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Weihnachtsspendenaktion Diese Fahrten mit dem Wünschewagen rührten zu Tränen

Von Karin Koslik | 06.12.2021, 22:22 Uhr

Schon zum fünften Mal sammeln wir Spenden für den ASB-Wünschewagen. Ein Rückblick auf Fahrten vergangener Jahre.

Schon zum fünften Mal unterstützen wir mit unserer Weihnachtsspendenaktion den Wünschewagen des Arbeiter Samariter Bundes (ASB) in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Mehr als 30 Fahrten haben wir in dieser Zeit begleitet und fast alle haben nicht nur bei den Autoren bleibende Eindrücke hinterlassen. Auf einige ganz besondere Wünschefahrten blicken wir auf dieser Seite zurück, auch, um Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, verdeutlichen zu können, warum Ihre Spenden für das Projekt besonders wichtig sind.

Denn aufgrund der angespannten Situation in der vierten Welle der Coronapandemie finden momentan kaum Fahrten statt, die wir für Sie begleiten können. Sollten Sie aber gerade jetzt noch einen möglicherweise letzten Wunsch haben oder jemanden kennen, bei das der Fall ist, dann scheuen Sie sich nicht, diesen Wunsch beim ASB anzumelden. Das Wünschwagenteam wird alles tun, um ihn trotz der widrigen Umstände wahr werden zu lassen.

Mehr Informationen:

So unterstützen Sie den Wünschewagen:

Helfen auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, letzte Wünsche zu erfüllen. Spendenkonto:ASB-Landesverband MV e.V.Bank für SozialwirtschaftIBAN: DE82 1002 0500 0001 4951 00BIC: BFSWDE33BERStichwort „Weihnachtsaktion Wünschewagen“ASB-LV Brandenburg e.V.IBAN: DE49 100 20 50 0000 3545 401BIC: BFSWDE33BERStichwort „Weihnachtsaktion Wünschewagen“Benötigen Sie eine Spendenquittung, schreiben Sie bitte Ihren Namen und Ihre Adresse in die Zeilen für den Verwendungszweck.

2017: Noch einmal in die Heimat

Noch einmal nach Hause, noch einmal in die alte Heimat. Das ist von Anfang an der am häufigsten geäußerte Wunsch an das ASB-Team. In unserer ersten Spendenaktion für den Wünschewagen begleiteten wir Ursula Jankowsi auf solch einer Reise, die ihre Tochter Karin Wetzel für die Mutter angemeldet hat.

Mutter und Tochter wohnten Luftlinie nur rund 20 Kilometer voneinander entfernt. Die 88-jährige Ursula Jankowsi in einem Pflegeheim in Graal Müritz, ihre Tochter im Zentrum von Warnemünde, wo jahrzehntelang auch die Mutter zu Hause war. Weil Karin Wetzel kein Auto besaß, musste sie mit dem Zug fahren, um die alte Dame zu sehen. Ein Gegenbesuch war nicht möglich, weil die Seniorin nicht mobil war und es ihr zudem gesundheitlich immer schlechter ging. Sie war auf den Rollstuhl angewiesen, trug einen Herzschrittmacher und musste wegen einer fortschreitenden Lungenerkrankung häufig an ein Sauerstoffgerät angeschlossen werden. Dazu kam, dass die Wohnung der Tochter nicht behindertengerecht und nur über Treppen zu erreichen war.

Als Karin Wetzel über eine Freundin vom ASB-Wünschewagen hörte, sah sie eine Chance, die Mutter doch noch einmal wenn schon nicht zu sich nach Hause, so doch zumindest nach Warnemünde zu holen. Eine Woche später war alles organisiert. Karin Wetzel hatte für den Tag eine Route ausgearbeitet und sogar ein Treffen mit einer früheren Kollegin ihrer Mutter organisiert. Dann schoben Tochter und Wünschewagen-Ehrenamtler abwechselnd den Rollstuhl durch Warnemünde.

Vieles erkannte Ursula Jankowsi wieder. Die Seestraße, in der sie nach dem Tod ihres Mannes mit ihren drei Kindern in einem einzigen Zimmer gewohnte hatte. Das „Ostseehotel“, das einst die Geburtenstation beherbergte, in der auch ihre jüngste Tochter zur Welt gekommen war. Für die Tochter hätte die Tour noch Stunden dauern können, doch die Mutter war nach drei Stunden völlig erschöpft. Sowie sie wieder im Wünschewagen saß, schlief sie ein, mit einem Lächeln auf den Lippen.

Mehr Informationen:

Hier können Sie letzte Wünsche anmelden:

2018: Ein weitergegebener Wunsch

Manchmal ist das Leben grausam. Wochenlang hatte sich die alte Dame aus dem Greifswalder Hospiz im Herbst 2018 auf die Fahrt zum Musical „Marry Poppins“ nach Hamburg gefragt. Doch am Vortag des großen Ereignisses verschlechterte sich ihr Zustand rapide. Sie sei nicht mehr transportfähig, konstatierte ein Arzt. Er ahnte wohl, dass sie schon wenige Stunden später nicht mehr leben würde.

Doch Tickets und auch ein Hotel in der Hansestadt waren bezahlt, denn nachts um drei oder sogar noch später zurück in Greifswald zu sein, wollte man dem Fahrgast nicht zumuten. Zwei Ehrenamtler aus dem Wünschewagenteam und eine Mitarbeiterin des Hospizes hatten sich darauf eingestellt, die nächsten beiden Tage als Wunscherfüller zu verbringen.

Damit das alles nicht umsonst war, suchte die Hospiz-Leitung unter den fitteren Bewohnern einen Ersatz und fanden ihn in Liesbeth Glawe. Sie erklärte sich spontan bereit, den Wunsch zu übernehmen, obwohl sie von Mary Poppins noch nie gehört hatte. Überhaupt sei sie noch nie in einem Musical gewesen, erzählte die Seniorin später auf der Fahrt nach Hamburg. Sie habe ihr Leben lang in der Landwirtschaft im Kuhstall gearbeitet. „Da gab es kein Ostern und kein Weihnachten. Und Zeit für Theater oder sowas hatten wir erst recht nicht.“

Im Stage Theater an der Elbe drohten die vielen Eindrücke sie dann beinahe zu überwältigen. Und dann hatte Stage für sie – das heißt eigentlich ja für ihre Mitbewohnerin – auch noch ein Treffen mit dem männlichen Hauptdarsteller organisiert. Zwischenzeitlich machten sich ihre Begleiter schon Gedanken darüber, ob ihr Herz wohl diese ganze Aufregung ertragen würde.

Doch Liesbeth Glawe hielt durch. Und nicht nur das. Als der Schlussapplaus verebbt war, meinte sie mit roten Wangen, dass sie jetzt gern auch noch auf die Reeperbahn wollte, denn ziemlich sicher sei das ja ihre allerletzte Chance, das berühmte Viertel mit eigenen Augen zu sehen. Und tatsächlich gehörte zu ihren Erinnerungen an diesen Ausflug später auch ein Foto, das sie vor der Davidswache zeigt. 2019: Letzte Reise zu den Kreidefelsen

Nach mehr als 40 Jahren gemeinsamen Jahren musste Friederike Füger 2019 Weihnachten zum ersten Mal ohne ihren Mann Werner feiern. Erst drei Jahre zuvor war das Paar nach Greifswald in eine behindertengerechte Wohnung gezogen. Denn nach einem Unfall musste Frau Füger ein Bein abgenommen werden.

Ihr Mann, obwohl bereits nierenkrank, nahm ihr an Arbeit ab, soweit es möglich war. Dass die Rollstuhlfahrerin zwar in der behindertengerechten Küche problemlos auf der Arbeitsplatte und am Herd hantieren konnte, die Hängeschränke für sie aber unerreichbar waren, war so lange kein Problem, solange es Werner Füger gut ging. Auch, dass er schließlich dreimal in der Woche zur Dialyse musste, änderte an der Arbeitsteilung in der Ehe nichts.

Doch im Frühsommer 2018 verschlechterte sich der Zustand des 78-Jährigen schlagartig. Die niederschmetternde Diagnose lautete metastasierender Krebs, Heilungschancen gab es nicht mehr. Ein Palliativdienst kümmerte sich in der letzten Lebensphase um Werner Füger und eine der Schwestern erzählte den Eheleuten vom Wünschewagen. Die dachten lange darüber nach, was sie sich wünschen sollte und vor allem, ob ein Ausflug überhaupt noch realisierbar sein würde. Denn mittlerweile saß nicht nur Friederike Füger im Rollstuhl, sondern auch ihr Mann.

Doch Reisen war in all ihren gemeinsamen Jahren eine Leidenschaft, die die beiden verband. Werner Fügers letzter Wunsch war, seiner Frau die Kreidefelsen auf Rügen zu zeigen, die er als Kind einmal gesehen hatte, sie aber noch nie.

Und der Wünschewagen machte es möglich, dass dieser Wunsch in Erfüllung ging. Es sei, so erinnerte sich Frau Füger später, der letzte Tag gewesen, an dem sie ihren Mann glücklich und gelöst erlebt hat. Nicht nur das Wetter, auch die Schiffstour von Sassnitz aus und vor allem die Rundumbetreuung durch die Wünschewagen-Ehrenamtler seien einfach perfekt gewesen, schwärmte die Witwe noch lange nach dem Tod ihres Mannes. Er schloss schon zwei Wochen nach der letzten gemeinsamen Reise für immer die Augen.

2020: Unterwegs mit Mutter und Sohn

Nicht mehr erleben, wie das eigene Kind erwachsen wird. Nicht erfahren, welchen Beruf es einmal ergreift, mit wem es eine Familie gründet. Ja, vielleicht schon bei der nächsten Zeugnisausgabe nicht mehr dabei sein können. Doreen Ratzlaff aus Lübz musste alldem ins Auge schauen und hatte deshalb vor allem den Wunsch, noch so viel Schönes wie möglich mit ihrem zehnjährigen Sohn Malte zu erleben.

Als die Lübzer Tagespflegeeinrichtung, in der sie betreut wurde, für sie eine Wünschefahrt anmeldete, fiel es ihr alles andere als leicht, sich für nur ein Ziel zu entscheiden. Letztlich wurde es Schloss Sanssouci. Denn Mutter und Sohn hatten, als es ihr noch besser ging, gemeinsam schon jede Menge Schlösser und Herrenhäuser in Mecklenburg besucht. Über Sanssouci hatte Malte in der Schule gerade einen Vortrag gehört, und seine Mutter hatte einen Fernsehbeitrag über das Schloss und die Anlagen drumherum gesehen, der sie begeisterte.

Dass es nicht einfach war, diesen Wunsch wahr werden zu lassen, ahnten Doreen und Malte Ratzlaff nicht. Denn im Lockdown des Dezembers 2020 waren nur noch im Park Gäste zugelassen. Doch für die Gäste des Wünschewagens machte die Verwaltung der Preußischen Schlösser und Gärten eine Ausnahme, für sie öffneten sich die Schlosstüren zu einer exklusiven Führung.

Nach dem anschließenden Rundgang durch die Weinberge, bei dem Doreen Ratzlaff sogar für eine Strecke auf den Rollstuhl verzichtete, waren dann alle bis auf die Knochen durchgefroren. Der Zusatzwunsch der alleinerziehenden Mutter, Malte auch noch Berlin zu zeigen, wurde deshalb ins neue Jahr verschoben. Bei dieser Fahrt war die 48 -Jährige schon sichtbar von ihrer Krebserkrankung gezeichnet. Trotzdem hielt sie stundenlang durch, wollte immer noch eine weitere Sehenswürdigkeit sehen: Brandenburger Tor, Gedächtniskirche, Weltzeituhr und der Blick über die Stadt vom Panorama Point am Potsdamer Platz werden für Malte, der seit Doreen Ratzlaffs Tod beim Vater lebt, jetzt sicher für immer mit seiner Mutter verbunden bleiben.