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Stralsund Zwischen Himmel und Erde

Von Martina Rathke, dpa | 23.09.2011, 10:38 Uhr

"Die Brücke ist immer in Bewegung." Bei jedem Lastwagen, der mit mehr als 80 Kilometern pro Stunde über die lange Rügenbrücke zwischen Stralsund und der Ostseeinsel donnert, vibriert die Fahrbahn unter den Füßen.

"Es brummt und summt. Die Brücke ist immer in Bewegung." Bei jedem größeren Lastwagen, der mit mehr als 80 Kilometern pro Stunde über die lange Rügenbrücke zwischen Stralsund und der Ostseeinsel donnert, vibriert die Fahrbahn unter den Füßen. Für Ingenieur Ulrich Gawlas von der EHS-Ingenieursplanungsgesellschaft sind die Minibewegungen kein Anlass zur Besorgnis, sondern ein typisches Charakteristikum der besonderen Konstruktion der seilverspannten Brücke mit dem 128 Meter hohen Pylon. "Den größten Test hat die Brücke sowieso vor vier Jahren bestanden", scherzt der Fachmann.

100 000 Menschen auf Brücke

Damals zur Eröffnung im Oktober 2007 drängelten sich schätzungsweise rund 80 000 bis 100 000 Menschen gleichzeitig auf der Brücke zwischen Stralsund und der Ostseeinsel Rügen. Die Konstruktion überstand das Massen-Volksfest schadlos.

Als Oberbauleiter, der für die Straßenplanungsgesellschaft Deges bereits die Bauarbeiten beaufsichtigte, kennt Gawlas die Brücke seit dem ersten Rammschlag und hat zu ihr inzwischen ein nahezu inniges Verhältnis: "Das ist ein gutmütiges und braves Bauwerk." In Spitzenzeiten rauschen mehr als 20 000 Fahrzeuge pro Tag über die Brücke.

Nun - vier Jahre nach Eröffnung - fühlen die Fachleute der 4,1 Kilometer langen Konstruktion erstmals bei einer Hauptuntersuchung mit wissenschaftlich präzisen Methoden auf den Zahn. Die Untersuchungen sind gesetzlich vorgeschrieben - auch um rechtzeitig zu erkennen, ob für das menschliche Auge unsichtbare Gefahren drohen.

Zudem läuft im Herbst 2012 die Gewährleistungsfrist ab, über die Baufirmen für Schäden haftbar gemacht werden können, erklärt Gawlas.

Gerade Seilbrücken können in unkontrollierte Schwingung geraten, wenn sich die Eigenfrequenzen der Brücken mit anderen Frequenzen - ausgelöst beispielsweise durch Wind, Fahrzeuge oder Fußgänger - überlagern. Im Jahr 1940 stürzte die Tacoma Bridge in den USA ein. Vor elf Jahren geriet die Milleniumsbrücke in London ins Schaukeln, weil Menschen im gleichen Takt über die Hängekonstruktion gelaufen waren. Deren Frequenzen kamen denen der Brücke sehr nahe. Gawlas ist sich sicher: Mit der Rügenbrücke kann so etwas nicht passieren.

Schraube lose

Mit hochsensiblen Frequenzmessgeräten haben die Ingenieure seit Montag bei laufendem Autoverkehr die Eigenfrequenzen der Seile überprüft, die zum Mittelpylon führen, und keine Auffälligkeiten festgestellt. Mit Endoskopen schauten die Fachleute in die Dämpferanschlüsse und Bündelungselemente, dort wo die aus jeweils 34 sogenannten Litzenbündel bestehenden Seile verankert sind. "Alles ist im grünen Bereich", sagt der Ingenieur. Experten von der Alpintechnik Leipzig, ein auf Höhenarbeiten spezialisiertes Unternehmen, nehmen nun die Trosse von fünf Seilen unter die Lupe, bei denen zuvor Seilschwingungen beobachtet worden waren. Die Schwingungen seien minimal, sagt Gawlas. "Doch sicher ist sicher."

Die Rügenbrücke wurde bei der Eröffnung als "Jahrhundertbauwerk" gepriesen. Für Gawlas ist sie das bis heute, weil beispielsweise mit den Litzenbündeln, den hydraulischen Dämpfern oder Windschutzwänden ingenieurstechnische Neuheiten verwirklicht wurden, die inzwischen Standard sind. Die neuen Dämpfer, die 2007 bei vier Seilpaaren als Prototypen eingebaut wurden, sollen nun auch bei sieben weiteren installiert werden. "Die Technik hat sich bewährt."

Doch bei aller Schwärmerei verliert der Ingenieur nicht den kritischen Blick: Obwohl die Hauptuntersuchung der Fundamente und Überbauten erst im Frühjahr fällig ist, hat der Fachmann bereits erste Mängel entdeckt: In den Händen hält Gawlas eine Schraube, die locker in der Windschutzverkleidung der Brücke hing. Dann zeigt er auf kleine Rostflecken an der Brüstung, die offenbar durch Funkenflug beim Flexen der Leitplanken verursacht wurden. "Das muss alles von den Baufirmen nachgearbeitet werden."