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Weihnachtsspendenaktion Mit dem Tod noch ein Hühnchen zu rupfen

Von Anja Bölck | 20.12.2022, 11:40 Uhr

Krankenschwester auf der Intensivstation – bei Kathleen Meyn ist der Tod allgegenwärtig. Als wäre das nicht genug, begleitet sie jetzt auch noch Sterbenskranke im Wünschewagen. Macht das nicht todunglücklich?

Es gibt Menschen, die begegnen in ihrem Leben nur selten dem Tod. Andere lernen ihn von klein auf mit ganz unterschiedlichen Gesichtern kennen. Kathleen Meyn nahm er schon früh geliebte Familienangehörige. Die Schwerinerin schätzt, dass diese Erfahrung in der Kindheit dazu geführt hat, dass sie später den Weg als Krankenschwester einschlug. Seit 14 Jahren arbeitet sie nun auf der Intensivstation der Helios-Kliniken. Sie stellt sich sozusagen Tag für Tag dem Tod entgegen. Als hätte sie noch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen.

Das schlaucht. Doch seit kurzem steigt Kathleen Meyn auch noch in ihrer Freizeit in den ASB-Wünschewagen zu den Sterbenskranken. Die 37-Jährige findet die Idee, Menschen einen letzten Wunsch zu erfüllen, zu schön, um nicht mitzumachen. „Auf der Intensivstation“, sagt sie, „geht mir manchmal auch durch den Kopf, wie gut es wäre, wenn sich Patienten noch einen letzten Wunsch erfüllen könnten.“

Passende Wünschewagen-Fahrt zu finden, ist ein Kunststück

Nicht nur sie ist begeistert vom Wünschewagen. Auch Kolleginnen. Wie die Oberärztin auf ihrer Station. Mit ihr hat sich Kathleen Meyn zusammen als Ehrenamtlerinnen beim Wünschewagen beworben. Ein bisschen hat es gedauert, bis die Schwerinerin auf Fahrt gehen konnte. Immerhin arbeitet sie an drei Wochenenden im Monat. Da ist es fast ein Kunststück, einen passenden Termin zu finden.

Doch inzwischen hat Kathleen Meyn ihre erste Fahrt mit dem Wünschewagen hinter sich. Sie ist immer noch baff, wie anders sich der Tag anfühlte als auf der Intensivstation. Dort sieht sie die Patienten mitunter nur ein paar Minuten am Tag, und richtig kennenlernen tut sie sie nicht. Bei der Wünschewagenfahrt verbrachte sie hingegen einen ganzen Tag mit einer schwer kranken Frau.

Das ganze Leben auf einer Autofahrt erfahren

„Sie war dem Tod näher als dem Leben“, erinnert sich Kathleen Meyn. „Weil sie nicht mehr alleine leben konnte und hier in Mecklenburg keine Angehörigen hatte, sagte ein Enkelsohn in Brandenburg ,dann komm doch zu mir‘. Er hatte extra Zimmer im Erdgeschoss seines Hauses für sie hergerichtet. Als wir mit der Wünschenden ankamen, trafen wir auf eine sympathische, dankbare Familie.“

Kathleen Meyn kannte zu diesem Zeitpunkt durch die gemeinsame Anreise das ganze Leben der alten Dame. „Ich fand es beeindruckend, und noch mehr hat mich an dieser tollen Frau fasziniert, dass sie am Ende ihrer Tage so wohlwollend anderen Menschen gegenüberstand“, sagt sie. „Es war eine wunderbare Fahrt. Ich war überrascht, dass es mich so gepackt hat.“ 

Natürlich ist Kathleen Meyn bewusst, dass sich nicht jede Fahrt mit dem Wünschewagen so rundum gelungen anfühlen wird. Sie hat gehört, dass es auch Kranke gibt, die mit ihren Angehörigen für sich sein wollen. Wo die Wünschewagen-Ehrenamtler dann halt mal im Auto warten müssen und nicht von der Familie hereingebeten werden.

Aber auch das findet die Krankenschwester in Ordnung. „Ich denke, wer beim Wünschewagen mitmacht, der sollte ein Gespür für Menschen haben. Es ist der Tag des Wünschenden. Wenn er über sein Leben reden möchte, ist es gut. Wenn er nur dasitzt, schweigt und genießen möchte, ist das auch gut. Wichtig ist es, sich als Betreuer an so einem Tag zurückzunehmen. Spontan auch mal einen Zwischenstopp zum Eis essen einzulegen und nicht zu sagen, wir müssen jetzt los, heute Abend bin ich bei Freunden zu Grillen eingeladen.“

Wenn Leute ihre schlechte Laune an anderen ablassen

Am Abend, im Bett, hat Kathleen Meyn noch ein wenig über die Fahrt mit der alten Frau nachgedacht. Und wieder ist ihr klar geworden, wie kostbar Zeit ist. Als Schwester auf der Intensivstation schätzt sie Dinge im Leben ohnehin ganz anders als jemand, bei dem der Tod nicht täglicher Begleiter ist.

Umso mehr ärgert es sie, wenn ihr im Alltag Menschen begegnen, die ihre schlechte Laune an anderen ablassen. „Ich finde, viele sind zurzeit so gereizt“, sagt sie „Wenn jemand die Kassiererin an der Kasse anmault, dann kann ich aber nicht anders. Dann sage ich, er oder sie möge doch bitte andere so behandeln, wie man selber gern behandelt werden möchte. Auch für mich waren die letzten drei Corona-Jahre die schlimmsten meines Lebens. Das heißt nicht, dass ich verzage und andere für etwas verantwortlich mache. Man muss stetig an sich arbeiten und anderen Menschen wohlgesonnen sein.“

Nette Hobbys zum Stress abbauen

Und dann sagt Kathleen Meyn etwas, was man Menschen nur ganz selten sagen hört: „Ich bin glücklich mit meinem Leben, wie es ist.“ Sie denkt dabei an ihre Familie, den Sohn und an die schönen Dinge, die ihr helfen, vom Job abzuschalten. „Ich brauche keine actionreichen Hobbys, sondern welche, die mich runterholen. Ich lese total gerne, jogge und versuche gerade, Gitarre zu lernen.“ Und Weihnachten? „Muss ich dieses Jahr zum Glück nicht arbeiten“, sagt sie. „Ich feiere ganz normal, wie tausende Menschen auch.“ 

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