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Spendenaktion Wenn die Wünschewagenfahrt nicht mehr aus dem Kopf verschwindet

Von Karin Koslik | 18.01.2022, 15:53 Uhr

Die Rostockerin Karen Herborn unterstützt als psychologische Beraterin Ehrenamtler des ASB-Wünschewagens in Ausnahmesituationen.

Selbst langgediente Wünschewagen-Ehrenamtler sind davor nicht gefeit: Plötzlich geht ihnen das Schicksal eines Fahrgastes besonders nahe, verschwindet die Frage, wie es ihm wohl nach der Fahrt ergangen ist und ob er noch lebt, nicht mehr aus dem Kopf. Häufig passiert das, wenn besonders junge Menschen oder gar Kinder mit an Bord waren. Manchmal gibt es aber auch gar keinen erkennbaren Grund dafür, dass eine Wünschewagenfahrt so lange nachklingt und auch die erlernte professionelle Distanz, die viele aus ihrer Arbeit in einem Gesundheitsberuf mitbringen, nicht hilft.

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In solchen Situationen kann Karen Herborn häufig einen Ausweg weisen. Die Rostockerin begleitet nicht nur selbst Wünschewagenfahrten, sie steht dem Team auch als Supervisorin zur Seite. Wobei sie dieses Wort nicht so gern hört, lieber bezeichnet sie sich als Seelsorgerin oder, wenn das jemandem zu religiös klingen sollte, als psychologische Beraterin.

Wer Hilfe braucht, bleibt für die Projektleitung anonym

Wer Karen Herborns Unterstützung braucht, kann sich ohne Umwege an die 54-Jährige wenden. Alle Ehrenamtler kennen ihre Kontaktdaten. „Ob jemand Karens Hilfe tatsächlich in Anspruch genommen hat, erfahren wir erst, wenn eine Abrechnung reinflattert“, erklärt Bettina Hartwig, die das Wünschewagen-Projekt beim ASB-Landesverband Mecklenburg-Vorpommern leitet. Ganz wichtig ist ihr zu betonen, dass auch diese Rückmeldung anonym erfolgt – niemand erfährt also von psychischen Problemen eines Ehrenamtlers, wenn er sie nicht selbst öffentlich macht.

Auch Karen Herborn selbst bewahrt Schweigen darüber, mit welchen Anliegen Wünschewagen-Mitstreiter sich bisher an sie gewandt haben. Das Beispiel, an dem sie ihr Vorgehen schildert, wählt sie ganz bewusst aus einem anderen Bereich – einen Segelfluglehrer, der plötzlich Flugangst entwickelt. Es gebe in derartigen Situationen ein Ursprungserlebnis, das längst nicht immer mit dem zu tun hat, was später passiert, erklärt sie. „Bei dem Segelfluglehrer hat das mit der Flugangst angefangen, als ihm bei einem plötzlichen Sinkflug schwindlig wurde. Man geht dann zurück und versucht zu ergründen, wann ihm zum ersten Mal schwindlig war. Das lag schon sehr lange zurück, in der Kindheit, als er eine Lebensmittelvergiftung hatte. Die Folgen waren so schlimm, dass er ins Krankenhaus musste. Und da, ganz allein und ohne die Familie, hat er zum ersten Mal richtig schlimme Angst gehabt...“

Jeder hat seine individuelle Schwachstelle

Jeder habe seine Trigger, seine ganz individuelle Schwachstelle, erläutert die psychologische Beraterin. Hat man sie gefunden, könne die Logik von heute helfen, das damals Erlebte neu zu bewerten, so Karen Herborn. „In Hypnose klappt das zum Beispiel ganz hervorragend.“

Die gelernte Arzthelferin hat sich das dafür erforderliche Rüstzeug in einer Heilpraktiker- und Psychotherapie-Ausbildung geholt. „Hypnose war da der Schwerpunkt“, erklärt sie. Am besten wirke sie überall dort wo das eigene Ich einen kleinen Schubs braucht. „Der Verstand setzt uns Grenzen, sagt ,Das kann ich nicht’“, erläutert die Rostockerin. Mit Hypnose ließen sich diese Grenzen dann aber doch überwinden.

In anderen Fällen hilft es schon, wenn sie gemeinsam mit dem Ehrenamtler herausarbeite, warum ihm das Schicksal eines bestimmten Fahrgastes so besonders nah geht. „Er kann das selbe Parfüm benutzen wie jemand, den man einmal geliebt und der sich dann irgendwann getrennt hat. Oder eine Frau, deren letzter Wunsch erfüllt wird, ähnelt der eigenen, bereits verstorbenen Mutter“, beschreibt Karen Herborn zwei Konstellationen, die Problemen zugrunde liegen können.

Probleme bloß nicht in sich reinfressen

„Ganz wichtig ist es, darüber zu reden und das alles nicht einfach in sich reinzufressen“, betont sie. Doch hier macht den Ehrenamtlern die Corona-Pandemie schon seit längerem einen Strich durch die Rechnung. Früher, so erzählt Bettina Hartwig, sei das Team nach einer Wünschefahrt oft noch gemeinsam essen gegangen oder habe in einem Restaurant oder Cafe zumindest mit einem Gespräch den Tag ausklingen lassen. Das hätte auch dabei geholfen, dass sich Probleme oder Missempfindungen gar nicht erst in den Köpfen festsetzten. „Ich hoffe dass wir das bald wieder so machen können“, meint auch die Projektleiterin.

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