Anzeige

Zwischen Hörsaal und Kreißsaal Wer in MV Hebamme werden möchte, studiert an der Uni Rostock

Von Katharina Golze | 29.11.2021, 14:35 Uhr

Sophie Heydenreich studiert als eine der ersten Hebammenwissenschaft. Warum es studierte Hebammen braucht und inwiefern in MV Hebammen fehlen.

Anzeige
Starten Sie jetzt Ihren kostenlosen Probemonat!
Schließen Sie jetzt den kostenfreien Probemonat ab, um diesen Artikel zu lesen. Alle weiteren Inhalte auf unserer Webseite und in der App „SVZ News“ stehen Ihnen dann ebenfalls zur Verfügung.
Probemonat für 0 €
Anschließend 8,90 €/Monat | Monatlich kündbar
Sie sind bereits Digitalabonnent? Hier anmelden

Wenn Sophie Heydenreich von der Geburt spricht, leuchten ihre Augen. Gerade beugt sie sich vorsichtig über Samuel. 51 Zentimeter groß, 3,3 Kilogramm schwer. „Sie haben die Geburt toll gemacht“, sagt sie zu Samuels Mutter. Sophie Heydenreich lässt sich zur Hebamme ausbilden. Genauer gesagt studiert sie im dritten Semester Hebammenwissenschaft.

Die ersten Hebammenstudentinnen

Seit dem Wintersemester 2020/21 können Frauen und Männer an der Universität Rostock einen Bachelor in Hebammenwissenschaft ablegen. Was einst eine Ausbildung an der Beruflichen Schule „Alexander Schmorell“ war, ist nun ein Studium. Damit der Hebammenberuf europaweit vergleichbar wird, verlangte eine EU-Richtlinie die Akademisierung des Ausbildungsberufes, erklärt Antje Lipke, Kommissarische Studiengangsleiterin. Seit 2012 lehrt sie an der Schmorell-Schule, der einzigen Hebammenschule in MV. Nun unterrichtet sie Sophie Heydenreich und ihre 26 Kommilitoninnen an der Universität.

Die Ausbildung bleibt dank dualem Studium sehr praktisch. 2400 Praxisstunden absolvieren die Studierenden in sieben Semestern in ihrer Ausbildungsklinik. Elf von 16 Kliniken in MV bieten dies an, darunter Schwerin, Rostock, Hagenow, Güstrow und Parchim. Sophie Heydenreich entschied sich für das Sana Hanse-Klinikum Wismar.

Vom Medizinstudium auf die Geburtsstation

„Wismar ist eher ein kleineres Haus ist“, sagt die 26-Jährige. Etwa 800 Babys werden hier im Jahr geboren. Die Wege sind kurz, die Stationen für Geburtshilfe und Gynäkologie liegen direkt nebeneinander. Hier ist sie eine von drei Hebammenschülerinnen und wird direkt eingebunden. „Von Tag 1 fühle ich mich hier angekommen“, sagt Sophie Heydenreich.

Zuvor hatte sie drei Jahre Medizin studiert. Bereits nach dem Abitur 2013 wusste die junge Frau, dass sie in der Geburtshilfe arbeiten wollte. Doch gab es wenige Ausbildungsplätze. So ließ sie sich als Rettungsassistentin ausbilden und ging fürs Medizinstudium nach Mainz. „Das Studium war sehr trocken. Ich habe nur in der Bibliothek gesessen.“ Als sie dann vom Hebammenstudium in ihrer Heimat erfuhr, merkte sie:

„Mein Herz schlägt für die Hebammen.“
Sophie Heydenreich, Hebammenstudentin

Ihr Medizinstudium half ihr im ersten Theorieblock an der Universität. Im ersten Semester standen Anatomie und gesunde Schwangerschaft auf dem Lehrplan. „Wir haben uns den Mutterpass genau angeguckt und gelernt, was Hebammen in Geburtsvorbereitungskursen sagen und welche Untersuchungen wir machen können“, erzählt die Rostockerin und benennt das Bauchabtasten, Wiegen und Blutabnehmen.

Einige Themen entstammen der Hebammenausbildung. Neu hinzugekommen sind das wissenschaftliche Arbeiten sowie die Theorien zur evidenzbasierten Hebammenwissenschaft, Gesundheits- und Kommunikationswissenschaft, so Lipke. „Wir haben mehr Ausbildungsteile in der Theorie“, vergleicht Heydenreich zu den bisherigen Hebammenschülerinnen. „Das Handwerk ist das gleiche.“

Ihre erste Geburt

Nach vier Wochen Theorie ging es für sie und ihre Kommilitoninnen das erste Mal in die Klinik. Bereits im ersten Semester war sie bei ihrer ersten Geburt dabei und betreute die Frau bei der Entbindung. „Die Betreuung ist das Hauptaugenmerk einer Hebamme im Kreißsaal“, erklärt Heydenreich. Ist die Frau in der richtigen Position, wie kommen die Wehen oder will sie noch mal in die Badewanne. Rückblickend sagt sie: „Als ich das erste Mal im Kreißsaal war, wusste ich, das ist meins. Ich heule nach jeder Geburt, weil ich es so schön finde.“

Anzeige

Vor Kurzem durfte sie mit ihrer Praxisanleiterin ihre erste Geburt anleiten, inklusive Plazentageburt und Abnabeln. „Ich war total aufgeregt. Alles, was ich theoretisch durchgehen konnte, war wie weggeblasen“, erzählt sie. Ihre Anleiterin legte dann die Hände auf ihre, gemeinsam holten sie das Kind auf die Welt.

Die junge Frau musste aber auch lernen, mit stillen Geburten umzugehen. Bereits im ersten Semester erlebte sie ihre erste Totgeburt. Was ihr half, war der Austausch mit ihren Kommilitoninnen. „Das braucht der Studiengang, weil es so intim ist“, findet Heydenreich.

Geburten üben mit Babyborn und Schauspielern

Jedes Semester endet mit zwei Klausuren und einer praktischen Prüfung, etwa zum Säuglingspflegebad. „Mit einer Babyborn kann ich das super üben“, verrät Heydenreich. Die Prüfung ist dann aber am lebendigen Kind. „Die Station ist immer gut besucht. Wir fragen eine Mama, ob wir ihr Kind baden können.“ Geburten üben werden die Studierenden auch bald an der Unimedizin in Rostock. Dort ist ein Skills Lab mit einem richtigen Kreißsaal im Biomedicum geplant.

Skills Labs ermöglichen Situationen in möglichst originalgetreuen Umgebungen zu erproben, erklärt Lipke. „Simulationspatienten, das sind Laien- oder Profischauspieler, spielen Situationen nach.“ Etwa Notfälle wie schwere Blutungen können so geprobt werden. Für Geburtssimulationen gibt es lebensgroße Gebärpuppen.

Etwa alle vier Wochen im Wechsel treffen sich die Studierenden zum Theorieteil in Rostock. Noch lernen sie in den Räumen der Beruflichen Schule. Das ist dem Umstand geschuldet, dass bis Sommer 2022 parallel der letzte Ausbildungsjahrgang unterrichtet wird. „Nach und nach wandern wir in die Universitätsmedizin aus“, so Lipke. Erste Vorlesungen werden bereits im Hörsaal gehalten.

Fehlen in MV Hebammen?

In nur neun Monaten hatte Antje Lipke mit der Unimedizin das Curriculum für den neuen Studiengang erarbeitet. „Die Dauer einer Schwangerschaft“, sagt sie. Aktuell läuft das Berufungsverfahren der Hebammenprofessur, alles im Zeitplan. Zwar hätte das Land MV eine Übergangsfrist zur Akademisierung des Berufs nutzen können, doch entschied sich die Regierung, direkt mit dem Studium zu starten. „Um dem Hebammenmangel entgegen zu wirken“, sagt Lipke.

Valide Zahlen, wie viele Hebammen in MV arbeiten und inwiefern es einen Mangel gibt, fehlen. Laut Ministerium gäbe es zwischen 270 und 280 Hebammen, so Kathrin Herold, Vorsitzende des Hebammenverbandes MV. Im Verband sind allein 267 registriert, vorwiegend freiberufliche. Sie vermutet erheblich mehr angestellte Hebammen.

Aufgrund der fehlenden Zahlen spricht Lipke von einem „gefühlten Mangel“. „Die Frauen berichten, dass sie keine Hebammen für die Vor- und Nachsorge finden. In den Kliniken fehlen Hebammen. Die Hebammen selbst sagen, dass sie überlastet sind und Frauen ablehnen müssen“, sagt Lipke. Als eine Ursache für einen Hebammenmangel benennt sie die aktuelle Haftungsregelung. „Freiberufliche Hebammen, die Geburtshilfe anbieten, müssen hohe Haftpflichtsummen zahlen“, erklärt Lipke.

Viele Hebammen hätten aufgegeben, außerklinisch zu arbeiten, so Lipke. Gründe dafür sieht Kathrin Herold weniger in der Haftpflichtversicherung, sondern in den Arbeitsbedingungen als Selbstständige, etwa die ständige Rufbereitschaft oder das fehlende Dienstsystem.

Junge Hebammen werden gebraucht

„Wir haben jahrelang einen Hebammenmangel prognostiziert“, sagt auch Kathrin Herold. Nun höre sie allerdings, dass sich Hebammen um Schwangere streiten. „In den Flächenlandkreisen haben wir Probleme, in den Städten nicht“, sagt sie. Laut Landkarte der Unterversorgung sähe es für MV im Vergleich zu anderen Bundesländern nicht so schlimm aus. In den Klinken könne zwar der Personalschlüssel erfüllt, doch keine Eins-zu-eins-Betreuung gewährleistet werden. Sie verweist zudem auf einen starken Alterungsprozess und darauf, dass ältere Hebammen aufgrund der immer digitaleren Aufgaben aussteigen. Junge Kollegen werden gebraucht.

„Die Frage ist, ob wir sie in Mecklenburg-Vorpommern halten können“, verweist Herold auf die stetige Abwanderung junger Hebammen. Angebote von Geburtskliniken in westdeutschen Bundesländern seien teilweise attraktiver.

Hoffnung schöpft Herold aus den Externaten, den außerklinischen Praxiseinsätzen, im Studium. Dort begleiten die Studentinnen freiberufliche Hebammen und knüpfen Kontakte – auch, um potenziell deren Praxen einmal zu übernehmen. An freiberufliche Hebammen appelliert sie: „Wir brauchen mehr Externate.“ Froh ist sie allerdings, dass sich die Landesregierung weiter um eine Hebammenausbildung bemüht hat. Die Alternative wäre das Studium in Lübeck gewesen. Viele junge Hebammen wären nicht zurückgekommen, mutmaßt Herold.

Keine Bewerbermangel

Wer heute Hebamme werden möchte, muss studieren. Schließt das nicht Bewerber aus? „In den Klassen hatte ich bereits vorher 98 Prozent Abiturienten sitzen“, berichtet Antje Lipke. Auch seien die Jahrgänge nicht kleiner oder größer als zu Berufsschulzeiten. Um die 25 Hebammenschülerinnen starteten pro Jahr. In der Universität waren es 2020 27, in diesem Jahr 24. Was aber die Studierenden zeigen: Hebamme ist ein weiblicher Beruf, alle Erst- und Drittsemester sind Frauen. „Ich hätte sehr gern männliche Hebammen“, sagt Lipke.

Sie berichtet zudem von sinkenden Bewerberzahlen. „Seit gut fünf Jahren sind sie rückläufig“, sagt Lipke und erinnert: „Früher haben sich 500 Bewerber auf zehn Stellen beworben.“ Heute seien es um die 200, schätzt sie. Gleichzeitig sagt sie mit Blick auf die Zahlen:

„Wir haben keinen Bewerbermangel.“
Antje Lipke, kommissarische Studiengangsleiterin Hebammenwissenschaft

Weiterlesen: Diese außergewöhnlichen Studiengänge kann man in MV studieren

In den Kreißsaal oder weiterstudieren

Die Akademisierung bringt auch eine Durchlässigkeit des Berufs. „Früher ist man Hebamme geworden und Hebamme geblieben“, so Lipke. Nun sei es möglich, weiter zu studieren. Ein Masterabschluss in Hebammenwissenschaft öffne Türen in Wissenschaft, Forschung und Lehre, aber auch in Managementposten. In Rostock wird kein Masterstudium angeboten, dafür in Hannover. Lipke mutmaßt aber: „Die meisten von ihnen werden in den Kreißsaal gehen.“

Sophie Heydenreich weiß noch nicht, ob sie später in einer Klinik oder als freiberufliche Hebamme arbeiten möchte. „Beides finde ich sehr schön.“ In der Wismarer Klinik könne sie dies kombinieren und als Beleghebamme Frauen in den Kreißsaal begleiten. Noch muss sie sich nicht entscheiden. Mehr als zwei Jahre Studium stehen ihr noch bevor, bevor sie sich Bachelor of Science nennen kann.