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Leben mit Aphasie Zurück aus der Sprachlosigkeit

Von dabe | 28.02.2014, 12:00 Uhr

Andrea Beyer leidet seit einem Autounfall an Aphasie und ist halbseitig gelähmt. Im Ehrenamt macht sie anderen Betroffenen Mut

Mit einem freundlichen Lächeln streckt Andrea Beyer einem die linke Hand entgegen und sagt ein wenig zu langsam „Hallo“. Seit einem schweren Autounfall vor 16 Jahren ist ihre rechte Körperhälfte gelähmt und ihre Sprache beeinträchtigt. Doch das für viele Menschen fremde Wort „Aphasie“ kommt der 40-Jährigen problemlos über die Lippen. Denn damit beschäftigt sie sich tagtäglich – es ist der Name ihrer Sprachstörung. Meyer geht damit ganz offen um und möchte die Gesellschaft für das Thema sensibilisieren. Darum engagiert sie sich auch in dem Verein Aphasiker-Zentrum Mecklenburg-Vorpommern in Plau am See.

Menschen, die wie sie selbst an der erworbenen Sprachstörung leiden, sehen sich oft den Vorurteilen ausgesetzt, sie seien geistig behindert oder dement. Dabei funktionieren die Denkabläufe von Aphasikern ganz normal. Sie haben eine Art Software-Fehler im Gehirn, der dazu führt, dass sie Wörter nicht mehr aussprechen und Sprache nicht mehr deuten können.

Auch wenn Aphasie viele Formen kennt, haben die Betroffenen doch alle etwas gemeinsam: Ein Schicksalsschlag hat ihre Welt auf den Kopf gestellt. Meyers Leben änderte sich schlagartig an einem kalten Tag im Dezember 1998: Die damals 25-Jährige war mit dem Auto zu einem Seminar unterwegs. Sie stand zu diesem Zeitpunkt kurz vor dem Abschluss ihres Referendariats in Neubrandenburg und war ihrem Traum, Lehrerin für Deutsch und Geschichte zu werden, ganz nah. Doch dann krachte es auf der schneeglatten Straße und ein Schädelhirntrauma der Kategorie 3 ließ ihren Traum zerplatzen.

Heute hat die 40-Jährige neue Träume. Sie kämpfte sich ins Leben zurück und verlor auch nach vielen Jahren der Therapien nicht die Hoffnung, dass ihre Fähigkeiten zurückkehren würden. Mit Erfolg: Heute steht sie tatsächlich wieder vor Schülern – zwar nicht als Lehrerin, dafür aber als ehrenamtliche Mitarbeiterin des Aphasiker-Zentrums MV. Sie erzählt den Schülern, was sie zur Aphasikerin gemacht hat und welche Auswirkungen es auf ihr Leben hat. In praktischen Übungen zeigt sie den Schülern, wie es ist, nur eine Körperhälfte bewegen zu können. Ob Brötchenaufschneiden oder anziehen – mit einer Hand werden Alltäglichkeiten zur Herausforderung. Als Meyer in der Diätlehrküche am MediClin Reha-Zentrum in Plau am See getrocknete Tomaten schneidet, wird sichtbar, wie schwierig das ist. Die 40-Jährige erzählt langsam und sehr deutlich, dass die Schüler immer sehr offen und neugierig sind. Sie nehmen Rücksicht auf ihre Sprachstörung, sind still und lauschen ganz genau. Anfängliche Berührungsängste sind schnell vergessen. Für eine Posterausstellung, die am Montag, 17. März, im Rostocker Rathaus eröffnet wird, sollten sie Schüler so ins Bild rücken, dass sie und nicht ihre Behinderung im Vordergrund steht.

Das Ehrenamt ist für Meyer ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Sie möchte trotz ihrer Berufsunfähigkeit etwas für die Gesellschaft tun und anderen Betroffenen Mut machen, die noch am Anfang ihrer Therapie stehen. „Aufgeben gilt nicht“, sagt sie lebensfrohe Frau. Sie wohnt heute wieder allein in einer Schweriner Wohnung und versucht so viel wie möglich selbst zu erledigen. Einmal im Monat fährt sie nach Plau am See – an den Ort, an dem ihr Kampf zurück ins Leben begonnen hat. Denn das Aphasiker-Zentrum MV hat seinen Platz im MediClin Reha-Zentrum gefunden. Hier werden Betroffene aus dem ganzen Land auch nach ihrer eigentlichen Therapie betreut.