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Feiertage im Frauengefängnis der JVA Bützow Weihnachten ist am schlimmsten

Von Thomas Volgmann | 23.12.2010, 04:49 Uhr

Ostern geht noch. Silvester findet sie sogar schön, weil das Jahr dann endlich vorbei ist, sagt Anke Richter*. Doch Weihnachten ist am schlimmsten. Heiligabend kommen alle Gefühle hoch, das ist nur schwer zu ertragen.

Ostern geht noch. Silvester findet sie sogar schön, weil das Jahr dann endlich vorbei ist, sagt Anke Richter*. Doch Weihnachten ist am schlimmsten. "Heiligabend kommen alle Gefühle hoch, alle Erinnerungen, das ist nur schwer zu ertragen."

Es ist nicht das erste Weihnachtsfest, das die 27-Jährige hinter Gittern verbringt. Seit einem Jahr und zwei Monaten ist sie Strafgefangene in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bützow. Verurteilt wurde die Mecklenburgerin wegen Körperverletzung zu zwei Jahren Haft. Sie hatte eine andere Frau zusammengeschlagen. Es geschah im Suff, mehr will sie darüber nicht erzählen. Bereut hat sie ihre Tat längst.

Einsamkeit auf acht Quadratmetern

Am Heiligabend wird für die 31 Gefangenen der Frauenabteilung in Bützow wie an jedem Feiertag um 17 Uhr Einschluss sein. Dann beginnt die Einsamkeit auf acht Quadratmetern. Ein Bett, ein Stuhl, ein kleiner Fernseher. Von der Wand in Anke Richters Zelle lachen Kinder auf Familienfotos. Bilder wie aus einer anderen Welt. Ein Strauß mit Tannengrün und bunten Schleifen erinnert an das frohe Fest. Doch unter dem kleinen vergitterten Fenster der Zelle kommt nur schwer Weihnachtsstimmung auf.

"Die Familie fehlt mir am meisten", sagt die Gefangene. Gemeint sind ihre sieben Geschwister und ihre Eltern. "Weihnachten waren wir immer alle zusammen, das war die schönste Zeit im Jahr." Die Frau streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

Zucker ist verboten

Von ihren Eltern hat sie wie im vergangenen Jahr ein Paket bekommen. Fünf Kilogramm sind zu Weihnachten erlaubt. Drei Pakete dürfen im Jahr empfangen werden. Süßigkeiten, Zigaretten, Kaffee. Über die Bilder von den Neffen und Nichten hat sie sich am meisten gefreut.

Alkohol, Medikamente und Gegenstände wie Schere oder Messer sind verboten. Auch Zucker ist im Paket nicht erlaubt, weil Gefangene daraus Alkohol herstellen könnten.

Für alle, die kein Weihnachtspaket von den Angehörigen bekommen haben, springt die Anstalt mit einem staatlich gepackten Geschenkpaket ein.

Für die etwa 200 Justizvollzugbeamten in Bützow ist Weihnachten vor allem auch Stress. "Die Vorbereitungen laufen seit September", berichtet Jens Kötz, JVA-Sprecher.

Beschwingte Stunden hinter Mauern

Für Gefangene mit einwandfreier Führung wurde bereits Anfang Dezember eine zentrale Weihnachtsfeier mit Angehörigen organisiert. Inzwischen stehen geschmückte Tannenbäume in jedem Trakt, und sportliche Wettkämpfe mit kleinen Preisen sollen für Abwechslung sorgen.

Für die Frauen im Gefängnis wurde extra eine Tanzlehrerin engagiert. Sieben Gefangene nehmen an dem Kurs auf dem ausgebauten Dachboden des Frauengefängnisses teil. Beschwingte Stunden hinter 6,50 Meter hohen Mauern.

"Das Betreuungsnetz ist in der Weihnachtszeit viel enger als sonst", sagt Justizvollzugsbeamter Kötz. Allein in der Weihnachtswoche werden in Bützow sieben Gottesdienste angeboten. Seelsorger, Psychologen und Sozialarbeiter stehen gerade an den Feiertagen für Gespräche bereit.

Auf vorzeitige Entlassung verzichtet

Für Kötz hat sich die Mühe in den vergangenen Jahren immer gelohnt. "Wir hatten keinen einzigen Suizidversuch in dieser Zeit", sagt er stolz. Immerhin sind 500 Gefangene in der JVA inhaftiert. Der 46-Jährige wünscht sich zum Fest, "dass jeder in der Anstalt diese Zeit gut übersteht".

Anke Richter freut sich auf die Ente, die sie bestellt hat und am ersten Weihnachtstag selbst in der kleinen Küche des Frauengefängnisses für sich brutzeln wird. Es soll das letzte Weihnachtsfest in ihrer Zelle sein. Im kommenden Jahr wird sie entlassen und hat Pläne. Nach einer Berufsausbildung will sie Floristin werden.

Seit acht Monaten sitzt die 27-Jährige im Gefängnis wieder auf der Schulbank, um den vor Jahren versäumten Hauptschulabschluss nachzuholen. Dafür verzichtet sie vorerst sogar auf die Chance zur vorzeitigen Entlassung.

Anke Richter spricht von einem "Neustart" und will vor allem eines: Nie mehr ein Weihnachtsfest hinter Gittern verbringen müssen. Sie weiß, dass sie es selbst in der Hand hat.

* Name von der Redaktion geändert