Ein Angebot des medienhaus nord

Schweriner Schloss Alte Akte auf schwerem Wollsamt

Von Katja Haescher | 15.12.2017, 00:00 Uhr

Die Schabracken aus dem Schweriner Thronsaal sind einzigartig – und ihr Papiermaché eine besondere Form des Recyclings.

Wer hängt sich schon eine alte Akte an die Gardinenstange? Das klingt seltsam – und ganz wörtlich ist es auch nicht zu verstehen. Aber die Quervorhänge, die im Schweriner Thronsaal die Fenster schmückten, haben durchaus etwas damit zu tun. Denn die Papiermaché-Ornamente auf den 3,70 Meter langen Samtbahnen entstanden auf Basis alter Akten, Briefe und Zeitungen. Papierrecycling eben, das nach Weiterverarbeitung des Zellulose-Breis nebst goldenem Anstrich ein völlig neues Objekt schuf. „Vergoldetes Papiermaché auf Samt, diese Materialkombination ist sehr selten, wenn nicht einmalig“, weiß Irmela Grempler vom Verein der Freunde des Schweriner Schlosses. Dieser engagiert sich aktuell für die Sanierung der so genannten Schabracken, die einst die Fenster des Schweriner Thronsaals schmückten.

Ein Quervorhang, restauriert mit Hilfe des Landtags und der Kulturförderin Brigitte Feldtmann, ist bereits in den Saal zurückgekehrt. Eine zweite Schabracke befindet sich aktuell in den Händen von Textilrestauratorin Ulrike Herrklotsch und Papierrestauratorin Susann Grzimek und wird zu Beginn des nächsten Jahres wieder in Schwerin ankommen. Und auch die Vorhänge Nummer drei und vier sollen ihren historischen Glanz zurückerhalten – wenn es nach den Schlossfreunden geht. „Seid ihr denn verrückt? Warum wollt ihr denn im Thronsaal noch Vorhänge anbringen?“ Aussagen wie diese haben Irmela Grempler und ihre Vereinskollegen schon zur Genüge gehört. Die Antworten darauf sind einfach: Diese Schabracken sind etwas Einzigartiges. Und die Vereinsmitglieder haben sich die Bewahrung des Schlosses und seines originalgetreuen Erscheinungsbildes in die Statuten geschrieben. Die Rückkehr der historischen Fensterdekoration in den Thronsaal würde so zu einem Puzzlestein auf dem Weg zum Weltkulturerbe.

Bis 1973, so viel ist sicher, schmückten die Quervorhänge die Fenster im Thronsaal und verdeckten so gleichzeitig die Aufhängung der schweren Samtstores, die sich damals aber schon nicht mehr neben den Fenstern bauschten. Ein Foto aus jenem Jahr zeigt den Saal als Unterrichtsraum der Kindergärtnerinnen-Schule, die damals im Schloss untergebracht war – mit Metallbein-Stühlen auf dem historischen Parkett und einer Tafel an der Stelle, wo einst Seine Königliche Hoheit, der Großherzog, thronte. Dann wurden auch die Quervorhänge entfernt – aus den Augen, aus dem Sinn. Als mit der Sanierung des Schlosses immer wieder neue Schätze auftauchten, entstand ein „Fundstücke-Boden“. Hier lagert jetzt auch Schabracke Nummer vier, die als letzte in einem verschlossenen Raum des Hauptturms gefunden worden war. Die Vorhänge eins bis drei waren Jahre zuvor entdeckt und Irmela Grempler von dem verantwortlichen Mitarbeiter damals mit den Worten „Ich habe Goldstaub gefunden!“ präsentiert worden.

Goldstaub ist nicht nur das passende Stichwort, wenn es um die historische Bedeutung des textilen Schmucks geht. Zu Staub zerfallen sind auch Teile der Ornamentik und des schweren Wollsamts. Und weil eine Schabracke nicht einfach auf die Nähmaschine gelegt werden kann, ist für die Restaurierung Handarbeit erforderlich. Bei einem Besuch in der Berliner Werkstatt der Papierrestauratorin Susann Grzimek konnten sich Vereinsmitglieder von dem Aufwand überzeugen. Die Spezialistin reinigt Ornamentreste und befestigt Brüche und Risse mit Klebstoff. Sie restauriert fehlende Teile, indem sie vorhandene Dekorelemente abformt und Negativformen aus Ton herstellt. In diese kommt dann der Papierbrei für die neuen Teile, die anschließend mit Blattgold gefasst und farblich an die alten Stücke anzupassen sind. Auch das Aufnähen ist Handarbeit – die erfolgt, nachdem auch der Samt gereinigt, geglättet und ausgebessert wurde.

Klar, dass ein solches Vorhaben kostet: Rund 39 000 Euro sind für die zweite Schabracke veranschlagt. Um Spenden einzuwerben, sind die Schlossfreunde auf Veranstaltungen, oft auch in historischen Kostümen unterwegs – so, wie sie es auch schon für den Jugendtempel taten. Menschen für die Schabracken zu interessieren ist insofern etwas schwieriger, da sie nicht auf den ersten Blick sichtbar sind. Viele Besucher, die sich während der langen Kulturnacht von der Schönheit der Vorhänge überzeugen konnten, gaben im Anschluss gern etwas zur Restaurierung dazu. Mit der Ankündigung aus dem Finanzministerium, jeden Spendeneuro zu verdoppeln, ist weiterer Schwung in das Vorhaben gekommen. Und auch mit dem despektierlich klingenden Namen tun sich viele gar nicht mehr so schwer. Wissen sie doch inzwischen: Alte Schabracken können ungeheuer attraktiv sein.