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Teterow Warum Candy sterben musste

Von Frank Pubantz | 23.09.2009, 08:44 Uhr

Bauern in Mecklenburg-Vorpommern sind stinksauer. Da die Politik keinen Einfluss auf die Erhöhung des Milchpreises nehme, brachten sie gestern symbolisch rund 100 Kühe zum Teterower Schlachthof. In der Kritik: Agrarminister Till Backhaus (SPD), der sein Wort nicht gehalten habe.

Eine filmreife Inszenierung: Klaus-Dieter Augustin führt seine Spitzenkuh Candy zur Schlachtbank, rund 150 Landwirte stehen Spalier, aus Lautsprechern schallt das Lied vom Tod. "Das fällt mir sehr schwer", sagt Augustin, ein Bauer aus der Nähe von Greifswald, gedrückt. Seine Familie verstehe nicht, was er hier tue. "Aber es muss sein." Candy ist eine 100 000-Liter-Kuh. So viel Milch schaffen nicht viele im Leben. Sie habe auf seinem 260-Kühe-Hof "eine Dynastie" begründet, kam vor 14 Jahren als Embryo aus Amerika. "Eigentlich sollte sie bei uns ihr Gnadenbrot erhalten", sagt Augustin. Kurz darauf übergibt er die Milchkuh an Jörg Jentsch vom Teterower Schlachthof. Candy muss sterben - für eine gute Sache, glaubt Augustin.

Den Milchbauern im Land platzt der Kragen. Dass sie nur 20, 21 Cent je Liter Milch von den Molkereien bekommen, sei nicht mehr hinnehmbar. 40 Cent fordert der Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM). Der Bauernverband hielt sich bisher zurück - ein gespaltener Berufsstand.

Das war gestern anders. Güstrower Kreisbauernverband und BDM lotsten rund 35 Betriebe nach Teterow. Gemeinsam wollten sie "ein Zeichen" setzen, so Vorsitzender Matthias Hantel. Eines, das auch wahrgenommen wird. Vor Kameras wettert Hantel auf Agrarminister Backhaus. Der habe einen Beschluss des Landesbauernverbandes nicht umgesetzt, obwohl vorher zugesagt (das Ministerium bestreitet das). Enttäuschung treibt die Bauern-Lager zusammen. Die Basis solidarisiere sich miteinander, so Hantel: "Es ist egal in welchem Verband man ist."

Streitpunkt ist die so genannte Saldierung der Milchmengen. Die Bauern fordern, dass nicht mehr Milch auf den Markt kommt, als festgelegt. Die Rechnung: Weniger Milch soll den Preis aus dem Keller holen - "Psychologie des Marktes", nennt das BDM-Mitglied Eckhard Meiners aus Bützow. Die Politik sollte die Mengen-Regulierung wenigstens in Deutschland durchsetzen.

Wie es sonst geht, demonstrieren die Bauern gestern in Teterow: durch das ungeliebte Mittel der Schlachtung. Rund 100 Kühe gehen ihren letzten Weg, obwohl sie noch Milch geben. Hantel warnt vor dem Zusammenbruch der Landwirtschaft in MV, ja mehr: "Zuerst gehen die Tiere, dann folgen die Menschen."

Es stehe wirklich schlimm, bekräftigt Karl-Heinz Stiewe (BDM) aus Raden. Es könne nicht sein, dass die Bauern an die Molkereien liefern, aber erst 50 Tage später den - geringen - Milchpreis erfahren. "Feudalismus?", fragt Stiewe. Reinhard Dettmann, Chef des Städte- und Gemeindetages, sichert Rückhalt zu: "Traurig, dass diese hier sterben müssen."