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70 Jahre SVZ: Ein Redakteur erinnert sich Warum mich die Königin besser verstand als der König

Von Holger Kankel | 01.07.2022, 07:10 Uhr

Ein unbedingt ernst gemeinter Rückblick auf meine ersten 1000 Jahre bei der SVZ.

Als die Schweriner Volkszeitung gegründet wurde, konnte ich leider gerade nicht dabeisein. Ich war noch nicht geboren. Aber kurz darauf, 1989, begegnete ich ihr zum ersten Mal. Und was soll ich sagen: Sie ließ mich nie wieder los. Oder ich sie. Wie das so ist in langjährigen Beziehungen. Man denkt immer mal wieder dran, fortzureiten in den Sonnenuntergang und landet doch wieder nur in derselben Bar bei Helga vor dem Tresen.

Einmal hätte ich den Absprung fast geschafft. Wir wollten ein Arbeitslosentheater gründen. Das Thema Arbeitslosigkeit lag damals, kurz nach Wende, wie so viele Menschen auf der Straße. Wir hatten schon Fördergelder und einen Dramatiker und richtige Schauspieler und wollten über die Lande ziehen, um unseren Menschen mit Theaterstücken zu erklären, was nun auf sie zukommen würde an lustigen Beamtenspielchen, Kollegenfouls und unfairen Disqualifikationen. Dann kam das ZDF, drehte einen Film über unser Theater, das es erst auf dem Papier gab. Zum Schluss ging unser Theaterkahn auf dem Bildschirm wirkungsvoll unter. Passt ja in MeckPom irgendwie immer. Also blieb ich weiter an meine Schreibtischgaleere gekettet.

Viele Chefredakteure erlebt

Ich habe vier Chefredakteure erlebt. Dem ersten schrieb ich einen Brief, weil ich seine Kommentare nach einer Chinareise zur Notwendigkeit des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens nicht so gut fand. Er hat nie wieder ein Wort mit mir geredet – auch als Rentner nicht. Beim zweiten weiß ich bis heute nicht, wie ich ihn schreibend unter so vielen Tränen verabschieden konnte. Der dritte hielt es für eine gute Idee, auf der kompletten Titelseite die US-Flagge zu drucken, als eine Art Winkelement, um Präsident Bush im Pferdeparadies Tribsees patriotisch begrüßen zu können.

Womit er eindrucksvoll demonstrierte, wie gut er uns Ehemalige und unsere Gefühle noch immer nicht durchschaut hatte. Der vierte blieb nicht sehr lange. Eine Kollegin erfand für ihn den Spitznamen „Die Schnalle“, weil er auffällige Gürtelschnallen liebte. Ansonsten: gescheitertes Peter-Prinzip. Der Fünfte und Aktuelle ist ein begnadeter Moderator und – aber ich werde mich doch hier nicht um Kopf und Kragen schreiben.

Von Heiner Müller verarscht

Wenn man 1000 Jahre bei ein und derselben Zeitung überlebt, kann man natürlich zwangsläufig einiges erleben. Ein blaues Wunder bescherte mir der große deutsche Dichter Heiner Müller, mit dem ich zum Interview verabredet war. In einer der vielen Pausen zur Uraufführung seines Dramas „Germania. Tod in Berlin“ wollte er in einem Berliner Theater Zeit für mich haben.

Die erste Pause kam, ich sprach ihn an, er vertröstete mich auf die nächste Pause und verschwand mit seiner Entourage in einer nahen Bar. Und so auch in den folgenden 26 Pausen. Oder so. Ich habe ihm längst verziehen. Wie könnte ich jemandem böse sein, der seinen Hamlet an der Küste mit der Brandung BLABLA sprechen lässt, „im Rücken die Ruinen von Europa…“ Und mal ehrlich. Wer kann schon von sich behaupten, von Heiner Müller nach allen Regeln der Theaterkunst verarscht worden zu sein.

Als wir das Sandmännchen retteten

Das Fernsehen filmte mich dann noch einmal. Der NDR kam zu Besuch mitten in einer Kampagne gegen den NDR. Der wollte uns das Sandmännchen wegnehmen und strahlte den Abendgruß ab dem 1. Januar 1992 nicht mehr aus. Das sei ein Relikt aus den 50er-Jahren, hieß es feige aus den Hamburger Chefetagen. Im Übrigen, so Intendant Jobst Plog nach der Übernahme der Funkhäuser in Rostock und Schwerin, habe der NDR doch „die international besten Kindersendungen“. Na, da hatte er was gesagt.

Nach 17 Tagen, 18.990 Protestbriefen und -karten sowie 15.025 Unterschriften unserer Leser musste auch „Das Beste am Norden“ den Sandmann wieder ausstrahlen, wenn es das Beste bleiben wollte. Immer diese Befindlichkeiten.

Als das Wünschen noch half und die Welt ein bisschen freundlicher war, durfte am 1. April nie der Aprilscherz im Blatt fehlen. Den größten Erfolg durfte Kollege Tom einfahren, als er Anfang der 90er-Jahre die Schlagzeile erfand „Sozialistische Ehen ungültig“. Das Telefon klingelte an diesem denkwürdigen Tag ununterbrochen. Am Apparat vor allem anonyme Herren, die sich nach Einzelheiten erkundigten, wie man am schnellsten das Joch der Ehe abstreifen könnte.

„Treffen Erich Hockers mit Kunst- und Kulturschafenden“

Für viel Heiterkeit in der größten DDR der Welt sorgte ein noch heute legendärer Setzfehler, der den Generalsekretär und Staatsratsvorsitzenden auf der ersten Seite in dieser konterrevolutionären Schlagzeile verewigte: „Treffen Erich Hockers mit Kunst- und Kulturschafenden“. Erich selbst muss es wohl, im Vergleich zu den Schweriner Hofschranzen, ausnahmsweise mit Humor genommen haben, denn Köpfe sind damals nicht gerollt.

Einmal musste ich Spross einer armen vorpommerschen Bäckerfamilie sogar einen Ausflug in die Welt des blauen Blutes unternehmen und das schwedische Königspaar auf ihrem Schloss in Stockholm besuchen. Silvia von Schweden und Carl XVI. Gustaf wollten Schwerin besuchen und ich sollte bei einer Tasse Kaffee vorher alles klar machen.

Was soll ich sagen. Die Beamten des Hofes schlugen fast Purzelbäume, um uns die Hofetikette einzubläuen. Die beiden Majestäten aber waren richtiggehend nett. Ich stellte sogar eine intelligente Frage – in meiner Art, intelligente Fragen auf Englisch zu stellen. Nach meiner Frage sah mich der König an. Ich sah den König an. Wir sagten beide nichts. (Danke, Tucholsky!) Gott sei Dank war die wirklich wunderschöne Königin eine Deutsche und konnte ihrem Mann mein Englisch übersetzen.

Das war dann auch schon mein Höhepunkt auf der Promi-Skala. Bis zum Papst werde ich wohl nicht mehr vordringen. Aber was könnte ich alter Rügener Heide Ihre Heiligkeit schon fragen?

Interviews mit Iris Berben und Henry Hübchen

Iris Berben traf ich in ihrem kleinen, jüdischen Lieblingsrestaurant. Ein Oberkellner steckte Katrin Sass nach unserem Interview in einem Berliner Cafe ein Stückchen ihrer Lieblingstorte zu. Henry Hübchen und Ulrich Tukur kochten bei sich zu Hause ganz ungezwungen Tee. Und Armin Mueller-Stahl rief ich in Hollywood leider eine Stunde zu früh an. Hatte mich mal wieder verrechnet.

Erinnerungen. Aber an irgendetwas muss man sich ja klammern, wenn man in den barbarischen Zeiten von Rohrpost, Bleisatz, Lochbändern, Erika-Schreibmaschinen, Typometern und vollgequalmten Büros Zeitung gemacht hat.

Heute wird jeden Monat eine neue computergesteuerte Sau durch die Redaktionsräume gehetzt. Die natürlich aufs Prächtigste gedeihen und groß und fett werden wird, die Sau. Aber diese Geschichte sollen dann in noch einmal 1000 Jahren andere erzählen.

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