Schmiedehaus übrigens das erste Mal in ihrem früheren Berufsleben. Nach dem Ingenieurstudium in Weimar lebte sie 30 Jahre in Halle. Drei Söhne sind dort geboren und aufgewachsen. Anne-Katrin Schmiedehaus arbeitet in der Verwaltung, hält aber instinktiv Ausschau nach einem Beruf, der auch eine Berufung ist. Ihr ist klar, dass sie in so einem großen Verwaltungsapparat nicht gesund bleibt. Als sie die Heilpflanzenausbildung in der Tasche hat, stellt sie fest, dass ihr als Kräuterfrau wenig Bewegungsfreiheit bleibt. Kommt jemand etwa mit Bauchschmerzen zu ihr, darf sie ihn nicht direkt therapieren. Um aus der Grauzone rauszukommen, macht Anne-Katrin Schmiedehaus noch eine Heilpraktiker-Ausbildung. Von nun an kann sie ihre Heilmittel selber herstellen und in der Praxis anwenden. Kräutertees, Salben und Tinkturen für allerlei Wehwechen. Und Kräuteröle, die sie als Aroma-Massage in die Haut knetet, worauf die Wirkstoffe ätherischer Öle in den Körper gelangen können. Weil unser Geruchssinn entwicklungsgeschichtlich wohl einer der ältesten Sinne ist, sprechen wir laut Anne-Katrin Schmiedehaus gut auf Aromatherapien an. „Es ist auch keine Hexerei, eine gute Salbe herzustellen. Man muss nur einige Dinge beachten. Keine Hektik und kein Stress und vor allem absolute Sauberkeit.“

Völlig entspannt geht es auf ihren Kräuterspaziergängen zu. Die finden nicht nur vor der Haustür statt. Gern spaziert die Pflanzenkundige mit Interessierten und Volks-hochschulteilnehmern durch die Schlossgärtnerei in Wiligrad und den Wangeliner Garten, den wohl größten Kräutergarten Mecklenburgs. Sie empfiehlt jedem, den Kontakt mit Heilkräutern zu suchen. Auszuloten, zu welcher Pflanzenart man sich besonders hingezogen fühlt. Mitunter sind es der Geschmack, der Duft, die Farbe oder die Blüten, die den persönlichen Zugang zu einem Heilkraut schaffen. Im Sommer gesammelte und getrocknete Kräuter helfen obendrein, den Winter ein wenig aufzuhellen. Schon allein, weil es gut tut, sich daraus seinen eigenen Tee zu zaubern. Oder seine eigene Creme. Anne-Katrin Schmiedehaus macht in kleinen Seminaren vor, wie es geht. Lippenbalsam, Körperspray und Badekonfekt sind schnell angerührt. Eine Ringelblumensalbe ebenso. Übrigens ein uraltes Hausmittel aus unserer Region. Nach schwerer Feldarbeit und Wäschewaschen rieben sich die Menschen mit diesem Mix aus Ringelblumen und Schweineschmalz die rauen Hände ein. „Für das zarte Gesicht stellen wir keine Salbe, sondern Ringelblumencreme her“, dachte sich die Schwerinerin und lud kürzlich zum gemeinsamen Herstellen einer Wintergesichtscreme ein. Nach ein wenig Kräuterlatein machten sich die Teilnehmer an die Arbeit. Bienenwachs, Jojobaöl, Ringelblumentinktur, Lanolin, Aprikosenkernöl und ein paar Tropfen ätherische Öle verschwanden in den Töpfen. Mit einem Mixer rührten sie in der Masse herum wie in einem Kuchenteig. Mit dem Unterschied, dass sie den herrlich duftenden „Teig“ anschließend aufs Gesicht auftrugen. Mit kleinen Döschen in der Hand und zufriedenem Lächeln tänzelten die Schweriner hinaus in die Kälte. Zurück ließen sie Anne-Katrin Schmiedehaus, die mindestens genauso dreinschaute.

Es stimmt sie froh, wenn alle munter mit selbst gemachter Creme nach Hause spazieren. Dass ihre Kräuterschule mitten in der Stadt liegt, stört sie inzwischen auch nicht mehr die Bohne. Hier, hat sie erkannt, treffen ihre Samen auf besonders nahrhaften Boden.