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Rostock/Stralsund/Wolgast Werftbesetzung droht

Von Joachim Mangler und Martina Rathke, dpa | 10.09.2009, 09:27 Uhr

Lange hat es gedauert, die Verzweiflung musste wohl erst ein gewisses Maß erreichen.

Gestern morgen war es vorm Tor der jetzigen Nordic-Werften in Rostock-Warnemünde soweit: Betriebsrat Harald Ruschel drohte vor den rund 500 anwesenden Arbeitern mit "Werftbesetzung" - und zwar noch vor der Bundestagswahl am 27. September - als letztem Mittel, wenn es keine Antworten auf die drängenden Fragen der Arbeiter gibt. Wie lange müssen die Arbeiter in den Beschäftigungsgesellschaften ausharren, was ist nach der Übernahme durch den Russen Igor Jussufow mit der Tarifbindung? Wann geht es wieder los?

Um die Drohung zu untersetzen, wurde im Rahmen des norddeutschen Werften-Aktionstages der IG Metall Küste das Tor der Warnemünder Werft schon mal mit einer Eisenkette symbolisch geschlossen. Das Vorhängeschloss komme später, sagte Ruschel.

Die Kundgebung sollte auch dazu dienen, nach außen klarzumachen, dass sich trotz des Investors nichts an der prekären Situation geändert hat. Seit acht Wochen wird nicht gearbeitet. Es wachse die Unzufriedenheit, das einzig Gute derzeit seien die Qualifizierungen, wie Ruschel sagte. "Wir müssen uns aber klar sein, dass jüngere und hoch qualifizierte Kollegen abwandern, wenn sich nichts tut."

Das drängende Informationsbedürfnis der Arbeiter wurde von Wadan-Insolvenzverwalter Marc Odebrecht nicht gestillt. Unter schwierigen Bedingungen liefen die Verhandlungen mit den Reedereien Stena und Laeisz zum Weiterbau beziehungsweise zur Abnahme von Schiffen, sagte er. "Es gibt nach wie vor keine Entscheidung, aber die wichtige Botschaft ist: Die Gespräche gehen mit unvermittelter Intensität weiter."

Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) sagte zum Aktionstag: "Die Landesregierung hat in den vergangenen Monaten alles getan, um den Werften zu helfen. Das werden wir auch weiterhin tun." Es sei gut, dass sich die Mitarbeiter der Werften und ihre Zulieferer zusammenschlössen, um gemeinsam für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze zu kämpfen. Einen Hoffnungsschimmer konnte aber auch Sellering nicht bieten.

Gespannte Stimmung auch auf den Hegemann-Werften in Stralsund und Wolgast. Rund 1000 Schiffbauer blockierten die Werfttore. Der IG Metall-Bevollmächtigte Jan Bloempott forderte vor rund 600 Schiffbauern in Stralsund von der Politik, sich für den Erhalt der Werften einzusetzen. "Wir erleben derzeit ein unheimliches Werftensterben in Europa", sagte er. Auf den polnischen Werften in Stettin (Szczecin) und Gdingen (Gdynia) arbeite niemand mehr. Die dänische Werft in Odense solle 2012 stillgelegt werden. Wenn die Politik jetzt nicht handele, würden Schiffe künftig nur noch in Südostasien gebaut.

Volker Kröning, Chef der Hegemann AG, unterstützte die Werftarbeiter. "Ich stehe an Ihrer Seite", sagte er in Stralsund. Das Unternehmen bemüht sich um Bürgschaften von Bund und Land über 280 Millionen Euro. Die Schiffbauer sind verunsichert. "Wir wissen nicht, wie dramatisch die Situation für die Hegemann-Werften ist", sagte Dreher Helmut Krämer. Betriebsrat Jürgen Kräplin übte sich in Zweckoptimismus. "Die Volkswerft-Kogge hat noch mehr als eine Handbreit Wasser unterm Kiel."