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Übersicht Zurück auf der Straße

Von Redaktion svz.de | 23.10.2009, 12:02 Uhr

„Möcht’ wieder singen, nicht schön, sondern geil und laut“ röhrte der junge Marius vor 31 Jahren in „Mit 18“ als Vorausblick auf seine kommende Existenz als Rockstar. Nun singt er nach Jahren der Pause wieder richtig laut: Heute erscheint „Williamsburg“, sein 24. Album, und im kommenden Jahr geht er auf Tour.

Westernhagen ist bisweilen ganz und gar kein Mann zwischen den Zeilen. Die Arbeit mit großen Plattenfirmen? „Wenn alle an dir zerren, alle was von dir wollen, alle mit dir Geld verdienen müssen, ist das nicht gerade förderlich. Deshalb habe ich das auch geändert.“ Mit dem Album „Williamsburg“ meldet er sich an diesem Freitag zurück. Seine Fans warten mindestens so gespannt wie seine Kritiker lauern: Kaum ein Star der deutschen Musikszene polarisiert so wie „MMW“.

Er gehört zu den „Big Four“: Lindenberg, Grönemeyer, Maffay und eben Westernhagen. Hymnen und Hits wie „Johnny Walker“, „Sexy“, „Freiheit“ hat er geschaffen, mehr als 20 Alben veröffentlicht, mit Konzerten ganze Arenen gefüllt. Vier Jahre Pause hat sich der 60-Jährige zuletzt gegönnt, von Konzerten zum runden Geburtstag mal abgesehen. In dieser Zeit war es ruhig um ihn geworden.
Noch ruhiger als ohnehin, denn Westernhagen lebt in Hamburg zurückgezogen mit Ehefrau Romney. Er ist keiner, den man auf Partys sieht. Keiner, der sich zu allem und jeden äußert.

Man vermag sich vorzustellen, wie es auf ihn gewirkt haben muss, als Tochter Mimi, aus einer früheren Beziehung stammend und in England aufgewachsen, plötzlich als Model und Musikerin in die hiesige Öffentlichkeit wirbelte. „Es ist ja auch verrückt, dass so etwas heute funktioniert: Du brauchst nur überall auftauchen und die Leute sagen: Mein Gott, die ist ja erfolgreich. Dabei ist bisher gar nichts passiert“, sagt Westernhagen: „Sie muss sich halt irgendwann entscheiden: Popstar oder Künstler – man kann nicht beides sein.“

Entschieden hat er sich selbst schon vor langer Zeit. Erst die Konzentration auf die Musik und der Abschied von der Schauspielerei, später die Abkehr vom Image als „Prinz Pfefferminz“. In den Medien wurde aus dem Kumpeltyp der legendären „Theo“-Filme und dem rüpeligen Feinripphemd-Träger der „Armani-Rocker“. Schon früh entschieden hingegen war für ihn seine musikalische Vorliebe: „Was mich wirklich faszinierte, war der Blues. Schon beim ersten Hören wusste ich, das ist eine Möglichkeit für mich, mich musikalisch auszudrücken“, erzählt Westernhagen. „Ich habe immer versucht, diesem Ideal näherzukommen.“ Mit „Williamsburg“ kehrt er zu jenen Ursprüngen zurück, und er klingt dabei entspannter und lässiger denn je.

Für das Album ging er in den New Yorker Stadtteil Williamsburg, zog sich mit US-Musik-Größen zwei Wochen lang ins Studio zurück und spielte per Jamsession zwölf Songs ein. Eine Mischung voller Blues und Soul, wie sie vielleicht tatsächlich auf diese Weise am besten entstehen kann. „Das schaffst du nicht, wenn du ein Instrument nach dem anderen einspielst. So erreichst du zwar eine gewisse Perfektion, aber zwingst auch jede Art von Gefühl und Kommunikation raus“, erklärt Westernhagen, der über sich selbst sagt: „Ich wollte nie mehr als der Sänger einer Band sein.“

Das Spektrum der Platte lässt den Sänger und Songschreiber all seine Facetten zeigen: Wuchtig rockt er den „Schinderhannes“ oder zu „Wir haben die Schnauze voll“, liefert Hymnen wie die erste Single-Auskopplung „Zu lang allein“, Balladen wie „Heute Nacht“ und wartet gar mit Tango auf, wenn zu „Mit beiden Füßen auf dem Boden“ das Akkordeon erklingt. „Ich bin einer dieser Typen, die man nicht verbiegen kann“, singt Westernhagen in „Ein Mann zwischen den Zeilen“. Wie sein Album ankommen wird? „Ich hoffe einfach, es gefällt den Leuten aus den richtigen Gründen: wegen der Musik und wegen der Texte - und nicht, weil es von mir kommt“, sagt er im Interview. „Es ist nicht wichtig, wer man ist, sondern was man schafft.“ Deutliche Worte – und kein Mann zwischen den Zeilen.