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500 Anrufer in zwei Monaten Weniger Scheu am Einsamkeitstelefon aufgrund der Corona-Zeit

Von dpa | 16.05.2020, 14:09 Uhr

Der Altersdurchschnitt aller Anrufer liege nun bei 60 Jahren – und damit rund zehn Jahre niedriger als vor der Krise.

Die Corona-Krise hat nach Einschätzung des Berliner Einsamkeitstelefons "Silbernetz" an Tabus gerüttelt. "Corona hat das Thema Einsamkeit und Vereinsamung ein Stück weit in die Normalität gebracht", sagte Gründerin Elke Schilling der Deutschen Presse-Agentur. Es riefen zum Beispiel doppelt so viele Männer an wie früher und auch jüngere Menschen ab 30. Je länger die Krise dauere, desto häufiger sprächen hochbetagte Anrufer auch über Lebensmüdigkeit.

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Seit rund acht Wochen ist das Berliner Einsamkeitstelefon, das vor eineinhalb Jahren entstand, bundesweit geschaltet. Seitdem hätten 2500 Menschen das Angebot genutzt, berichtete Schilling. Die 16 festen Mitarbeiter und 45 ehrenamtlichen Freiwilligen sind in Gesprächsführung und im Zuhören geschult, sie beraten aber nicht. In Krisensituationen geben sie auf Wunsch Kontakte zu professionellen Helfern weiter.

"Plötzlich etwas Normales"

Vor Corona habe es als Defizit gegolten, wenn jemand nicht im Stande war, soziale Kontakte zu pflegen, sagte Schilling. "Nun ist das plötzlich etwas Normales geworden." Darüber könnten jetzt auch mehr Männer sprechen. Machten sie früher rund zehn bis zwölf Prozent aller Anrufer aus, sei es jetzt ein gutes Drittel.

Altersdurchschnitt verschoben

Es gebe zwei Gruppen von Anrufern: Jene, die sich schon vor der Krise einsam fühlten. "Und dazu nun die Menschen, die aus ihrem aktiven und vernetzten Leben heraus- und in ihre eigenen vier Wände hineingeschubst wurden." Der Altersdurchschnitt aller Anrufer liege nun bei 60 Jahren – und damit rund zehn Jahre niedriger als vor der Pandemie. "Es rufen jetzt auch Menschen ab 30 an", sagte Schilling.

Sinn des Lebens hinterfragen

Neu sind seit Beginn der Corona-Krise bis zu fünf Mal mehr Anrufe von Menschen, die lebensmüde erscheinen. Es seien immer noch Einzelfälle – aber eben deutlich mehr als früher, erläuterte Schilling. "Sie hinterfragen angesichts der äußeren Umstände den Sinn des Lebens. Da stehen oft Zukunftsängste dahinter." Unter den Anrufern seien meist sehr alte Menschen, die sich Gedanken über ihre Restlebenszeit machten. "Meist ist es die Ungewissheit, ob sie jemals wieder vernünftig rauskommen können." Hinein mischten sich vor allem in Stadtzentren aber auch diffuse Versorgungs- und Existenzängste zum Beispiel vor Mieterhöhungen nach der Krise.